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Blutmond: Himmelsspektakel wurde in Erftstadt zum Nachbarschaftstreffen

Das letzte Tageslicht wird genutzt, um noch einmal einiges nachzujustieren.

Das letzte Tageslicht wird genutzt, um noch einmal einiges nachzujustieren.

Foto:

Ulla Jürgensonn

Erftstadt-Friesheim -

Jetzt ist es doch diesig. Lange hatten die Sternfreunde Erftstadt überlegt, ob sie den Blutmond vom Friesheimer Umweltzentrum aus beobachten oder ob sie in die Eifel fahren, um bessere Sicht zu haben. Am Freitagnachmittag um 17 Uhr dann die Entscheidung, nachdem die neusten Satellitenbilder ausgewertet sind – die Kameras und Teleskope werden an der Zufahrt zum Umweltzentrum aufgebaut. Und jetzt das: Der rote Mond müsste längst aufgegangen sein, doch zu sehen ist er nicht. Am Horizont hat sich eine Dunstschicht gebildet. Allerdings zeigt der Blick Richtung Eifel, dass es dort noch schlechter aussieht. Also heißt es warten.

Wobei die Sternfreunde noch durchaus beschäftigt sind. Zwar sind die Stative längst aufgebaut, stabile Dreibeine aus Holz oder Aluminium – konstruiert, um schwere, empfindliche Teleskope sicher zu tragen. Doch überall wird weiter hantiert. Einer sucht einen Adapter, um seine Kamera am Fernrohr zu befestigen. Da ist Peter Schmidt eine beliebte Anlaufstelle. Der Sindorfer hat einen ganzen Koffer voller geheimnisvoller Einzelteile mit kryptischen Bezeichnungen bei sich. Er selbst braucht sie nicht: „Ich habe alles, was ich brauche, im Lauf der letzten Wochen zusammengestellt.“

Mond, Mars und vorüberfahrende Autos erzeugen bei langer Bildbelichtung tolle Aufnahmen.

Mond, Mars und vorüberfahrende Autos erzeugen bei langer Bildbelichtung tolle Aufnahmen.

Foto:

Peter Schmidt

Die Zahl der Sterngucker wächst am Freitagabend stetig. Kein Wunder, schließlich wird eine so lange Mondfinsternis erst in 105 Jahren wieder auftreten. Dass ausgerechnet diesmal auch noch der Mars ganz in der Nähe des Mondes zu sehen ist, macht die Sache umso reizvoller. An der Zufahrt zum Umweltzentrum steht mittlerweile Auto an Auto, größere Kombis zumeist. In einen Kleinwagen würde das Zubehör auch nicht reinpassen. Manch einer hat zwei Teleskope mit, dazu noch ein Stativ mit Kamera. All das wird in den Lücken zwischen den Fahrzeugen aufgebaut – schließlich muss ja ein Rettungsweg freibleiben.

Und der Spazierweg für die Friesheimer. Das Himmelspektakel wird zum Nachbarschaftstreffen. Manch einer, der nur einen abendlichen Bummel machen wollte, bleibt stehen, staunt, fragt und ruft dann zu Hause an: „Du musst unbedingt mal herkommen, so etwas Spannendes hast du noch nicht gesehen.“ Die Sternfreunde sind offenbar auch Menschenfreunde. Geduldig erklären sie, beantworten Fragen, lassen die Gäste durch die Fernrohre in den Himmel schauen. Einer hat den Jupiter „drin“, sprich, er hat sein Teleskop so eingestellt, dass man den Planeten quasi aus der Nähe anschauen kann. Wo man mit bloßem Auge eben nur den Jupiter sieht, ist er vergrößert von vier funkelnden Punkten umgeben. Was den Laien erstaunt, ist für den Fachmann selbstverständlich: „Klar, das sind die Galileischen Monde.“ Aha. Wieder etwas gelernt fürs Leben.

Der Mond am Freitagabend über Frechen

Der Mond am Freitagabend über Frechen

Foto:

Mrziglod

Auch unter den Hobby-Astrologen ist die Stimmung ausgesprochen kameradschaftlich, Konkurrenz beispielsweise um das beste Bild scheint es nicht zu geben. Einer macht den anderen aufmerksam, wenn sich etwas tut. Da, endlich ist der Mond zu sehen. Nun ja, noch ist er eher zu ahnen. Langsam schiebt sich eine blassrosa Scheibe aus dem Dunst, scheint allmählich über die Hochspannungsleitung zu klettern. Wer ihn entdeckt hat, erklärt dem Nachbarn, wo er hinschauen muss. Schmidt hat sein Teleskop – der Tubus, also das Rohr, ist 1,20 Meter lang, die Vergrößerung 50-fach – längst auf die Mondbahn ausgerichtet. Ein kleiner Elektromotor wird das Fernrohr exakt in der Geschwindigkeit, mit der der Mond über den Himmel wandert, mitschwenken. Nur so lassen sich mit langer Belichtungszeit Fotos machen, auf denen der Himmelskörper nicht zum Oval verzerrt wird.

2004 hat der Sindorfer die Astro-Fotografie für sich entdeckt. Er war zur Kölner Volkssternwarte gegangen, um sie dort zu lernen, fand aber keinen, der sie ihm beibringen konnte. „Die wollten alle nur gucken, nicht fotografieren“, erinnert er sich. Also habe er sich eingearbeitet und es sich selbst beigebracht. Ein preiswertes Hobby ist das nicht gerade, bei der Ausrüstung ist man schnell bei 5000 Euro an Kosten. Aber das sei eben der Vorteil, wenn man zu den Sternfreunden komme: Man brauche nicht gleich viel Geld auszugeben, irgendjemand habe immer etwas zu verkaufen, weil er sich wieder etwas Höherwertiges angeschafft habe. Wobei das Teleskop nicht einmal der größte Kostenfaktor sei, sagt Schmidt. Da gebe es schon ganz ordentliche für rund 300 Euro. Die Kameras müssen allerdings speziell für die Astrofotografie umgerüstet werden.

Peter Schmidt (r.) und Rolf Schneider fachsimpeln.

Peter Schmidt (r.) und Rolf Schneider fachsimpeln.

Foto:

Ulla Jürgensonn

Mittlerweile ist auch der Mars aufgetaucht, rötlich funkelt er schräg rechts unter dem Mond. Peter Schmidt bedient abwechselnd zwei Kameras und findet dabei immer noch Zeit, etwas zu erklären. Und er nimmt die eigene Kamera ab, damit auch andere mal durch das dicke Rohr fotografieren können. Einer entdeckt die ISS. Gleißend hell zieht die Raumstation ihre Bahn über die Schar der Mondbewunderer. „Dass sie so extrem leuchtet, hätte ich nicht gedacht“, wundert sich eine Besucherin. Und wohl jeder denkt darüber nach, wie es wohl sein muss, dort oben über der Erde zu schweben. Und wie von dort wohl die Mondfinsternis aussieht.

Allmählich schimmert der Mond am linken Rad ein bisschen heller. Der Schatten der Erde wandert langsam über ihn hinweg. Zeit, so langsam das Sterngucken einzustellen und ins Bett zu gehen. Aber nicht für die echten Enthusiasten. „Ich werde wohl bis weit nach Mitternacht bleiben“, sagt Schmidt. „Ich möchte noch Fotos vom Mars machen.“