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Anwohner erleichtertSchlafstätte von Obdachlosen an der Keupstraße wird abgerissen

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Ein Bagger riss am Donnerstag Fenster und Türen der leerstehenden Gebäude ein und machte sie so unbewohnbar.

Ein Bagger riss am Donnerstag Fenster und Türen der leerstehenden Gebäude ein und machte sie so unbewohnbar. 

Dort, wo in Mülheim ein Mahnmal für die Opfer des Nagelbombenattentats entstehen soll, war ein Schandmal entstanden. Nach einem KStA-Bericht gibt es nun eine neue Entwicklung.

Vor einer Woche hatte der „Kölner Stadt-Anzeiger“ darüber berichtet, dass Obdachlose und Drogenkonsumenten sich auf der Industriebrache an der Keupstraße, Ecke Schanzenstraße in Mülheim niedergelassen haben – genau dort, wo schon lange ein Mahnmal für die Opfer des Nagelbombenattentats in der Keupstraße geplant ist. Die Räume dort sind vermüllt und mit Fäkalien beschmiert, Geschäftsleute sprachen von Menschen auf der Einkaufsmeile, die betteln, ihre Affekte nicht kontrollieren können und Kunden verängstigen. Für Bewohner und Opfer des Attentats vom Juni 2004, das der rechtsradikale NSU begangen hatte, sind die Zustände an dem symbolischen Ort ein Affront; viele Anwohner waren von den Behörden über viele Jahre fälschlicherweise verdächtigt worden, selbst für den Anschlag verantwortlich zu sein. Einige sind bis heute traumatisiert.

Wo sollen Obdachlose künftig hin?

Wenige Tage nach der Berichterstattung war das Gelände, das zuvor frei zugänglich gewesen war, mit einem Eisentor verschlossen worden. An Bauzäunen warnen Schilder vor anstehenden Abbrucharbeiten: „Aus Sicherheitsgründen ist das Gebäude vollständig zu räumen. Betreten ab sofort verboten. Zutritt auf eigene Gefahr!“

Am Mittwochabend feierten rund 4000 Menschen auf der Keupstraße das Fastenbrechen im Ramadan – unter ihnen auch Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester. Am Donnerstagmorgen rückte auf dem Areal „Alte Feuerwache“ ein Bagger an und riss Fenster und Türen der leer stehenden Räume ein. Die Polizei war schon kurz nach Sonnenaufgang vor Ort gewesen, um das Gelände zu räumen. Lediglich eine Person sei in den Räumen angetroffen worden, teilte ein Polizeisprecher mit. Sozialarbeitenden und Geschäftsleuten zufolge hatten zuletzt 15 bis 20 Menschen die Gebäude als Schlafstätte und Drogenkonsumraum genutzt, das neu gesicherte Areal aber in den vergangenen Tagen verlassen.

Unklar ist, wo die hilfsbedürftigen Menschen künftig bleiben – zumal auch die Eröffnung des seit 2017 geplanten und inzwischen fertiggestellten Drogenkonsumraums an der Neuerburgstraße in Kalk weiter auf sich warten lässt. Die Stadt teilte dazu am Donnerstag auf Anfrage lediglich mit, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Suchtclearings den Menschen bei Besuchen vor Ort Hilfsangebote gemacht haben, unter anderem mit mehrsprachigen Flyern. Für Menschen, die akut von Obdachlosigkeit bedroht seien, „steht die Fachstelle Wohnen der Stadt Köln zur Verfügung“.

An einem Bauzaun prangt inzwischen ein Schild, das auf die Abbrucharbeiten hinweist. Vor dem Bauzaun sichert ein Eisentor das Gelände.

An einem Bauzaun prangt inzwischen ein Schild, das auf die Abbrucharbeiten hinweist. Vor dem Bauzaun sichert ein Eisentor das Gelände.

Die Menschen auf der Keupstraße sind über die neue Entwicklung erleichtert. „Es ist sehr gut, dass nach öffentlichem Druck durch die Zeitung jetzt schnell gehandelt wurde. Wir haben gestern beim Fastenbrechen noch mit dem OB darüber gesprochen“, sagte Bünyamin Köksoy, Vorsitzender der IG Keupstraße, am Donnerstagvormittag vor dem Gelände. Nach dem Artikel im „Kölner Stadt-Anzeiger“ habe das Ordnungsamt zugesagt, dass der Eigentümer angewiesen werde, die Gebäude zunächst „unbewohnbar zu machen“.

