Vor zwei Jahren wurde das Allerweltshaus Nachbar der Ehrenfelder Investigativ-Legende. Jetzt spendete Wallraff der Institution 100.000 Euro.
„Schicksalhafte“ NachbarschaftWas Günter Wallraff und das Allerweltshaus in Köln-Ehrenfeld verbindet

Wallraff vor dem Anbau im hinteren Bereich seines Gartens, im Hintergrund ist die Rückfront des Allerweltshauses zu sehen.
Copyright: Hans-Willi Hermans
Riesenhaft ragen drei Kastanien, eine Platane und eine Buche auf dem Innenhof des Allerweltshauses in die Höhe, Günter Wallraff betrachtet sie nicht ohne Stolz: „Meine Mutter und meine Tante haben die gerettet, gleich nach dem Krieg, als das hier noch ein Schulhof war. Arbeiter der Stadt wollten die Bäume abholzen, aber die beiden Frauen haben sie daran gehindert.“ Es ist eine ganz besondere Beziehung, die Wallraff mit dem alten Schulgebäude an der Geisselstraße 3-5 verbindet.
Deutlich wurde dies kürzlich auf dem Frühjahrsempfang im Allerweltshaus, als eine Nachricht die Runde machte: Der Schriftsteller und investigative Journalist hat 100.000 Euro für dringend notwendige Sanierungsarbeiten gespendet. „Das Ergebnis einer positiven Form von Nötigung“, kommentierte Wallraff dies lachend. Erich Bethe, der das Haus derzeit schon zum zweiten Mal mit einer Spendenkampagne unterstützt, hatte sich bereit erklärt, noch mal 200.000 Euro extra draufzulegen – aber nur, wenn „der Wallraff“ auch 100.000 Euro dazugibt. „Was sollte ich da machen?“, fragt der 83-Jährige. „Mit der Bethe-Stiftung bin ich seit Jahrzehnten verbunden, ihre Arbeit ist sehr wichtig. Und das Allerweltshaus steht für etwas, das auch meine Arbeit ausmacht.“
Deshalb habe er einen Kredit aufgenommen und die Kapital-Aufstockung seiner eigenen Stiftung verschoben. Ebenso die Anschaffung eines neuen Wagens – muss „die verbeulte 20 Jahre alte Karre“ halt noch eine Weile durchhalten. Schließlich handelt es sich nach Wallraffs Ansicht um nichts Geringeres als eine „schicksalhafte“ Nachbarschaft. Seit einem Unfall im Jahre 2019 lebt und arbeitet er in einem Anbau im hinteren Bereich seines Grundstücks an der Thebäerstraße. Vom Hof des Allerweltshauses, einem lebendigen Veedelstreffpunkt, Beratungs- und Kulturzentrum für Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, ist er dort nur „durch eine dünne Mauer und zwei Oberlichter“ getrennt.
Alles zum Thema Römisch-katholische Kirche
- „So viel Freiwilligkeit wie möglich“ BDKJ will zu Gewissensfragen im Zusammenhang mit Wehrdienst beraten
- Abstimmung in Niederkassel Rheidter Grundschule bleibt Bekenntnisschule
- Ukraine Gladbacher helfen ihrer Partnerstadt Butscha
- Kloster Steinfeld Eine geballte Ladung Kultur erwartet im Mai die Besucher
- Plötzlich Weiß statt Schwarz Königin Letizias Auftritt bei Papst Leo wirft Fragen auf
- Kardinal Woelki trifft Horst Schlämmer Kleine Sünder unter sich
- Burmester und Latzel „Angst darf nicht das Betriebssystem unserer Gesellschaft werden“
Schulhaus in Köln-Ehrenfeld wurde Heim für Asylbewerber
Während Günter Wallraff selbst in Mauenheim aufwuchs, betrieben zunächst sein Onkel und Vetter eine Klavierwerkstatt mit Laden in dem schmalen Dreifensterhaus an der Thebäerstraße. Nach der Aufgabe von „Klavier Panier“ war der inzwischen durch seine Fabrikreportagen bekannt gewordene Journalist mit Frau und der einjährigen Tochter Ruth Heiligabend 1967 von Frankfurt nach Ehrenfeld umgezogen. „Es gab nur ein Außenklo, keine Heizung und wir schliefen anfangs auf Matratzen auf dem Boden“, erinnert er sich. „Ehrenfeld, das damals noch als Schmuddelviertel galt, gefiel mir einfach.“
Durch Restaurierungsarbeiten, Begrünung und den Zukauf von einem Nachbargrundstück haben sich die Wallraffs mit den Jahren eine Hinterhofidylle geschaffen, derweil nebenan der Betrieb in Ehrenfelds ältestem Schulgebäude weiterlief. Bis Ende der Achtziger Jahre: Da zog die Schule aus, die Geisselstraße 3-5 wurde für drei Jahrzehnte eine Unterkunft für Asylbewerber.

