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Griechenlands Top-Basketballer
Giannis Antetokounmpo ist ein Star wie aus dem Märchen

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Giannis Antetokounmpo (r.) ist einer der großen Stars der EM.

Berlin – Giannis Antetokounmpo ist es gewohnt, bei anderen Menschen Zuneigung, Bewunderung und Jubel auszulösen. Eine Begegnung wie am Sonntag in der Arena am Ostbahnhof in Berlin ist aber auch für den griechischen Basketball-Superstar eine neue Erfahrung gewesen.

Der 27-Jährige schlenderte mit seinen großen Kopfhörern entspannt durch die Katakomben, um Ruhe und Konzentration für das Achtelfinale der Europameisterschaft gegen Tschechien zu finden, als der entfesselte Gianmarco Pozzecco auf ihn zustürmte.

Der italienische Nationaltrainer hat sich von seinen Emotionen haltlos davontragen lassen, nachdem seine Mannschaft den großen Titelfavoriten Serbien überraschend mit 94:86 aus dem Turnier komplimentiert hatte und er selbst die Partie nach zwei Technischen Fouls nur noch aus dem Kabinengang verfolgen durfte. Die Begeisterung musste raus, also sprang Pozzeco auf Antetokounmpo zu, klammerte sich mit Armen und Beinen um dessen 2,11 Meter langen Körper, küsste ihn und sagte: „Ich liebe dich.“

Giannis Fans

Die Fans lieben den griechischen Star.

Als Griechenland später am Abend seine Aufgabe gegen Tschechien beim 94:88 erfolgreich gelöst hatte, stand der Flügelspieler erneut im Mittelpunkt großer Emotionen. Diesmal feierten ihn die eigenen Fans, denn er war mit 27 Punkten, zehn Rebounds und fünf Assists erneut der herausragende Mann der Partie. Im Viertelfinale am Dienstag (20.30 Uhr, live und kostenlos bei MagentaSport) steht die deutsche Mannschaft als nächster Herausforderer vor der Aufgabe, den schier Unbezwingbaren zu besiegen. „Giannis ist einer der besten Spieler der Welt“, meint Dennis Schröder. „Ihn zu stoppen, ist fast unmöglich.“

NBA-Titel mit den Milwaukee Bucks im Sommer 2021

Da die DBB-Auswahl aber ihre dritte EM-Medaille nach Gold 1993 und Silber 2005 gewinnen will, wird ihr nichts anderes übrig bleiben. „Wenn du was erreichen willst in so einem Turnier, dann musst du gegen die Besten gewinnen“, sagt Schröder (28).

Er weiß, wovon er spricht. Immerhin hat der Aufbauspieler aus Braunschweig in den vergangenen Jahren hautnah miterlebt, auf welch imposante Art der 110 Kilo schwere Athlet in der amerikanischen Profiliga NBA dominierte. Der „Greek Freak“ gewann mit den Milwaukee Bucks 2021 den Titel und wurde zum wertvollsten Spieler (MVP) der Finalserie gewählt. Schon in den beiden Jahren zuvor sicherte er sich den MVP-Titel der regulären Saison. Er ist einer von nur drei europäischen Profis, denen das gelang. Dirk Nowitzki (2009) und der Serbe Nikola Jokic (2021/2022) sind die anderen.

Giannis LeBron

Superstars unter sich: Giannis Antetokounmpo gegen LeBron James

Antetokounmpo nutzt seine prädestinierte Physiognomie und pflegt mit den atemberaubend raumgreifenden Schritten der Schuhgröße 49 über das gesamte Feld zum Korb zu stürmen, seine Gegenspieler stehen der Naturgewalt meist machtlos gegenüber. Dank seines muskulösen Körpers und der Armspannweite von 2,22 Meter erzielte er in der vergangenen Saison für seinen Klub im Schnitt imposante 29,9 Punkte, sicherte sich 11,6 Rebounds und verteilte fünf Assists.

Die nahezu lückenlose Vielseitigkeit ist es auch, die ihn von Nikola Jokic und dem Slowenen Luka Doncic, den anderen großen Attraktionen dieser EM, unterscheidet. Auch sie verstehen es auf virtuose Weise, in der Offensive zu brillieren und ihre Mitspieler in Szene zu setzen. Im Gegensatz zu Antetokounmpo aber gönnen sie sich in der Defensive schöpferische Pausen.

