Früh aufstehen und ab zur Party: Dahinter steckt ein Trend aus den USA, der auch deutsche Städte erobert. Ein Besuch auf einem Morning Rave in Köln.
Barista-Kaffee statt BierPartytrend Morning Raves in Köln – Feiern bis der Job losgeht

Gut drauf zum Tagesbeginn: eine Morning-Rave-Party in Köln-Ehrenfeld. .
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Der Wecker klingelt um 5.40 Uhr und ich überlege kurz, wo ich bin. Hotelzimmer, Köln, ja, ich will raven gehen. Will ich? Ich kann mir kaum vorstellen, gleich in einer Menschenmenge zu wummernden Bässen zu tanzen. Ich unterdrücke den Impuls, noch einmal auf Snooze zu drücken, und stehe auf - bereit für meinen ersten Morning Rave.
In der Bahn bin ich umgeben von Menschen mit müden Gesichtern, die offenbar auf dem Weg zur Arbeit sind oder auf der Heimfahrt von der Nachtschicht. Während draußen die Sonne aufgeht, ein milder Sommertag, komme ich im Kölner Stadtteil Ehrenfeld an. Hinter einer Einfahrt und einer Art hoch gelassenem Garagentor habe ich mein Ziel erreicht – die high.studios. Wo sonst Freiberufler sich im Co-Working-Space einmieten, Meetings abhalten oder Podcasts aufnehmen, wird heute gefeiert. Nicht bis zum Morgengrauen, sondern ab dem Morgengrauen – bis der Job ruft.
Morning-Rave-Trend kommt aus den USA
In den USA machen sie das schon lange, in New York etwa wird bereits seit zehn Jahren bei Sonnenaufgang auf einem Boot vor der Skyline der Metropole in den Arbeitstag hineingetanzt. Morning Rave, Breakfast Rave, Pre-Work-Party - der Trend trägt verschiedene Namen und ist jetzt mit einigen Jahren Verzögerung auch in Europa und in deutschen Großstädten wie Berlin, Hamburg, München oder eben Köln angekommen.

Das Kollektiv Dummgehen bietet in den High Studios in Ehrenfeld einen neuen Morning Rave an. Von 6.30 bis 9 Uhr wird dann getanzt. Von links: Philipp Kaul, Jan Grabow und Fabio Fuchs
Copyright: Kollektiv Dummgehen
Die Idee: Wer morgens feiert, startet entspannter und mit mehr Energie in den Arbeitstag, eine kreative Alternative zur morgendlichen Joggingrunde oder dem Frühyoga.
Ist das also der Gamechanger, wie man einfacher aus dem Bett kommt und fröhlich und produktiv in den Arbeitstag startet? Wirksamer und spaßiger als ein doppelter Espresso und ein Toast am Morgen? Mal ausprobieren.
Zum Glück gibt’s den Kaffee trotzdem. Als ich um 6.30 Uhr ankomme, bin ich die Erste. Anderen scheint es doch zu früh zu sein. Dabei starten manche Morning Raves sogar nochmal eine halbe Stunde eher.
Barista-Kaffee statt Bier
DJ Ræv legt für die ersten eintrudelnden Frühaufsteher auf, scheinbar unbeeindruckt von der Uhrzeit. Später erfahre ich: Das könnte vielleicht auch mit seinem eigentlichen Beruf als Arzt zu tun haben.
Neben Barista-Kaffee gibt es jedenfalls auch Matcha, Orangensaft, Softdrinks und Wasser an der Bar, sowie Bananenbrot und Brezeln für alle, die nicht ohne Frühstück können - so wie ich. Alkohol gibt es nicht, das ist den Veranstaltern wichtig. Schließlich steht anschließend für die meisten Gäste noch ein Werktag bevor.
Der DJ muss noch zum 24-Stunden-Dienst ins Krankenhaus
Gegen kurz nach 7 ist die Tanzfläche schon gut gefüllt. Vorwiegend jüngere Menschen, dazu ein paar ältere, bewegen sich zu der elektronischen Musik. Der Techno ist kein knallharter, wie man ihn aus manchen Berliner Club um 3 Uhr nachts kennt, sondern ein recht melodischer, aber auch nicht so sanft, dass er wieder müde macht. Ich tanze mich zwischen den anderen Menschen wach und warm.
