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Der braune Schlapphut

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My Headquarter is my Castle: Hauptquartier des MI 6 in London.

My Headquarter is my Castle: Hauptquartier des MI 6 in London.

Die NDP ist seit ihrer Gründung von Spitzeln durchsetzt: Selbst ihr Vorsitzender, Adolf von Thadden, war von 1969 bis 1976 Informant des britischen Geheimdienstes MI 6.

So einen wie Adolf von Thadden gäbe es heute wohl nicht mehr in der NPD. Als er am 28. November 1964 beim Zusammenschluss von drei rechtsextremen Parteien zur NPD das Parteibuch Nummer 13 entgegennahm, hatte er eine erstaunliche Karriere hinter sich. 1949 war er für die Deutsche Reichspartei als jüngster Abgeordneter in den Bundestag gewählt worden. Er erregte Aufsehen, als er vor einer einseitigen Bindung der Bundesrepublik an die USA warnte, weil dies zum engeren Zusammenschluss Ostdeutschlands mit der Sowjetunion führe. Und er beantragte die Wiedereinführung des Deutschlandliedes als Nationalhymne.

Der Verfassungsschutz hatte den rechten Agitator stets im Visier, besonders seit der Gründung der NPD 1964. Thadden empfahl sich der Partei als Aushängeschild: Mehr Nationalist als Extremist. Im Sumpf der Unverbesserlichen war er vielleicht sogar eine honorige Erscheinung, die NPD unter ihm keine Schlägerpartei, kein Sammelbecken der Neonazis wie heute. 1966 konnte die Partei in Hessen und Bayern 8 beziehungsweise 15 Landtagsmandate gewinnen.

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Den deutschen Verfassungsschützern war wohl bewusst, mit welchen Ängsten das Ausland auf die NPD schaute, aber sie ahnten nicht, zu welchen praktischen Konsequenzen das führen würde. Keine Frage: 1969 war von Thadden der gefürchtete neue „Führer“ - nicht nur für die westlichen Verbündeten, sondern auch für die Sowjets. Moskau warnte in zwei Noten die Bonner Regierung, von Thadden könne es im Herbst schaffen, rechtsaußen im Bundestag mit seinen nationaldemokratischen Mannen Platz zu nehmen.

Die Sowjets malten ein Bild des Schreckens. Als Chef der vierten Partei hätte der Fraktionsvorsitzende von Thadden im Gremium der Vertrauensmänner zur Aufsicht über die Nachrichtendienste seinen Stammplatz. Auch die deutschen Sicherheitsbehörden fürchteten, dass er, der von ihnen kaum Kontrollierte, die Kontrolleure kontrollieren könne. Eine schlimme Perspektive.

Die einzigen, die von Thadden und die NPD in einem milderen Licht sahen, waren Agenten des britische Auslandsgeheimdienstes MI 6: Spätestens seit der Wahl von Thaddens am 11. November 1967 zum Bundesvorsitzenden und dem Einzug der NPD in die Landtage von Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Bremen und Baden-Württemberg hatten sie ihn an der Angel. „Wir sahen keine Gefahr, dass da ein neuer Hitler an die Macht kommen könnte. Die Propaganda der NPD einerseits und die Furcht vor neuen Nazis anderseits schienen sich zu ergänzen, aber von Thadden wollte nur eine radikale rechte Partei in den Parlamenten.“ Der Mann, der das sagt, war jahrelang der Vorgesetzte des V-Mann-Führers, der von Thadden regelmäßig in einem der Hotels in der Nähe des Hauptbahnhofs von Hamburg traf.

Das war unauffällig und praktisch: getarnt als Gespräch unter Geschäftsleuten, in Fußweg-Distanz zum Bahnhof, weit genug weg von den Aufpassern des Landesamtes für Verfassungsschutz in Niedersachsen. In Hamburg, jahrelang konspirativer Treffpunkt für von Thadden und seine wechselnden englischen Gesprächspartner, wusste die Behörde von nichts.

Hans Josef Horchem, damals Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz in Hamburg, erinnert sich daran, dass MI 6 seine Operationen wie eine alte Kolonialmacht auch in der Bundesrepublik weiterführte - allen Gesetzen und Abmachungen zum Trotz. Kam etwas von solchen Geheimdienst-Aktionen ans Tageslicht, wurde das jedes Mal mit Rücksicht auf bilaterale Beziehungen „auf Dienstebene zwischen den Nachrichtendiensten“ beigelegt. Schlapphüte, wie die Agenten scherzhaft genannt werden, unter sich.

Ein Agent von MI 6 hatte sich dem Zielobjekt von Thadden diskret genähert - wahrscheinlich wie in dem Gewerbe üblich - zunächst unter falscher Flagge oder Vorspiegelung falscher Tatsachen. Der Mann, der von Thadden auch noch nach dessen Rücktritt als Bundesvorsitzender 1971 und sogar noch nach seinem Austritt aus der Partei 1975 aushorchte, war Erster Sekretär im Generalkonsulat in Düsseldorf, später in Hamburg. Dass ein Diplomat in dieser Funktion traditionell zum Auslandsspionage-Dienst MI 6 gehört, hat Tradition und ist bei dem Schriftsteller John le Carré („Der Spion, der aus der Kälte kam“) nachzulesen.

Was in den zahllosen Gesprächen mit diversen V-Mann-Führern und von Thadden im Laufe der Jahre besprochen, aufgezeichnet und in unterirdischen Stahlschränken von MI 6 gebunkert wurde, weiß niemand so genau: Adolf von Thadden starb 1996 im Alter von 75 Jahren, die Akten in London bleiben für immer verschlossen. Erst ein Zufall bei Recherchen auf der Suche nach V-Männern bei der NPD brachte ein wenig Licht ins Dunkel.

„Wir haben den deutschen Geheimdiensten nicht getraut. Wir wollten uns selbst ein Bild machen“, sagt der ehemalige MI-6-Mann, der das Unternehmen von Thadden Anfang der 70-er Jahre steuerte. Als er diese Aufgabe übernahm, hatte von Thadden trotz seines Rückzugs aus der Führungsspitze immer noch die besten Einblicke in die NPD. Auf die Frage, ob sein Dienst noch andere NPD-Mitglieder angeheuert hatte, schüttelt der pensionierte Staats-Spion den Kopf: „Warum sollten wir? Wir hatten doch den Führer.“

Adolf von Thadden, der den diskreten Charme der Gentlemen zu schätzen wußte, hatte einen Anwerbungsversuch entweder der Stasi in Ostberlin oder des KGB in Moskau ablehnt. Die Herrschaften traten plump auf und machten einen entscheidenden Fehler. Sie stellten sich als Geheimagenten im Auftrag Ihrer Majestät vor. Das hatten sie oft getan, wie in einer Reihe von Spionage-Prozessen offenbar wurde. Von Thadden aber kannte schon die Richtigen.

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