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Schießplatz, Biotop, Flugbetrieb: Ausstellung zeigt 200 Jahre Wahner Heide

Seit dem Abzug der belgischen Streitkräfte im Jahr 2004 ist wieder mehr Raum für eine naturverträgliche Nutzung der Wahner Heide – durch Weidewirtschaft oder auch durch Erholungssuchende.

Seit dem Abzug der belgischen Streitkräfte im Jahr 2004 ist wieder mehr Raum für eine naturverträgliche Nutzung der Wahner Heide – durch Weidewirtschaft oder auch durch Erholungssuchende.

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Leserfoto: Manfred Johann

Rösrath -

Auf die Geschichte der Wahner Heide und ihre vielfältige Nutzung blickt eine Ausstellung, die das Historische Archiv der Stadt Köln gestaltet hat und die nun im Ausstellungshaus in Stephansheide zu sehen ist. Der Geschichtsverein Rösrath und die Diakonie Michaelshoven als Trägerin des Kinderdorfs in Stephansheide haben die Ausstellung nach Rösrath eingeladen. „200 Jahre Wahner Heide im Bild – Vom Schießplatz zum Flughafen, von der Enteignung zur Renaturierung“ ist ihr Titel. Militärische Nutzung und facettenreiche Natur prägen bis heute die Wahner Heide.

Seit 1931 ist sie zum großen Teil Naturschutzgebiet, die Vielfalt von Landschaft und Arten bestimmen das Bild. Wälder, Auen, Heide, Moore und Sanddünen liegen dicht nebeneinander, rund 700 gefährdete Tier- und Pflanzenarten sind in der Wahner Heide zu Hause. Die Bauprojekte der verschiedenen Nutzer haben immer wieder in diese Landschaft eingegriffen.

Aufhänger für die Ausstellung, die erstmals ab Juli 2017 in Köln-Porz zu sehen war und nun an weitere Ausstellungsorte wandert, ist die vor 200 Jahren begonnene militärische Nutzung des heutigen Naturschutzgebiets. Sie blickt mit Texten und Fotos auf die Geschichte. Seit 1816 suchte die Festungs- und Garnisonsstadt Köln nach einem Übungsplatz für eine neu gebildete, in Köln stationierte Artillerie-Brigade und fand ihn in der rechtsrheinischen Gemeinde Wahn. Von ihr erwarb der Preußische Staat bereits 1817 ein rund 100 Hektar großes Heidestück und richtete dort einen Schießplatz ein.

Den 200. Jahrestag der militärischen Heide-Nutzung im Jahr 2017 rücken nun die Ausstellungsmacher vom Historischen Archiv der Stadt Köln ins Blickfeld. Ein kleines Team um Petra Ponzerova nutzt die Gelegenheit, auch Kontakte zu historisch Interessierten und Geschichtsvereinen im Rechtsrheinischen zu knüpfen. Das Jubiläum sei in der Umgebung der Wahner Heide „ein großes Thema“, stellt Ponzerova zur Eröffnung der Ausstellung in Stephansheide fest. Sie blickt auch auf die bewegte Geschichte der vergangenen 200 Jahre: „Das Rheinland wurde vom Königreich Preußen einverleibt, drei Kriege lösten Friedenszeiten ab, es gab technische Entwicklungen und Erfindungen, die Arbeitswelten und Erwerbseinkommen veränderten sich.“ Der Wandel habe sich in Gesellschaft, Politik und Alltagsleben vollzogen. Er spiegele sich auch in der Geschichte der Wahner Heide und in den Beständen des Historischen Archivs.

Zunehmende militärische Nutzung

Ab 1817 änderte sich das Leben in der Heide deutlich. Zuvor prägten Torfstechen, Weidevieh-Haltung, Vogelfang und auch die Jagd den Alltag in dieser Landschaft, doch zunehmend wurde er vom Militär geprägt. Der intensive Übungsbetrieb und die steigende Schussweite der Geschütze ließen den Übungsplatz bald zu klein werden. Ab 1860 wurde er immer weiter ausgebaut, er entwickelte sich zu einem der größten Truppenübungsplätze im Kaiserreich.

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wurde das Barackenlager Wahn gebaut, es diente als Gefangenen- und danach als Militärlager. Auch der bis heute erhaltene Militärfriedhof Wahnheide wurde angelegt. Er befindet sich auf dem heutigen Gelände der Luftwaffenkaserne Wahn. Dort ist auch ein Gedenkstein zu finden, der an die Matrosen Max Reichpietsch und Albin Köbis erinnert. Sie waren wichtige Köpfe der Antikriegsbewegung in der deutschen Marine, wegen des von ihnen organisierten Matrosenaufstands wurden sie 1917 zum Tode verurteilt und auf dem Schießplatz Wahn hingerichtet.

Nach dem Ersten Weltkrieg bestimmte der Versailler Vertrag zunächst die weitere Entwicklung in der Wahner Heide. Er erklärte das Rheinland zu entmilitarisierten Zone, damit wurde der Truppenübungsplatz in Wahn zunächst stillgelegt. Die Gemeinden Heumar und Wahn nutzten das Gelände, um die dort herrschende Wohnungsnot zu lindern. Mit der nationalsozialistischen Herrschaft ab 1933 kehrte das Militär zurück, der Truppenübungsplatz wurde sogar erweitert.

Ort mit Geschichte

Ab 1940 wurden bereits vorhandene Gebäude als Kriegsgefangenenlager „Hoffnungsthal“ genutzt. Die Namensgebung gilt als Zynismus des NS-Regimes, weil die Situation für viele Gefangene hoffnungslos und der Rösrather Ortsteil Hoffnungsthal weit entfernt war. Von diesem Geschehen sollen auch die Kinder und Jugendlichen in Stephansheide erfahren, wie Patrick Selbach von der Diakonie Michaelshoven erklärt: „Wir haben einen Ort mit Geschichte übernommen.“

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der Flughafen Köln/Bonn zu einem zentralen Anziehungspunkt in der Wahner Heide, der einen großen Teil der Fläche verbrauchte. Von 1951 bis 2004 nutzten belgische Streitkräfte die Heide, nach ihrem Abzug rücken Naturschutz und Erholung wieder in den Vordergrund. Seit 1957 ist die Luftwaffenkaserne Wahn in dem Gebiet ansässig. Mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist auch eine wichtige Forschungseinrichtung am Rand der Heide tätig.

Die Ausstellung ist bis zum 17. März im Ausstellungshaus in Stephansheide, Pestalozziweg 77, zu sehen: mittwochs 17 bis 19 Uhr, samstags 11 bis 13 Uhr und nach Vereinbarung unter (02205) 92 270.