Um 7.30 Uhr endet das Set von Fabio Fuchs, der hinter dem DJ-Namen Ræv steckt. Es ist wärmer und stickiger geworden im Raum, wir gehen für ein Gespräch in den kühleren Flur. Der 30-Jährige hat nach dem Rave noch einiges vor: „Ich bin Urologe und muss noch ins Krankenhaus, ich habe heute 24-Stunden-Dienst“, erzählt er und lacht über meinen ungläubigen Blick. Was für ein Einsatz!

Beim Morning Rave in Köln-Ehrenfeld wird vor der Arbeit getanzt.
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Fuchs ist einer von drei Freunden, die das Kollektiv namens Dummgehen gegründet haben und die nun zum zweiten Mal in Köln einen Morning Rave organisieren. Zum Trio gehören auch Philipp Kaul, Gründer der high.studios, die der Veranstaltung als Location dient, und Jan Grabow, der sich mit einer veganen Eisfirma selbstständig gemacht hat.
„Jan ist irgendwann auf mich zugekommen, weil er den Trend aus den USA mitbekommen hat“, erzählt Kaul. Er ist vor ein paar Jahren aus Wuppertal nach Köln gezogen. „Die USA sind uns bei solchen Sachen ja immer ein paar Jahre voraus.“ Von New York nach Köln-Ehrenfeld also - passt perfekt, findet der 26-Jährige, Ehrenfeld sei ein kreativer Stadtteil. In seiner Heimat Wuppertal habe er sich manchmal mit seinen Ideen etwas fehl am Platz gefühlt. Jetzt geht er voll auf darin, auch als DJ, der nach Kumpel Fabio Fuchs am Pult steht.
In dem für Partyverhältnisse hell ausgeleuchteten Raum tanzen die Leute auf zwei Teppichen, die auf dem Boden liegen. Eher Wohnzimmerflair als schummrige Nachtclubatmosphäre herrscht hier. Etwas ungewöhnlich, aber nach einiger Zeit fällt es mir gar nicht mehr auf. „Es ist absichtlich ein bisschen heller”, erklärt Fuchs, „wir wollen die morgendliche Stimmung aufnehmen, um energetisch in den Tag zu starten.“
Achtsames Feiern am Morgen
Er spricht auch vom „conscious raving“, achtsames Feiern also. Kein Alkohol, keine dunklen Ecken, und um 9 Uhr ist Schluss.
Aber steht all das nicht im starken Kontrast zur Clubkultur, die man so kennt? Nimmt das dem Feiern nicht die Leichtigkeit, wenn statt einer scheinbar endlosen Nacht, in der alles möglich scheint, der durchgetaktete Arbeitstag vor einem liegt?
Die Veranstalter zumindest sehen darin keinen Widerspruch – eher eine Ergänzung. „Der Morning Rave gibt einem die Möglichkeit, die Musik zu erleben, auch wenn man keine Zeit oder Lust hat, nachts loszuziehen“, meint Fuchs. Nach der ersten Party hätten sie viel Zuspruch bekommen, etwa von Schwangeren oder Frauen mit Kindern.
So wie von Susanne. Die 55-Jährige tanzt mit ihren Arbeitskolleginnen von der Hochschule auf der Fläche, nachdem sie beim Kaffee schon fröhlich gequatscht haben. „Ich habe drei Kinder, da ist es mit abends feiern schwierig“, erzählt sie. Am Morgen hingegen: kein Problem. Und angenehm ist es noch dazu.
Kein Alkohol, keine dunklen Ecken
Tatsächlich gibt es einige Vorteile: Die rund 100 Frühaufsteher, die über den Morgen verteilt da sind, kommen sich nicht zu nahe. Denn auch um diese Uhrzeit wird es warm und stickig im Club, wenn Leute sich bewegen und schwitzen - umso schöner, dass niemand sich von hinten an einen herandrängt, alkoholisiert durch die Menge schwankt oder gar Drinks verkippt, was bei der Teppichvariante als Tanzboden auch wirklich ein Problem wäre. Null Hochprozentiges und mehr Licht sei Dank.
Hier fühlt sich auch allein tanzen nicht seltsam an. Keiner guckt mich komisch an, ich bin nicht die Einzige, die ohne Begleitung gekommen ist. Auch die junge Schmuckdesignerin feiert ihre Solo-Party. Sie wohnt in der Nähe und hat vor der Arbeit vorbeigeschaut - einfach mal zum Ausprobieren. Abends gehe sie eigentlich nie feiern, erzählt sie - und tanzt dann bis halb 9 enthusiastisch mit. Ebenso der 50-jährige Torsten, Steinmetz am Kölner Dom, der eigentlich mit einer Freundin kommen wollte, die aber verschlafen hat.
