Verdauungsbeschwerden sind oft ein Tabu, dabei betreffen sie Millionen Menschen. Ernährungsmedizinerin Luisa Werner erklärt, wie der Darm wieder Ruhe findet – und warum dabei nicht nur die Ernährung eine Rolle spielt.
Ernährungsmedizinerin über Verdauungsprobleme„Unser Lebensstil ist sehr darmunfreundlich“

„Offener darüber sprechen“: Der Darm ist unser zweites Gehirn – und das einzige Organ im Körper, abgesehen vom zentralen Nervensystem, das ein eigenes Nervensystem hat. . RND
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Blähungen, Verstopfungen, Bauchschmerzen, Durchfall: Verdauungsprobleme können zur Qual werden – vor allem, wenn sie regelmäßig auftreten. Luisa Werner hat genau das erlebt. Sie hat es geschafft, ihre Beschwerden unter Kontrolle zu bringen und klärt nun als Ernährungsmedizinerin darüber auf, was dem Darm guttut.
Frau Werner, wie kommt eine junge Frau wie Sie zur Darmgesundheit?
So ungewöhnlich ist das gar nicht. Gerade junge Frauen sind oft von Verdauungsbeschwerden betroffen. Bei mir haben die Beschwerden während meines Studiums angefangen. Nach einer Auslandsreise, bei der ich einen schweren Magen-Darm-Infekt hatte, habe ich Verdauungsprobleme und plötzlich diverse Unverträglichkeiten bekommen. Laktose, Histamin, Gluten, FODMAPs …
Was sind FODMAPs?
Das steht für fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide und (and) Polyole. Also vereinfacht gesagt, Kohlenhydrate, die von Darmbakterien im Dickdarm fermentiert werden. Sie finden sich unter anderem in Zwiebeln, Knoblauch, Weizen und Hülsenfrüchten. Eine FODMAP-Intoleranz kann plötzlich auftreten, zum Beispiel nach einem Magen-Darm-Infekt oder einer Antibiotikaeinnahme; sie kann sich aber wieder bessern. Es ist keine Unverträglichkeit, die man sein Leben lang behält.
Ihr Interesse am Darm resultiert also aus einer persönlichen Betroffenheit.
Ja, weil ich irgendwann gar nicht mehr wusste, was ich überhaupt noch essen kann. Alle Untersuchungen waren unauffällig. Ich wurde von meinen ärztlichen Kolleginnen und Kollegen damit allein gelassen. Und dann dachte ich mir: Nein, damit möchte ich nicht leben. Schließlich ist es eine enorme Einschränkung im Alltag: Man kann nicht mehr essen gehen, man kann sich nicht mehr mit Freunden treffen, weil man jeden Tag Bauchschmerzen hat.
Also habe ich meine Therapie selbst in die Hand genommen, habe mich eingelesen, Fortbildungen gemacht und mich nach der Approbation zur Ernährungsmedizinerin weiterbilden lassen. Stück für Stück habe ich gelernt, wie der Darm funktioniert, was er braucht, was ihm schadet – und so habe ich es geschafft, heute beschwerdefrei zu sein.
Sie klären auf Social Media über die Darmgesundheit auf. Inwiefern ist das Thema immer noch ein Tabuthema?
Eine Kollegin sagte mir einmal: Tabuthemen einer Kultur erkennt man an der Sprache – und zwar an den Schimpfwörtern. In Deutschland gibt es viele Schimpfwörter, die den Stuhlgang betreffen. Dagegen gehen die Schimpfwörter in den USA eher in Richtung Sexualität. Doch mal abgesehen davon finde ich tatsächlich, dass über die Darmgesundheit hierzulande zu wenig gesprochen wird. Allein circa zwölf Millionen Menschen haben das Reizdarmsyndrom. Und dann gibt es noch verschiedene andere Darmerkrankungen. Also, die Darmgesundheit geht uns alle an, deshalb sollten wir viel offener darüber sprechen.
Viele stellen sich den Darm als ein langes Rohr vor, durch das unser Essen wandert und unten wieder herauskommt. Dabei ist der Darm viel komplexer. Er beeinflusst den Cholesterinspiegel, das Herz-Kreislauf-System, die Hormonbildung, das Immunsystem …
Er ist also fast unser zweites Gehirn.
So kann man es sagen. Der Darm ist das einzige Organ in unserem Körper, abgesehen vom zentralen Nervensystem, das ein eigenes Nervensystem hat. Wir sprechen vom enterischen Nervensystem. Ein Geflecht um den Darm herum, das verschiedene Dinge wahrnimmt: Wie warm ist das Essen? Wie viele Proteine enthält es? Sind Bakterien drin? Dieses enterische Nervensystem und das zentrale Nervensystem sind immerzu im Austausch. Die Verbindung wird als Darm-Hirn-Achse bezeichnet. Inzwischen wissen wir, dass der Darm sogar mehr Informationen zum Gehirn sendet als andersherum.
Sie sprachen von allein zwölf Millionen Reizdarmpatientinnen und -patienten in Deutschland. Inwiefern nehmen Verdauungsbeschwerden zu?
Wenn man sich die Zahlen anschaut, nehmen sie tatsächlich ein Stück weit zu.
Woran liegt das?
Die genauen Ursachen dafür sind unklar. Aber ich denke, dass es verschiedene Gründe dafür gibt. Zum einen gibt es ein größeres Bewusstsein für Verdauungsbeschwerden. Die Signale des Darms werden ernster, und dann wird gegebenenfalls auch ärztliche Hilfe in Anspruch genommen.