Auf einer Stadtteilkonferenz am Dienstag habe eine Bezirkspolizistin mitgeteilt, dass die Stadt mittels der Androhung eines Bußgelds („Ersatzvornahme“) Druck auf den Eigentümer ausübe, weil das Gebäude gefährlich sei, sagte Stadtteilkoordinatorin Sandra Jasper am Donnerstag auf der Keupstraße. Die Stadt sah sich am Donnerstag mit Verweis auf die Ratssitzung am Nachmittag nicht der Lage, sich aktuell zu den Abstimmungen mit dem Eigentümer zu äußern.

Langes Warten auf das Mahnmal

Das Gelände gehört dem Immobilienentwickler Gentes, der dort Wohnungen und Gewerbe bauen möchte. In den vergangenen Jahren war indes nichts geschehen. Das Unternehmen hatte sich vergangene Woche nur knapp zu den Fragen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ geäußert und auf laufende Absprachen mit der Stadt Köln verwiesen. Auf aktuelle Nachfragen äußerte sich Gentes am Donnerstag nicht.

Das Unternehmen will nach eigenen Angaben 320 Wohnungen auf dem Areal bauen, 30 Prozent davon öffentlich gefördert. Zudem sollen Flächen für Handel und Büros entstehen. Knapp 600 Quadratmeter zwischen Keupstraße und Schanzenspreche überlässt der Investor der Stadt, um dort ein Mahnmal zu errichten. So ist es verabredet worden.

Wir hoffen sehr, dass jetzt Ruhe in der Straße einkehrt und die Stadt mit uns zusammen auch die Planungen für das Mahnmal schnell vorantreibt
Bünyamin Köksoy, Vorsitzender IG Keupstraße

In den vergangenen Jahren war auf dem Gelände allerdings nichts geschehen. In Mülheim machte das Gerücht die Runde, Gentes wolle das Filetstück meistbietend wieder verkaufen. Das Unternehmen hatte das auf Anfrage dementiert. „Wir hoffen sehr, dass jetzt Ruhe in der Straße einkehrt und die Stadt mit uns zusammen auch die Planungen für das Mahnmal schnell vorantreibt“, sagte Bünyamin Köksoy am Donnerstag.

Im Jahr 2014 hatte der Stadtrat die Errichtung eines Mahnmals in Gedenken an die Opfer der Bombenanschläge in der Probsteigasse 2001 und der Keupstraße 2004 beschlossen. Die Wahl fiel auf einen Entwurf des Künstlers Ulf Aminde, eine sechs Meter hohe und 24 Meter breite Bodenplatte aus Beton, als Kopie des Fundaments des Frisörgeschäfts, vor dem die Bombe explodierte. Die Initiative „Herkesin Meydani – Platz für alle“ fordert jetzt von der Stadt Köln und dem Eigentümer bis zum Jahrestag des Gedenkens am 9. Juni eine Zusage, das Mahnmal unabhängig von den Baumaßnahmen zu realisieren.  In dem Netzwerk haben sich im Jahr 2019 Menschen aus dem Stadtteil, Betroffene des Attentats, Vertreterinnen der Stadtteilkonferenz und der IG Keupstraße, Künstler und zahlreiche Initiativen zusammengeschlossen.

19.03.2026, Köln: Eine Übergangslösung an dem Spielplatz Holweider Straße. Eine Gedenkstätte an das Nagelbomben Attentat an der Keupstraße. Foto: Arton Krasniqi

Eine bemalte Wand erinnert vorläufig an das Nagelbombenattentat in der Keupstraße im Juni 2004. Im Bild: Vorstände der IG Keupstraße mit Bünyamin Köksoy (Mitte) und Sozialraumkoordinatorin Sandra Jasper (l.)

Ein kleines Denkmal, das an die Opfer des Nagelbombenattentats erinnert, gibt es in Mülheim freilich schon seit mehr als zehn Jahren. Die Jugendlichen des AaK-Jugendladens in der Keupstraße wollten im Jahr 2015 nicht länger warten. Sie nahmen Farben, Bleistifte und Spraydosen und bemalten eine Mauer am Spielplatz Holweider Straße direkt hinter der Keupstraße. Jedes Jahr wird die Mauer seitdem neu gestaltet. „Interimsmahnmal, 9.6.2004“ steht in bunten Lettern an der Wand, die kaum jemand kennt, dazu Friedenszeichen, der Dom, ein Dönerspieß, Blumen. Zum Jahrestag des Anschlags soll an der Keupstraße ein Schild als Wegweiser zu dem Interimsdenkmal angebracht werden, das sich ständig verändert. „Endlich hat sich jetzt auch am geplanten Standort des beschlossenen Mahnmals etwas verändert“, so Bünyamin Köksoy. Fortsetzung folgt.