Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Corona trotz Biontech & Co.: „Die Impfung schützt eben nur zu einem bestimmten Anteil“

Arzt Spritze Impfung

Ein Arzt zieht eine Spritze mit Impfstoff gegen das Coronavirus auf. (Symbolbild)

Foto:

dpa

Köln/Düsseldorf -

Ungefähr jeder zehnte der im August und September wegen Corona auf Intensivstationen behandelten Patienten war vollständig geimpft. Das geht aus einer Ende September übermittelten Antwort des Bundesgesundheitsministeriums auf eine Anfrage der Linken- Bundestagsabgeordneten Sahra Wagenknecht hervor.

Die Politikerin reagierte scharf: „Ausmaß und die Tendenz dieser Quoten machen klar deutlich, dass die 2G-Regeln und die Lohnstreichung für Ungeimpfte vollkommen willkürliche Maßnahmen sind“, sagte sie, die Abschaffung der kostenlosen Coronatests sei eine „krasse Fehlentscheidung“.

Verzehnfachung der Zahlen, aber laut Experten kein Grund zur Sorge

Das Ministerium verweist in seiner Antwort auf die Wochenberichte des Robert Koch-Instituts (RKI), in denen die Zahl der Impfdurchbrüche veröffentlicht wird. Als Impfdurchbruch gilt demnach eine Corona-Infektion mit „klinischer Symptomatik“ bei einer vollständig geimpften Person.

Die Zahlen schwanken: Von Februar bis Mitte September waren 11419 Corona-Patienten intensivmedizinisch versorgt worden; bei 210 davon wurde von einem Impfdurchbruch ausgegangen (1,84 Prozent). Das änderte sich dann: Im Zeitraum von Mitte August bis Mitte September waren 1186 Corona-Patienten auf Intensivstationen, bei 119 davon wurde ein Impfdurchbruch angenommen, was 10,03 Prozent der Fälle entspricht – immerhin eine Verzehnfachung der Quote.

Das RKI zeigt sich nicht überrascht: „Dass im Laufe der Zeit mehr Impfdurchbrüche verzeichnet werden, ist erwartbar, da generell immer mehr Menschen geimpft sind und sich Sars-CoV-2 derzeit wieder vermehrt ausbreitet. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, als vollständig geimpfte Person mit dem Virus in Kontakt zu kommen.“

Zastrow

Jürgen Zastrow, HNO-Arzt und Leiter des Kölner Impfzentrums

Foto:

Thomas Banneyer

Jürgen Zastrow, Leiter der Kassenärztlichen Vereinigung in Köln, sieht keinen Grund zur Sorge. Schließlich sei die absolute Zahl der Geimpften, die auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, äußerst gering. „Die Impfung schützt vor Infektionen eben nur zu einem bestimmten Anteil – nicht zu 100 Prozent, sondern zu 95 Prozent“, so Zastrow.

Wären also in Köln eine Millionen Menschen geimpft, könnten sich 50000 weiterhin infizieren. Daher sei es natürlich und erwartbar, dass die Zahl der Impfdurchbrüche mit steigender Impfquote ansteigt. „Es ist erfreulicherweise eine verschwindend kleine Anzahl an geimpften Infizierten, die auf den Intensivstationen landet“, so Zastrow.

Wagenknechts Kritik „absolut bescheuert"

Die kritischen Schlussfolgerungen, die Sahra Wagenknecht aus den Zahlen zieht, nennt Zastrow „absolut bescheuert“ – auf den Intensivstationen befänden sich aktuell mehr als 90 Prozent Ungeimpfte.

„Und die Älteren, bei denen wir zu Beginn so viele Todesfälle hatten, machen jetzt nur noch einen Anteil von unter zehn Prozent aus“, sagt Zastrow. Bei mehr als einem Drittel handele es sich mittlerweile um Intensivpatientinnen und -patienten unter 30 Jahren. „Das sind die jungen Ungeimpften, die von sich sagen, sie bräuchten sich nicht impfen lassen, weil sie ja sonst auch nie krank sind. Das ist eine einfältige und realitätsfremde Einstellung“.

Inzidenz bleibt stabil

In Deutschland sind nach RKI-Daten vom Mittwoch 65,4 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, das sind über 54 Millionen Menschen; mindestens einmal geimpft sind demnach 68,6 Prozent aller Bürger und Bürgerinnen. In NRW ist die Tagesinzidenz am Mittwoch von 52,0 auf 49,8 gefallen. Der Anteil der Covid-Patienten auf den Intensivstationen liegt bei 5,54 Prozent. Die höchste 7-Tagesinzident erreicht Minden-Lübbecke (156,6), Viersen weist mit 29,8 den niedrigsten Wert aus.

In seiner aktuellen Bewertung der Impf-Situation nennt das Paul-Ehrlich-Institut für Deutschland 156.360 gemeldete Verdachtsfälle von Nebenwirkungen oder Impfkomplikationen. Die Melderate für alle Impfstoffe lag demnach bei 1,5 Meldungen pro 1000 Impfdosen, für schwerwiegende Reaktionen gab es bei 0,15 Meldungen pro 1000 Impfdosen.

Susanne-Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts, sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Wichtig ist es zu beachten, dass es sich bei Verdachtsfallmeldungen um Meldungen von Reaktionen handelt, die in zeitlicher Nähe zur Impfung aufgetreten sind. Nicht jede Reaktion, die nach einer Impfung auftritt und als Verdacht einer Nebenwirkung oder Impfkomplikation gemeldet wird, ist gleichbedeutend mit von dem jeweiligen Impfstoff verursachten körperlichen Beschwerden. Krankheiten oder körperliches Unwohlsein treten auch unabhängig von Impfungen auf.“

Lauterbach 220221

Karl Lauterbach

Foto:

dpa

Zur Diskussion um die Impfdurchbrüche verwies Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD, darauf, dass die Wirksamkeit des Impfstoffs nach sechs Monaten nachlasse. „Deshalb wird für über 70-Jährige und Risikopatienten eine Auffrischungsimpfung schon nach einem halben Jahr empfohlen“, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Zudem hätten Patienten mit Impfdurchbrüchen nur in den seltensten Fällen einen schweren Verlauf. „Deshalb ist die Impfung ein Lebensretter, auch wenn die Impfung keine 100-prozentige Sicherheit mehr vor Ansteckung gibt“, sagte er, „auf den Intensivstation liegen fast nur Ungeimpfte. Je mehr Menschen geimpft sind, um so größer wird das relative Risiko von ungeimpften, schwer zu erkranken. Ungeimpfte könnten, wenn wir jetzt alle Schutzmaßnahmen aufheben würden, mit ganz großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sie die Infektion in den nächsten Wochen treffen wird.“

NRW-Gesundheitsminister: Höheres Risiko für Umgeimpfte

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Wer nicht geimpft ist, hat ein vielfach höheres Risiko, schwer an Corona zu erkranken oder zu versterben. In unseren Krankenhäusern ist die deutlich überwiegende Mehrheit der Corona-Patienten ungeimpft.“

Auch er verwies darauf, dass es eine 100-prozentige Sicherheit durch Impfung nicht geben könne und sich also auch geimpfte Personen mit Corona infizieren könnten. „Klar ist auch“, sagt Laumann, „dass wenn der Anteil der Geimpften zunimmt, die Wahrscheinlichkeit steigt, unter den Infizierten mehr Geimpfte sind. Dies sind aber immer noch verhältnismäßig wenige und ihre Krankheitsverläufe sind in der Regel bedeutend milder oder sogar symptomfrei.“ (mit dpa)