Zum anderen ist unser Lebensstil sehr darmunfreundlich. Viele Menschen sind zunehmend gestresst, Essen wird nicht mehr als Kultur oder Lebensqualität, sondern oft als nerviges Übel gesehen. Man isst schnell einen Happen vor dem PC oder auf dem Weg zur Bahn. Dabei kann unser Darm nur gut funktionieren, wenn er Ruhe und Entspannung hat. Wenn der Parasympathikus, das System in unserem Körper, das für Erholung, Regeneration und Heilung zuständig ist, aktiv ist.
Hinzu kommt, dass viele Menschen sich von hoch verarbeiteten Lebensmitteln ernähren. Diese Lebensmittel bieten wenige Ballaststoffe, dafür aber viel Zucker, Fett und Kalorien. Stoffe, die unserem Darm eher nicht guttun. Darmfreundlicher ist es, sich abwechslungsreich zu ernähren – mit Obst und Gemüse, Hülsenfrüchten oder auch fermentierten Produkten.
Bei welchen Signalen des Darms sollten wir hellhörig werden?
Wenn man über drei Monate regelmäßig Beschwerden hat – Blähungen, Bauchschmerzen, wechselnder Stuhlgang mit Durchfall und Verstopfungen –, sollte man das ärztlich abklären lassen. Besonders wichtig ist ein Arztbesuch, wenn Blut im Stuhl auftaucht, man nächtliche Durchfälle bekommt oder ungeplant Gewicht verliert.
Wie wichtig sind aus Ihrer Sicht Vorsorgeuntersuchungen bei der Darmgesundheit?
Sie sind sehr wichtig, weil wir damit etwa das Darmkrebsrisiko senken können. Es gibt zwei verschiedene Untersuchungen, die man durchführen kann: einen Stuhltest, bei dem etwa geschaut wird, ob sich Blut im Stuhl befindet, und eine Darmspiegelung. Letztere können Frauen und Männer ab 50 Jahren alle zehn Jahre durchführen lassen. Ich weiß aber auch, dass viele Menschen Angst vor dieser Untersuchung haben.
Was hilft gegen die Angst?
Gute Aufklärungsarbeit. Ich habe vor Kurzem selbst eine Darmspiegelung bekommen und habe dann online darüber berichtet. Nicht das schönste Thema, ich weiß. (lacht) Aber durch die Narkose bekommt man von der Untersuchung selbst gar nichts mit. Eigentlich ist nur die Vorbereitung mit dem Abführmittel, das man vorab einnehmen muss, unangenehm. Aber auch das ist machbar. Wenn man dafür dann schwere Erkrankungen frühzeitig entdeckt, ist der Nutzen der Untersuchung viel größer.
Wie kann man es schaffen, dass im Darm wieder Ruhe und Frieden einkehren?
Erst einmal braucht es ein Gefühl für den eigenen Körper. Dazu gehört auch, herauszufinden: Wann wird der Darm unruhig? Ist das zum Beispiel jedes Mal nach dem Cappuccino mit Milch? Dann kann man mal Hafer- oder laktosefreie Milch probieren. Gerade im Alter werden viele Menschen laktoseintolerant, weil der Körper immer weniger von dem abbauenden Enzym Lactase produziert. Oder ist Stress das Problem? Macht der Darm im Urlaub keine Probleme, aber jedes Mal auf der Arbeit? Dann kann man Atemübungen und Entspannungstechniken ausprobieren, gerade auch vor dem Essen.
Auch der weibliche Zyklus, Nahrungsergänzungsmittel oder die Ernährung selbst können Auslöser für Verdauungsbeschwerden sein. Wenn man morgens mit einem Toast mit Marmelade in den Tag startet, mittags Nudeln und abends Brot isst, fehlen etwa Ballaststoffe. Bei Ballaststoffen gilt: den Darm langsam daran gewöhnen. Sonst können ebenfalls Verdauungsprobleme auftreten.
Man kann schon mit kleinen Schritten große Erfolge erzielen. Indem man etwa morgens zusätzlich eine Handvoll Beeren isst, zu den ungesalzenen Nüssen statt zu den Chips greift oder statt hellem Toast Vollkornprodukte bevorzugt. Je vielfältiger unsere Ernährung ist, desto vielfältiger ist auch das Darmmikrobiom.
Im Trend sind Probiotika, die lebende Mikroorganismen enthalten und die Darmflora verbessern sollen. Können diese Präparate wirklich helfen?
Beim Reizdarmsyndrom können Probiotika dabei helfen, Beschwerden zu lindern. Das haben Studien gezeigt. Trotzdem sollte man nicht einfach irgendwelche Probiotika zu sich nehmen. Denn jeder Mikroorganismus hat seine eigene Aufgabe. Wenn man also seinen Blähbauch loswerden will, aber irrtümlicherweise Probiotika für die Hautflora nimmt, bringt das Präparat nichts. Bei ganz vielen verkauften Präparaten stellt sich zudem die Frage, ob die Bakterien darin überhaupt noch leben.
Also, ich würde Probiotika nur in spezifischen Fällen einnehmen – wenn man wirklich ganz genau weiß, was die Beschwerden verursacht. Ansonsten kann man seinen Darm auch unterstützen, indem man eben viele pflanzliche Lebensmittel, fermentierte Produkte und Ballaststoffe isst. Das ist auch deutlich günstiger.