„Da hat man die 10.000 Schritte gleich voll“
Neben mir wippend guckt er auf seine Smartwatch: „Da hat man die 10.000 Schritte gleich voll“, scherzt er, „sonst habe ich nicht so einen Wasserverlust um die Zeit.“ Also doch Morgensport. Zum Glück kann Torsten - so erzählt er es - noch schnell duschen, bevor er in die Arbeitsklamotten schlüpft.
Ich bin zu alt für 2 Uhr nachts im Club, da wird man auch mal komisch angeguckt
„Ich bin zu alt für 2 Uhr nachts im Club, da wird man auch mal komisch angeguckt“, meint er. Früh aufstehen hingegen - kein Problem für ihn. Er fange sonst schon um halb 8 an zu arbeiten. An diesem Tag schiebt er das nach hinten und tanzt erstmal eine Runde - Gleitzeit sei Dank. „Ich bin Fan, ich werde Stammgast“, kündigt er euphorisch an.
Vom Morgenmuffel zur Frühtänzerin
Fan könnte auch Maxi Schüller werden: Die 29-Jährige ist direkt bürotauglich im Hosenanzug gekommen, den Blazer hat sie aber schnell abgelegt wegen der Wärme. „Ich habe noch ziemlich viele Termine heute“, erzählt die Frau, die in der Immobilienbranche tätig ist. Die anstehenden Arbeit hält sie nicht vom Tanzen ab, sie war schon bei dem ersten Morning Rave der Veranstalter in Köln.
„Ich bin eigentlich ein Morgenmuffel, meine Kollegen haben sich beim letzten Mal schon gewundert, als ich so gut gelaunt ins Büro kam“, sagt sie und lacht dabei. Auch sie will wiederkommen. Das lässt sich einrichten - die Organisatoren um Philipp Kaul bieten bereits einen neuen Termin für einen Morning Rave am 15. Oktober an.
DJ wünscht einen „Schönen Arbeitstag“
Ich tanze noch, bis die Lichter angehen - oder besser gesagt: bis die Musik stoppt, die Lichter sind ja schon die ganze Zeit an. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das nachts zuletzt einmal geschafft habe - bis zum allerletzten Song durchzuhalten. Jetzt jedenfalls beklatschen und bejubeln die übrig gebliebenen Partygäste - so mancher musste schon früher los zum ersten Termin - die drei jungen Männer am Pult.
Philipp Kaul bedankt sich bei allen fürs Mitmachen, wünscht dann einen „schönen Arbeitstag“. Und irgendwie fühlt es sich lustig an, dass alle jetzt wieder zurückgehen in ihren Alltag, ihren Bürojob machen, Leben retten, Steine klopfen. Auch ich habe noch Schreibarbeit vor mir.
Mittagstief bleibt trotzdem
Glücklich und ein bisschen aufgedreht verlasse ich die Location und gehe wieder zur S-Bahn, die längst aufgegangene Sonne strahlt mir ins Gesicht. Es ist 9 Uhr, der Tag liegt noch vor mir und ich fühle mich tatsächlich motiviert für das, was noch ansteht.
Zwei Stunden später erreicht mich das Mittagstief, nicht unbedingt mehr als an anderen Tagen, aber auch nicht weniger. Das Energetische habe ich offenbar wieder verloren, nach der Arbeit mache ich ein kleines Schläfchen. Dass ein Morning Rave einen den ganzen Tag lang produktiver werden lässt, ist - zumindest in meinem Fall - zu viel versprochen.
Zu einem Morning Rave würde ich trotzdem immer wieder gehen, man muss die Wirkung nur nicht überhöhen. Es ist eine besondere Party, ein anderer, verrückter Start in den Tag und natürlich eine gute Möglichkeit für alle, die Tanzen und Musik lieben, aber nachts nicht wollen oder können. Es macht eine Menge Spaß, wenn man es rechtzeitig aus dem Bett schafft. Das genügt doch als Existenzberechtigung für solche Veranstaltungen. Und wer dann noch Energie übrig hat, kann ja am Abend immer noch Party machen - für mich allerdings reicht es für diesen Tag.

