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Tagebuch: Kölner Adil Demirci schreibt über die Zeit als politische Geisel in Istanbul

Demirci_Krasniqi

Adil Demirci (r.) mit seinem Vater und Un­ter­stüt­zern.

Foto:

Krasniqi

Köln -

Adil Demirci, der im April 2018 in Istanbul seine todkranke Mutter besuchen wollte und die nächsten neun Monate im Gefängnis verbrachte, hat in der Haftzeit Tagebuch geschrieben. Das Buch „Zelle B-28 – Als politische Geisel in Istanbul“, erschienen im Eckhaus-Verlag, ist eine Erweiterung seines Gefängnistagebuchs – und weit mehr als das.

Weit mehr als ein Gefängnistagebuch

Der 36-jährige Kölner hat über sein Verständnis von Heimat geschrieben, seine Zerrissenheit zwischen Deutschland und der Türkei. Er hat über Alltagsrassismus und Solidarität geschrieben und nebenbei über die Entwicklungen in der Türkei in den vergangenen Jahren und die Kurdenfrage. Es geht um Pressefreiheit und die Gezi-Proteste, den Putschversuch in der Türkei 2016 und Selbstmordanschläge des so genannten Islamischen Staates (IS).

Wer das Buch liest, weiß danach nicht nur mehr über die Verhältnisse im berüchtigten Gefängnis für Regimegegner in Istanbul, willkürlich geführte politische Prozesse in der Türkei und Demircis persönliche Strategien gegen die Zelleneinsamkeit – man lernt die Biografie eines Menschen kennen, der trotz guter Noten in Deutschland auf die Hauptschule sollte und als junger Mann irgendwann beschloss, lieber wieder in der Türkei leben zu wollen, obwohl er in Deutschland studiert und einen guten Job hatte.

Keine leichte Kost

Für ein 250 Seiten starkes Buch ist das viel – für Menschen, die Informationen vorzugsweise in Häppchen übers Internet konsumieren, womöglich zu viel. Aber Demirci hat dieses Buch nicht geschrieben, um einem breiten Publikum leicht verdauliche Unterhaltungshäppchen zu servieren. Da schreibt ein ernsthafter Mensch, der für seine 36 Jahre viel erlebt hat. Und sich dabei in Deutschland wie in der Türkei manchmal einsam und gelegentlich diskriminiert fühlte.

Kriminalisierung geht weiter

Wie wichtig Solidarität für politische Häftlinge ist, lässt sich für Menschen, die in einem funktionierenden Rechtsstaat leben, nur erahnen. Demirci durfte die Namen der Menschen, die ihn im Gefängnis besuchen, nur einmal nennen – an Neujahr. Briefe wurden streng kontrolliert, Besuch empfangen durfte er nur selten. Desto wichtiger war ihm jegliche Korrespondenz. Beispielhaft druckt er einen Brief seiner früheren Klassenlehrerin ab – die ihn in der Schule förderte und sich jetzt für seine Freilassung engagierte. Immer wieder schreibt er, wie wichtig es war, Zuspruch zu erfahren und öffentliche Solidarität.

Ausreisen durfte Adil Demirci aus der Türkei erst, als seine Mutter in Deutschland gestorben war. Die Geschichte seiner Kriminalisierung ist bis heute nicht vorbei: Der Prozess gegen ihn in der Türkei wird fortgesetzt.

Adil Demirci: Zelle B-28 – Als politische Geisel in Istanbul. Eckhaus Verlag, 2021