Briketts lösten die stinkenden Klütten ab

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Zuerst gab es die Klütten. Dann kamen die Nasspresssteine, und schliesslich produzierte die Brühler Roddergrube die ersten „Briquets“ im rheinischen Revier.

Erftkreis - Vor 125 Jahren, am 2. März 1877, erschien auf der Titelseite des „Stadt-Anzeiger“ der Kölnischen Zeitung eine Anzeige, die aufhorchen ließ. Es war die erste Werbung für ein Produkt aus dem linksrheinischen Braunkohlenrevier, für „Briquets aus Braunkohle“, wie es in der Annonce hieß. Einen Tag zuvor waren auf der „neu errichteten Briquetfabrik“ der Aktiengesellschaft „Brühl-Godesberger Verein für Braunkohlen-Verwer¦thung zu Brühl“ die ersten Briketts gepresst worden.

Nun hoffte man, das neue Produkt speziell auch als Brennstoff für die Haushaltungen zu verkaufen. Entsprechend hatte das Unternehmen auch den Anzeigentext abgefasst. Offeriert wurde ein preiswertes, angenehmes, dabei „in der Form elegantes und sauberes Brennmaterial“, das die gleiche Heizkraft besitze „wie gute Steinkohle“.

Aufgegeben hatte die Anzeige die Kölner Firma Cohnen & Flemming, die sich den Alleinverkauf der Briquets gesichert hatte. Einer der Inhaber, Emanuel Flemming, war übrigens vor seinem Wechsel in die Selbstständigkeit Vorstandsmitglied des Brühl-Godesberger Vereins.

Schlechte Erfahrungen

Diese am 23. Mai 1873 gegründete Gesellschaft erwarb die bei Brühl gelegenen Braunkohlenfelder „Roddergrube“ und „Josephsberg“ . Sie errichtete eine Nasspresssteinfabrik, die anfangs einen guten Absatz verzeichnete. Mit den handgeformten Klütten, die erbärmlich stanken, hatten die Verbraucher schlechte Erfahrungen gemacht, und sie trauten auch den maschinengefertigten Nasssteinen nicht. Das hatte eine Absatzflaute zur Folge. Schließlich gab es noch die Steinkohle als einen ernstzunehmenden Mitbewerber.

Schon im Jahre 1872 waren in Mitteldeutschland die ersten brauchbaren Briketts aus Braunkohle hergestellt worden. Es waren im Gegensatz zu den Vorgängern trockengepresste, Ziegelsteinen ähnliche Braunkohlenklötze.

Das rheinische Unternehmen bediente sich der Erfahrung der mitteldeutschen Industrie und mit Unterstützung von Hermann Bleibtreu und Hermann Gruhl - die auch als Vorkämpfer der Brikettierung bezeichnet werden - entstanden in den folgenden Jahren im Raum Brühl / Liblar zwei weitere „Brikettanstalten“, wie sie seinerzeit bezeichnet wurden.

Das Brühl-Godesberger Unternehmen errichtete eine neue Fabrik, die Roddergrube, mit direktem Eisenbahnanschluss. So konnte am 1. März 1877, also vor 125 Jahren, in dieser Fabrik das erste rheinische Brikett gepresst werden. Möglich wurde das auch durch die Erfindung des Münchener Postrates Carl Exter (1816 - 1870), der als Erfinder der Brikettpresse gilt. Sie wurde 1858 erstmals und mit Erfolg in Halle / Saale erprobt. Diese Strangpresse verdichtete getrocknete Braunkohle unter hohem Druck zu etwa pfundschweren Energiepaketen.

Der erhoffte rapide Absatz der „Briquets“ aber blieb dennoch aus. Die Verbraucher blieben nach den schlechten Erfahrungen mit der Braunkohle (Klütten, Nasspresssteine) skeptisch. Das führte 1878 sogar zur Liquidation der Brühl-Godesberger Gesellschaft. Erst 1890 setzen sich die Briketts durch und traten ihren Siegeszug an. Daran war ausgerechnet die Konkurrenz, die Steinkohle von der Ruhr, nicht ganz unschuldig. Die große Streikwelle im Ruhrgebiet und damit verbundene Lieferschwierigkeiten verhalfen der Braunkohle zu ungeahnten Absatzerfolgen. 1893 sprachen vier Braunkohleunternehmen an der Bahnstrecke Köln-Trier die Preise ab. Damals entstand auch der Markenname Union. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg behielt das Brikett seine starke Marktposition. 1950 gab es 26 Veredlungsbetriebe im rheinischen Revier. Sie produzierten 13,4 Millionen Tonnen Briketts. Erst das Heizöl setzte Anfang der 60er Jahre das Brikett unter Druck, die Produktion war stets rückläufig. Heute werden jährlich noch rund eine Million Tonnen Briketts produziert.

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