Einsatz von Franz Wagner bleibt offen

Vor dem Viertelfinale der deutschen Basketball-Nationalmannschaft am Dienstagabend gegen Griechenland (20.30 Uhr, live und kostenlos bei MagentaSport) sind die Einsätze von drei deutschen Spielern ungewiss. Franz Wagner, der beim 85:79 am Samstag im Achtelfinale gegen Montenegro umgeknickt war, absolvierte am Montag lediglich ein leichtes Wurf- und Lauftraining. Nick Weiler-Babb, der zuletzt wegen Problemen an der Schulter nicht zur Verfügung stand, trainierte mit der Mannschaft, während sich der an einer Erkältung laborierende Johannes Voigtmannn schonte.

Mit Prognosen zur Teilnahme seiner Profis an der Runde der besten acht Nationen hielt sich Bundestrainer Gordon Herbert zurück. „Wir haben noch einige Stunden Zeit, wahrscheinlich werden wir die Entscheidungen kurz vor dem Spiel treffen.“ Insbesondere die Teilnahme Wagners liegt aber nicht allein im Verantwortungsbereich des DBB, über ein entscheidendes Mitspracherecht verfügen die Orlando Magic. Das NBA-Team aus Florida, bei dem der 21-jährige Berliner unter Vertrag steht, hat einen Klubvertreter mit nach Berlin geschickt.

Unabhängig von den personellen Ungewissheiten geht die DBB-Auswahl mit Vorfreude an die Aufgabe heran. „Das wird eine geile Challenge sein, wir nehmen das mit Stolz“, erklärte Kapitän Dennis Schröder. Coach Herbert lenkte seine Gedanken bereits auf die taktische Herangehensweise, in deren Mittelpunkt die Arbeit gegen den griechischen Superstar Giannis Antetokounmpo stehen wird. „Wir fordern die besten Spieler der Welt“, sagte der 63-jährige Kanadier. „Es geht darum, Giannis zu kontrollieren – ich weiß nur noch nicht wie.“ (LR) 

Sollte es dem mit durchschnittlich 29 Punkten, 9,2 Rebounds und vier Assists notierten Topscorer des Turniers gelingen, für Griechenland den dritten EM-Titel nach 1987 und 2005 zu holen, wäre das ein weiteres Kapitel einer märchenhaften Geschichte. Der Sohn illegaler nigerianischer Einwanderer wurde in Athen als drittes von fünf Kindern geboren, seine Brüder Thanasis (30) und Kostas (24) stehen ebenfalls im griechischen EM-Kader, Alex (21) wurde kurz vor dem Turnier aus dem Aufgebot gestrichen.

Aufstieg aus prekären Verhältnissen

Die Familie lebte in prekären Verhältnissen, die Kinder verkauften in den Straßen typische Billigwaren wie Uhren und Sonnenbrillen an Touristen. „An manchen Tagen fehlte das Geld fürs Essen“, erinnerte sich Antetokounmpo einmal im „Time“-Magazin, hinzu kam die Furcht, abgeschoben zu werden.

Der Weg aus der Armut führte über den Sport. Giannis, der eher an Fußball interessiert war, und sein Bruder Thanasis wurden beim Spielen auf der Straße von einem Jugendtrainer des Athener Vorortklubs Filathlitikos entdeckt. Der Coach organisierte für die Familie eine Unterkunft, die es den beiden Talenten ermöglichte, regelmäßig am Training teilzunehmen.

Antetokokounmpo entwickelte sich kontinuierlich weiter, bis er 2013 von den Milwaukee Bucks an 15. Stelle im NBA-Draft gewählt wurde. Zudem erhielt der Jungstar, der trotz der Herkunft seiner Eltern keine nigerianische Staatsangehörigkeit besaß, 2013 die griechische Staatsangehörigkeit.

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In der vergangenen Saison verdiente er 39 Millionen Dollar, in der Spielzeit 2025/26 werden es 52 Millionen Dollar sein. Es sind herzergreifende Stoffe wie diese, die ihre Faszination auf die Filmindustrie entfalten. Im Juni erschien bei Disney der 110-minütige Film „Rise“, der den Werdegang von Antetokounmpo und dessen Familie dokumentiert.

Es hätte nicht viel gefehlt und der Weltstar hätte für Deutschland auflaufen können. Die Familie wanderte Anfang der 90er Jahre zunächst in die Nähe von Frankfurt aus, wo sein Vater Charles als Fußballspieler sein Glück versuchte, während seine Mutter Veronica als Hochspringerin aktiv war. Doch ein Kreuzbandriss bereitete den Träumen ein Ende. Der Vertrag wurde aufgelöst und Charles Antetokounmpo konnte sich eine Operation nicht leisten, da ihm ohne gültiges Arbeitspapier der Versicherungsschutz und eine Perspektive fehlten – die Familie zog weiter.

Giannis Antetokounmpo hätte der beste deutsche Spieler werden können. Jetzt ist er der gefährlichste Gegner.

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