Experten-Debatte: Zugwaggons sind noch zu laut

In der Gesprächsrunde im Forum-Vortragssaal wurde nicht allein der Vertreter der Bahn von Besuchern hart angegangenen.
Ralf Krieger
Leverkusen -
Eine Steigerung allein des Güter-Schienenverkehrs durch Leverkusen um knapp 60 Prozent bis 2025: Dieses Schreckensszenario geistert seit einigen Monaten durch die Stadt, genährt durch die Verkehrsprognose der IHK-Initiative Rheinland, die Nordrhein-Westfalen als Transitland vor großen Verkehrsbelastungen sieht. Mehrere Initiativen gegen Bahnlärm hatten sich daraufhin in den letzten Monaten gegründet, die auch den geplanten Bau des Rhein-Ruhr-Express (RRX) mit Sorge sehen.
Die Leverkusener SPD nahm dies zum Anlass, den Montagabend einer umfänglichen Information über Bahnlärm zu widmen und Experten einzuladen. Knapp 50 engagierte Zuhörer hatten sich im Vortragssaal des Forums eingefunden, um, moderiert von Spiegel-Redakteur Markus Feldenkirchen, Fragen an die fünf Verkehrs- und Umwelt-Experten auf dem Podium zu stellen.
Bahn-Vertreter Peter Westermann widersprach den Zahlen gleich zu Anfang vehement: Seitens der Bahn rechne man nicht mit „wesentlichen Verkehrsmengensteigerungen in Leverkusen bis 2025“ – höchstens um 15 bis 20 Prozent. Und diese Steigerungen ließen sich mutmaßlich durch die Verlängerung der bisherigen Züge auffangen. Dabei werde es bei den bisherigen Maximallängen von 700 Metern pro Güterzug bleiben; die erlaubte Länge werde nicht, wie befürchtet, auf 1,5 Kilometer ausgedehnt. „Für solche Zuglängen wären Umstellungen an den Weichen und Signalen notwendig, die Unmengen kosten würden.“
Auch Martin Walter, Vertreter des Verkehrsministeriums in Düsseldorf, zeigte sich skeptisch angesichts der hohen Zahlen: Zwar würden in den nächsten Jahren vier große Häfen in Holland ausgebaut und so Kapazitäten für mehr Güter aus Übersee geschaffen – „aber davon wird vieles auch auf der Wasserstraße transportiert werden“. Zudem seien die Gleise in der Region schon jetzt fast bis zum Maximum ausgelastet. „Man sieht doch heute schon das Schlusslicht des Zuges, wenn der nächste Zug schon anrollt. Auf welchen Gleisen sollten die vielen zusätzlichen Züge denn rollen?“
Lauten Unmut äußerten die Zuhörer, darunter auch einige Vertreter des „Netzwerks gegen Lärm in Leverkusen“ und der „Interessengemeinschaft Bahnlärmschutz Leverkusen“, über die in ihren Augen viel zu langsam erfolgende Umrüstung von Zügen mit schalldämpfenden Bremsbelägen. SPD-Bundestagskandidat Ulrich Kelber gab den Kritikern recht, verwies aber darauf, dass man die Umrüstung – nicht nur aus wettbewerbsrechtlichen Gründen – EU-weit umsetzen müsse. „Das kostet zwar Zeit, aber es rollen auch viele Züge aus dem Ausland durch die Republik.“ Wenn die Umrüstung beschlossen sei, könne sie seiner Ansicht nach innerhalb eines Inspektionsturnus von acht Jahren umgesetzt werden. Rund 180 000 Güter-Waggons müssten in Deutschland, gut 500 000 Waggons EU-weit mit schalldämpfenden Belägen ausgestattet werden. „Das würde rund eine Milliarde Euro kosten“, so Kelber – ein geringer Betrag angesichts geschätzter Kosten von 13 Milliarden, den durch Bahnlärm verursachte Krankheiten in der EU kosteten. Franz-Josef Feldmann vom Umweltministerium betonte den Zusammenhang von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bahnlärm, dem Gleis-Anwohner Tag und Nacht ausgesetzt seien. Schalldämpfende Beläge könnten nur eine erste Maßnahme von mehreren sein, um die Anwohner zu schützen.
Einig waren sich alle auf dem Podium, dass in Sachen Lärmschutz in Zukunft viel mehr unternommen werden muss. „Wenn Geld bereitgestellt wird, macht die Bahn das sofort“, erklärte Westenberger. Ohne Geld vom Staat gehe es nicht, sonst sei man international nicht wettbewerbsfähig.
Angesichts des kollektiven Unmuts im Publikum wandte sich Kelber abschließend an den Saal und erklärte: „Demokratie braucht Mehrheiten.“ Schließlich hätten Unternehmen Angst um Arbeitsplätze, wenn der Güterverkehr zu teuer werde. Er empfahl: „Schauen Sie Ihren Abgeordneten auf die Finger und strafen Sie sie ab, wenn die nicht für Sie arbeiten.“