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Kölner Coworking-Szene
„Dass die Pandemie zu großem Wandel führt, sehe ich nicht“

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Verwaiste Büroräume: Der Coworking-Space vom Forum Food und Nachhaltigkeit in Ehrenfeld.

  • Das vergangene Jahr lief für die Kölner Coworking-Szene gut. Neue Anbieter kamen in die Stadt, die Zeichen standen auf Wachstum.
  • Der Boom endete mit der Pandemie. Events, Netzwerke und Kommunikation - das, wovon die Branche lebt - lagen brach.
  • Thomas Riedel - Kenner der Branche - erklärt, worin jetzt die Chance liegt. Und warum er nicht glaubt, dass Unternehmen nach der Krise flexiblere Arbeitsmodelle einführen.

Köln – Vor der Corona-Pandemie war die Kölner Coworking-Szene an einem Höhepunkt angelangt: Ende 2019 eröffnete der US-Konzern Wework eine Filiale am Friesenplatz, der Konkurrent Spaces zog in die Breite Straße. Noch nie sei es den Anbietern von Gemeinschaftsbüros so gut gegangen, noch nie seien es so viele gewesen. Dreizehn alleine in Köln, rund 80 in ganz NRW. Das sagt Technik-Journalist Thomas Riedel, der die Entwicklung von Coworking in Köln seit langem beobachtet. Der Lockdown traf auf eine Branche, die von Events, Kommunikation und ihrem Netzwerk lebt. Vom engen, persönlichen Austausch, der von einem auf den anderen Tag nicht mehr möglich war und aktuell nur schwer möglich ist. In der Branche sind viele Gründer von Start-ups und Selbstständige unterwegs, die finanziell von Investoren abhängen. Deren Geschäftsidee gerade erst laufen lernt.

In der Krise könnte sich jetzt jenes Coworking bewähren, das auf den Grundprinzipien der Anfänge beruht. Coworking sei eine Graswurzelbewegung, erklärt Thomas Riedel. An erster Stelle stehe die gemeinsame Community, aus der sich dann ein „Space“, ein gemeinschaftlicher Ort zum Arbeiten, entwickle. Um Kosten zu sparen, sich gegenseitig zu unterstützen und zu kooperieren. Das Festhalten an dieser Idee und das Prinzip Solidarität hält die kleinen Anbieter jetzt aufrecht. „Jene, die Coworking am stärksten leben, haben unter der Krise am wenigsten gelitten“, bilanziert Riedel.

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Geteilte Meinungen zu Finanzpaket der Stadt Köln

Den Mietern des Forums Food und Nachhaltigkeit, Treffpunkt für junge Firmen, die mit nachhaltigen Lebensmitteln und Produkten Geld verdienen, brachte Gründerin Anika Schuh während der Pandemie sogar die Post nach Hause. Bei aller gelebten Solidarität, trifft die Pandemie auch ihr Unternehmen: „Wir kämpfen seit Beginn der Pandemie mit Rückgängen bei der Vermietung unserer Coworking Arbeitsplätze, Teambüros sowie Event-Flächen“, so Schuh.

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Anika Schuh (Mitte), Gründerin und Geschäftsführerin des Forums, bei einer Veranstaltung.

Das Forum bietet neuen und alten Mietern ein „Corona Unterstützungs-Paket“. Bis Ende 2020 sind die Preise für Arbeitsplätze, Raumbuchungen, Workshops und Veranstaltungen reduziert, die Anmeldung einer Geschäftsadresse, Lagerflächen und die Buchung des Konferenzraumes gratis. „Wir haben vom Unterstützungspaket der KölnBusiness Wirtschaftsförderung/Stadt Köln profitiert und sind daher in der Lage die oben aufgeführten Maßnahmen umzusetzen. Diese finanzielle Unterstützung hat uns sehr geholfen“, ergänzt Schuh.

