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Leverkusener Standesbeamtin erzählt: Mitten im Ja-Wort geht der Bräutigam ans Handy

Das Trauzimmer im Rathaus ist bei Paaren nicht sehr beliebt, besonders der Vorraum stört viele, weiß die Standesbeamtin.

Das Trauzimmer im Rathaus ist bei Paaren nicht sehr beliebt, besonders der Vorraum stört viele, weiß die Standesbeamtin.

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Ralf Krieger

Leverkusen -

„Heimlich zur Hochzeit – jetzt ist es möglich“ titelte diese Zeitung vor fast genau 20 Jahren. Die öffentlichen Aufgebote, die eine Woche im Rathaus aushängen mussten, und die damals noch gesetzlich vorgeschriebenen Trauzeugen, wurden 1998 ersatzlos aus dem Eheschließungsrecht gestrichen. „Ab diesem Zeitpunkt konnten Paare theoretisch sofort heiraten“, erinnert sich Standesbeamtin Heidi Wurth, während sie sich selbst auf dem Zeitungsfoto betrachtet, in dem sie die Mitteilungstafel im Wiesdorfer Rathausflur ein letztes Mal füllt.

Das Aufgebot sollte Heiratsschwindler und Doppelhochzeiten aufdecken, diente aber seit je her eher der Befriedigung der nachbarschaftlichen Neugier und der Akquise von Windel- und Kaffeeservice-Kunden. Seit 28 Jahren ist Wurth im Wiesdorfer Standesamt, mindestens seit 2000 Ehen. Zahlreiche Ehe-Reformen hat sie mitgemacht, zuletzt die „Ehe für alle“, die in Wiesdorf sehr positiv begrüßt wurde.

Und das Angebot „sofort und ohne Zeugen“ wird auch 20 Jahre nach der Reform noch von Ehepaaren angenommen. Oft im Dezember, dem hochzeitsreichsten Monat des gesamten Jahres – pünktlich vor Ablauf des Steuerjahres. „Manche wollen nicht einmal ins Trauzimmer, die heiraten gleich am Schreibtisch“, weiß die Standesbeamtin. Mehr Spaß machen ihr natürlich die von langer Hand geplanten, romantischen und pompösen Hochzeiten, bei denen sie kurz zu Gast sein darf. Generell lasse sich über die letzten 20 Jahre seit der Reform sagen, dass die Unterschiede größer geworden sind. Früher habe sich die Hochzeitgesellschaft am Nachmittag etwas Schickes angezogen, sei ins ehemalige grüne Rathaus gegangen und danach noch zum Italiener.

Schere klafft auseinander

Heute scheint die viel zitierte Schere in unserer Gesellschaft nicht nur zwischen Arm und Reich, sondern auch zwischen romantisch und pragmatisch zu klaffen. „Die einen veranstalten einen riesigen Zinnober, die anderen kommen in Jogginghose und mit einer Plastiktüte für die Unterlagen“, erzählt die Standesbeamtin.

Das letzte Aufgebot hat Heidi Wurth im Juli 1998 im alten Rathaus ausgehängt.

Das letzte Aufgebot hat Heidi Wurth im Juli 1998 im alten Rathaus ausgehängt.

Foto:

Holger Schmitt

Und über die Jogginghosen-Träger muss Wurth doch manchmal den Kopf schütteln. Da wünscht sie sich mehr Respekt vor der Zeremonie, egal ob Liebes- oder Steuerheirat. „Vor ein paar Tagen hat während der Trauung, genau zwischen den Ja-Worten von Braut und Bräutigam und meinem feierlichen Schlusssatz, mit dem ich die beiden zu rechtmäßig verbundenen Eheleuten erkläre, das Handy des Bräutigams geklingelt. Und er ist auch noch drangegangen.“

Wurth ist eigentlich eine routinierte Rednerin – fünf Trauansprachen kann sie auswendig und entscheidet spontan, welche ihr zum Paar passend erscheint –, doch da war sie sprachlos. „Irgendwie hätte ich ihn gerne vor versammelter Mannschaft zusammengefaltet“, erinnert sie sich an die absurde Situation. Doch die Umstehenden nahmen es gelassen, der Bräutigam vertröstete den Anrufer mit „Nee, wir sind hier noch nicht fertig“ auf später. Eine andere kuriose Erinnerung aus 28 Jahren Berufsleben: Ein Ehemann ist aus Angst vor seiner eifersüchtigen Ex-Ehefrau mit einem Bodyguard in den Trausaal gekommen, der die Tür während der Zeremonie bewachen musste.

Der begehrteste Trauort in Leverkusen ist nach wie vor der Große Spiegelsaal im Schloss Morsbroich.

Doch im Schloss sind Eheschließungen nur an zwei Tagen im Monat möglich. Wer dort keinen Termin bekommt, weicht nicht selten lieber auf die Rathäuser der Nachbargemeinden aus, statt sich im Wiesdorfer Ufo das Ja-Wort zu geben.

Dort ist der Aufenthaltsraum für Hochzeitsgesellschaften in den Warteraum für das Ausländeramt in der vierten Etage integriert. Und dieser schlecht klimatisierte Vorraum ist seit Monaten chronisch überfüllt. Wurth hofft, dass sich die räumlichen Verhältnisse bald verbessern, schließlich sei es schade, wenn viele Leverkusener nur deshalb nicht in ihrer Heimat heiraten. Auf die Frage nach ihrer eigenen Hochzeit lächelt sie zufrieden: An ihrem Wunschtermin, dem 7. Juli 2000, durften erstmalig Paare im Schloss Morsbroich heiraten. Wurth und ihr Mann gehörten dazu und feiern heute ihren 18. Hochzeitstag.