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Korruption
AWB tief im Bestechungsskandal

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Tausende Schläuche für die AWB-Müllwagen. (Bild: FOUAD)

Tausende Schläuche für die AWB-Müllwagen. (Bild: FOUAD)

Köln – Einen Tag nach den Durchsuchungen im Zusammenhang mit einem möglichen Bestechungsskandal bei den Abfallwirtschaftsbetrieben (AWB) hat Oberstaatsanwalt Robert Bungardt bestätigt, dass neben den sechs Angestellten einer Zulieferfirma inzwischen nicht mehr nur gegen zwei, sondern auch gegen vier Mitarbeiter der Kölner Müllbetriebe wegen des Verdachts der Bestechung ermittelt wird. Wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ in der Mittwochausgabe exklusiv berichtet hatte, soll die Gruppe über mehrere Jahre hinweg mit Rechnungen über Ersatzteile für Müllfahrzeuge und Kehrmaschinen gearbeitet haben, die der Zulieferbetrieb entweder gar nicht oder nicht im angegebenen Umfang geliefert hatte.

Die vier beschuldigten Mitarbeiter der Müllabfuhr sind alle seit vielen Jahren in der Werkstatt des Hauptdepots der AWB am Maarweg in Bickendorf beschäftigt. Dort wird die komplette Flotte der Müllwagen gewartet, die aus rund 450 Fahrzeugen besteht. Keiner von ihnen hatte eine führende Position.

Vergleichbare Deals mit anderen Unternehmen?

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„Wir stehen erst am Anfang unserer Ermittlungen“, sagte Oberstaatsanwalt Bungardt am Mittwoch. Man habe erhebliche Mengen an Unterlagen sichergestellt, die alle noch ausgewertet werden müssen. Über wie viele Jahre die Scheingeschäfte gelaufen seien, könne man noch nicht sagen. Es sei aber sehr wahrscheinlich, dass sie über den Verjährungszeitraum von fünf Jahren deutlich hinausgehen. Man könne auch nicht ausschließen, dass die Mitarbeiter des Zulieferbetriebs vergleichbare Deals auch mit anderen Unternehmen eingefädelt hätten.

Mit Hinweis auf das laufende Verfahren hat die Geschäftsführung der AWB Interviews abgelehnt und verweist auf die Staatsanwaltschaft. In einer schriftlichen Stellungnahme bestätigt die stadteigene Tochtergesellschaft lediglich, dass es ein Verfahren gegen ein Zulieferunternehmen gebe, „dessen Verantwortlichen vorgeworfen wird, Aufträge bei der AWB Köln und anderen Unternehmen entweder erschlichen oder vollständig fingiert und abgerechnet zu haben. Mindestens zwei Mitarbeiter der AWB Köln stehen in dem Verdacht, daran beteiligt gewesen zu sein.“ Die Geschäftsführung der AWB kooperiere in vollem Umfang mit der Ermittlungsbehörde und prüfe ihrerseits, „ob und welche Maßnahmen aufgrund der sich ergebenden Erkenntnisse zu treffen sind“. Die AWB habe ein funktionierendes Kontrollsystem eingerichtet, „sowohl im Bereich der Compliance (Unternehmensrichtlinien, die Red.) als auch der Revision“. Dennoch sei das Unternehmen aber damit nicht gegen „möglicherweise kriminelle Machenschaften Einzelner oder einer kleinen Gruppe geschützt, die sich auf Kosten des Unternehmens bereichern wollen“.

„Da wird nicht jeder Blinker nachgeprüft“

Warum die Geschäfte, bei denen die AWB-Mitarbeiter als „Belohnungen“ unter anderem Flachbildfernseher, Gartenmöbel, Spielkonsolen und andere Konsumgüter erhielten, so lange unentdeckt blieben, dafür hat ein Insider eine einfache Erklärung. Die Werkstatt für Müllfahrzeuge habe lange Zeit ein Eigenleben geführt. „Da geht es vor allem darum, dass die Flotte immer betriebsbereit ist“, sagte der Informant dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Die Wagen kommen nachmittags rein und müssen am nächsten Tag wieder startklar sein.“ Da sei es durchaus möglich, Ersatzteile zu berechnen, die möglicherweise gar nicht eingebaut worden sind. „Die Müllwagen unterliegen natürlich einer hohen Beanspruchung. Die sind schließlich jeden Tag unterwegs. Da wird nicht jeder Blinker nachgeprüft, ob der wirklich kaputtgegangen ist.“

Warum der mögliche Betrug bei den jährlichen Revisionen allerdings nicht auffiel, könne man sich im Unternehmen nicht erklären, so der Insider weiter. Die Auswertung der Unterlagen dürfte mehrere Wochen dauern. Im Mittelpunkt des Interesses der Fahnder dürfte ein Ordner stehen, in dem einer der sechs beschuldigten Mitarbeiter des Zulieferbetriebs haarklein den Stand der „Guthabenkonten“ der AWB-Werkstattmitarbeiter notiert haben soll.