Thomas Riedel nennt das Stabilisierungs- und Entwicklungsprogramm für Coworking-Spaces und Veranstalter der Köln-Business Wirtschaftsförderung „einen Tropfen auf den heißen Stein“. Insgesamt 100 000 Euro wurden bereitgestellt, um die Szene während der Pandemie zu unterstützen. Viele Coworking Anbieter haben bewusst darauf verzichtet, andere Fördertöpfe anzuzapfen, wie Riedel auf seinem Blog berichtet. Die Devise: Besser die Finanzspritze geht an die Mieter, die so ihr Geschäft erhalten können und auf die Kündigung ihres Arbeitsplatzes im Coworking-Space verzichten.

Startplatz bietet Corona-taugliche Projektbüros

Das Gründerzentrum Startplatz hat anders entschieden und beim Land NRW Soforthilfe beantragt – und erhalten. Wegen der Pandemie war das Unternehmen in arge Schwierigkeiten geraten. Geschäftsführer Lorenz Gräf berichtete bereits Mitte April von einem Umsatzverlust von mindestens 50 Prozent. „Der Startplatz ist in zweifacher Weise von den Maßnahmen gegen die Pandemie betroffen. Zum einen wirkt sich die kurze Kündigungsfrist von drei Monaten für Teambüros aus und wir haben aktuell sechs freie Teambüros. Zum anderen werden aktuell nur wenige Events durchgeführt, so dass unsere Konferenzräume häufig frei bleiben“, erklärt Gräf die Probleme. Aus der Not habe man aber eine Tugend gemacht und Räume nach den Corona-Vorgaben umgebaut. Der Startplatz kann so aktuell Corona-taugliche Meetingräume und Projektbüros anbieten.

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So viel Flexibilität erwartet Thomas Riedel außerhalb der Coworking – und Start-up Szene auch nach der Pandemie nicht. Was in dieser Branche gang und gäbe ist, werde bei Klein- und Mittelständler nicht so bald zur Regel werden, glaubt er. Deutlich positiver äußerte sich Oberbürgermeisterin Henriette Reker Anfang Juli: „Das Interesse der alten Industrie an der Zusammenarbeit mit der neuen Wirtschaft ist da. Gerade in der jetzigen Zeit sind Ideen wichtig, die den Transformationsprozess ermöglichen.“ Beim Pressetermin in den Wework-Räumen präsentierten die Stadt Köln und Köln-Business das Start-up Förderprogramm „Cologne Start-up Boost“. Der Wework Chef für Deutschland, Österreich und die Schweiz, Nicolay Kolev, stellte die Frage, ob es künftig überhaupt noch Büros brauche. Die Pan-demie sieht er als idealen Zeitpunkt, Konzepte von Arbeit neu zu denken.

Debatte über flexible Arbeit ist in Gang

„Wenn das Virus weg ist, wird es vielleicht eine Klausel im Vertrag geben, dass ein paar Tage Homeoffice im Monat erlaubt sind. Dass die Pandemie zu einem großen Wandel führt, sehe ich nicht“, meint Thomas Riedel skeptisch. Aber: Der Samen sei gepflanzt. Wo es vorher kein Thema war, denke mancher jetzt doch über flexible Arbeit nach. Coworking-Spaces könnten mit verlässlicher Infrastruktur, einer ordentlichen Büroausstattung und separaten Räumen, in denen es sich in Ruhe arbeiten lässt, aufwarten, zählt Riedel die Vorteile auf.

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Der Geschäftsführer von Köln-Business Dr. Manfred Janssen, Oberbürgermeisterin Henriette Reker und Nikolay Kolev von Wework (v.l.). Seit Ende 2019 ist der Coworking-Anbieter Wework in Köln vertreten.

Die Arbeit von zu Hause auf dem Küchenstuhl schade auf Dauer den Arbeitnehmern. Wer seine Mitarbeiter in Coworking-Spaces arbeiten lässt, habe mit solchen und ähnlichen Fragen keine Arbeit.„Das, was in Start-ups normal ist, tröpfelt immer mehr in andere Branchen ein“, konstatiert Riedel. Er sagt, den meisten Anbietern von Coworking gehe es im Moment noch gut. Die große Unbekannte sei die Zukunft. Keiner weiß, wie es weitergeht und wann die Geschäfte wieder normal laufen. Und wer bis dahin durchhalten kann.

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