Die Spender und einige Mitarbeiter des Allerweltshauses auf dem Frühjahrsempfang.
Copyright: Hans-Willi Hermans
Das konnte Günter Wallraff nicht kalt lassen, der Einsatz für Menschen, die der Willkür der Mächtigen ausgesetzt sind, stand stets im Zentrum seiner Arbeit. Er hält es sogar für möglich, dass eines Nachts ein tragisches Ereignis in der Unterkunft den Weg in sein Unterbewusstsein fand. „Da übernachtete ich im Anbau und hatte einen Alptraum, in dem ich erwürgt wurde. Am anderen Tag erfuhr ich, dass sich nebenan ein Gast an einem Fensterkreuz erhängt hatte.“

Eine besondere Beziehung: Günter Wallraff auf dem ehemaligen Schulhof an den Bäumen, die seine Mutter und seine Tante nach dem Krieg vor der Stadt gerettet hatten.
Copyright: Hans-Willi Hermans
Bei anderer Gelegenheit zeigten sich gottlob erfreulichere Seiten der neuen Nachbarschaft. „Im September 1991 habe ich meine dritte Frau Barbara geheiratet, gefeiert haben wir im Asylbewerberheim mit afrikanischer Musik, Kinderkarussell und Catering von Willi Blume. Etwa 100 Menschen waren da, es war das schönste Fest meines Lebens“, erzählt Wallraff. „Ich erlebte mich sogar tanzend, obwohl ich passionierter Nicht-Tänzer bin.“
Auf dem Fest sprach ihn auch ein junger Roma aus dem damaligen Jugoslawien an, der akut von Ausweisung bedroht war. „Man hätte ihn mit Frau und kleinem Kind ins Roma-Ghetto Shutka bei Skopje und damit ins Elend zurückgebracht“, berichtet Günter Wallraff. Also versteckte er die Familie in seinem Haus, einen Nachfolger von Wolf Biermann und später Salman Rushdie sozusagen, die hier beide für mehrere Monate eine Bleibe gefunden hatten – wegen Ausbürgerung beziehungsweise Fatwa. Für den Roma ging es gut aus: Er heiratete seine Freundin, Wallraff besorgte ihm einen Job in einer Reinigung, heute leitet der Mann einen Betrieb: „Er gehört inzwischen auch zur Familie.“
Dass Rushdies Sicherheitsleute eine automatisch öffnende Eisentür als Fluchtweg von Wallraffs Tischtennisraum zum Schulhof eingebaut hatten, kommt Menschen in Bedrängnis seither zugute. Rushdie hatte damals einen gut verborgenen Hinterausgang zur Geisselstraße, aber auf der entgegengesetzten Route konnte Wallraff später etwa Frauen aus der Unterkunft, die sich vor männlicher Gewalt fürchteten, durch die Eisentür und weiter durch sein Wohnhaus unbemerkt in die Thebäerstraße schleusen. Er selbst nutzt die Tür hin und wieder für private Zwecke. „Wenn ich abends oder nachts den Eindruck habe, ich hätte zu viel am Schreibtisch gesessen, laufe ich meine Trainingsrunden über den Hof“, erzählt der frühere Marathon-Läufer.
Wallraff drehte die Musik auf, irgendwann ging er selbst rüber
Den jetzigen Nutzern vom Allerweltshaus, die 2022 einzogen und vor einigen Wochen einen Erbpachtvertrag mit der Stadt für die kommenden 80 Jahre unterzeichnet haben, dürfte das recht sein. Obwohl die Anfänge nicht ganz einfach waren - wieder spielte ein Fest eine wichtige Rolle. Denn als auf dem Hof wieder mal gefeiert wurde, beklagten sich einige Nachbarn wegen der Lärmbelästigung bei Wallraff. „Das weckte meine spießige Seite, und ich drehte, als Selbsthilfemaßnahme, eine Platte der Fado-Sängerin Amália Rodrigues auf volle Lautstärke bis zur Schmerzgrenze.“ Auf dem Hof sei es daraufhin etwas ruhiger geworden, aber nicht für lange. „Dann bin ich einfach mal rübergegangen – ein Perspektivwechsel, der mich verwandelt hat: Spielende Kinder, rhythmische Musik, lachende Menschen, das hat mich verzaubert. Ich bin dageblieben.“

Aufschlag Wallraff: An der Tischtennisplatte lieferte er sich schon mit Wolf Biermann und Salman Rushdie Ballwechsel.
Copyright: Hans-Willi Hermans
Nach dem Fest wurde der Kontakt zum Allerweltshaus deutlich intensiver, Günter Wallraff lädt nun auch mal Besucher zum Tischtennis ein. Und hat dabei keine Angst, dass sich zu viele Hilfesuchende an ihn wenden könnten. „Das Allerweltshaus ist sehr gut vernetzt, davon kann man eine Menge lernen.“ Aber dass nun nebenan erneut eine Einrichtung eingezogen ist, die so vorzüglich zu seinen Idealen, zu seiner Arbeit passt? Günter Wallraff fällt es schwer, da noch von Zufall zu sprechen, das sehe doch sehr nach Unterstützung von irgendwo weiter oben aus: „Ich bin vor langer Zeit aus der katholischen Kirche ausgetreten und überzeugter Agnostiker, aber manchmal muss ich verdammt aufpassen, dass ich auf meine alten Tage nicht noch zum gläubigen Menschen werde“, sagt er und lacht wieder auf: „Aber davor bewahre mich Gott.“

