17 Fälle wurden der Bezirksvertretung Ehrenfeld übergeben. Forderung nach Workshops und Beratungsstellen gegen Alltagsrassismus.
Maßnahmen gefordertJunge Kölner berichten von Polizeischikanen und Alltagsrassismus

Die Berichte aus den Einrichtungen dürften zu denken geben: Vor der Sitzung überreichten Vertreter des AK Rassismuskritik einen symbolischen Briefumschlag an die Bezirksvertreter.
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Man darf davon ausgehen, dass Polizeibeamte einigermaßen gestresst sind, wenn sie an Karnevalstagen auf der Zülpicher Straße Dienst tun. Aber muss man deshalb akzeptieren, dass sie Jugendliche ohne Anlass auf unerlaubten Waffenbesitz untersuchen, nur weil sie erkennbar aus einem anderen Kulturkreis stammen und nicht verkleidet sind? Dass die Beamten den jungen Leuten sagen, sie sollten verschwinden, denn sie gehörten „nicht dazu“, und dass einzelne Polizisten auf Widerspruch mit Drohungen reagieren: „Wenn du noch ein Wort sagst, brech‘ ich dir den Arm.“?
Dies sei Jugendlichen aus dem Stadtbezirk so passiert, berichtete Lauretta Brown, Leiterin der AWO-Jugendeinrichtung 8zwo7 in Ossendorf, bei einer Aktion im Rahmen der diesjährigen bundesweiten Wochen gegen Diskriminierung und Rassismus. Mitarbeiter aus zwölf Einrichtungen in Bickendorf, Ossendorf, Bocklemünd und Ehrenfeld hatten ihre meist jungen Besucher aufgefordert, von ihren Erfahrungen mit Diskriminierung, Rassismus und Ausgrenzung zu erzählen und Forderungen zur Abhilfe an die Politik zu stellen. Bei der Abfassung der Berichte und der Formulierung von Erwartungen hatten sie Unterstützung von den Mitarbeitern der Einrichtungen erhalten. Die Ergebnisse wurden Ehrenfelder Lokalpolitikern vor der jüngsten Sitzung der Bezirksvertretung symbolisch in einem übergroßen Briefumschlag überreicht.
Viele Jugendliche berichten von Polizeikonflikten und Alltagsrassismus
Was in den 17 Berichten aufgezählt wird, dürfte bei den Politikern in der Tat Kopfzerbrechen auslösen. Denn der „Karnevalsvorfall“ auf der Zülpicher Straße sei kein Einzelfall, sagte Lauretta Brown. „In etwa 90 Prozent der Fälle ging es bei den Teilnehmern aus unserer Einrichtung um Konflikte mit der Polizei, um anlasslose Festnahmen zum Beispiel.“ Aber auch Alltagsrassismus belaste die jungen Leute, wenn etwa im Vorbeigehen abschätzige Worte wie „Ich hasse Afrika“ fielen. Sogar bei Lehrkräften zeigten sich Vorurteile: Eine gedankenlose Bemerkung wie „Du kannst doch bestimmt gut tanzen“ lasse „positiven Rassismus“ erkennen.
Sonja Bühler vom Arbeitskreis Nachbarschaft, der sich hauptsächlich um die Belange erwachsener Menschen kümmert, erzählte gar von einem Arzt, der sich geweigert hatte, ein Kind trotz Fiebers und der wiederholten Bitte der migrantischen Mutter zu untersuchen: „Das wird schon nicht so schlimm sein.“ In solchen Fällen, oder wenn es um Arbeits- oder Wohnungssuche geht, seien Benachteiligungen häufig schwer nachzuweisen, aber eben doch deutlich spürbar: „Die Betroffenen ziehen sich dann nach und nach zurück, entwickeln keine Perspektiven für ihr Leben“, meinte Ronja Weidenmüller, Leiterin des Clubs Westend, ebenfalls eine Einrichtung der AWO. Hinzu komme häufig die Verbindung mit anderen Formen von Diskriminierung, die soziale Ausgrenzung aufgrund des Wohnorts zum Beispiel, ergänzte Frédéric Bravo Paredes, Sozialraumkoordinator der AWO für Bickendorf und Ossendorf. Alarmierend sei es, wenn Betroffene dann statt einer Erwartung an die Politik lediglich notierten: „Es hat ja doch keinen Zweck.“
Selbstverständlich ist es nicht einfach, Rassismus auf der Ebene des Stadtbezirks zu begegnen, und die Wünsche und Forderungen einiger junger Teilnehmer nach „Aufklärung“ und „Bildung“ sind sehr allgemein gehalten. Doch die zwölf beteiligten Einrichtungen haben inzwischen den von Paredes und seiner Bocklemünder Kollegin Vera Schultze koordinierten Arbeitskreis Rassismuskritik (AK) ins Leben gerufen. Der AK benennt konkretere Ziele. So soll die Bezirksvertretung prüfen, ob sie Mittel für Workshops bewilligen kann, auf denen die Mitarbeiter der Einrichtungen für den Umgang mit Rassismus geschult werden.
Auch sei wichtig, „dass es Beratungs- und Anlaufstellen für Menschen gibt, die Rassismus und Diskriminierung erfahren“, sagt Frédéric Bravo Paredes. Wie die Antidiskriminierungsbüros „Öffentlichkeit gegen Gewalt e. V.“ in Mülheim, der Caritas in Kalk, oder des Rubicon e. V. in der Innenstadt. „Für Ehrenfeld gibt es eine solche Stelle leider nicht. Zwei Büros sind in unseren Augen etwas wenig für eine Millionenstadt wie Köln“, so Bravo Paredes.

