27.07.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Natur erleben rund um Köln: Zurück zu den Wurzeln

Waldlichtung aus Jan Hafts Kinofilm "Das Grüne Wunder - Unser Wald".

Eine Waldlichtung aus Jan Hafts Kinofilm "Das grüne Wunder - Unser Wald".

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Köln -

Ein mächtiger Baumstamm thront auf bemoostem Grund, so gebieterisch und ehrwürdig wie aus dem Bilderbuch. Im Hintergrund ragt ein grauer Fels aus wabernden Nebelschwaden empor. Kaum erkennbar im gleißenden Strahl der ersten Morgensonne huscht die Silhouette einer Rotwildfamilie durch den dichten Urwald. Vom Ufer aus blicken die frühen Wanderer auf glänzende Kieselsteine in gluckerndem Gewässer.

Wie bitte, das soll mitten in Deutschland sein? Die Szene könnte auch in Nordamerika spielen. Tut sie aber nicht. Wir sind unterwegs in der Naturregion Sieg und streifen dort knorrige Eichen- und Hainbuchenwälder. Es geht steil bergan auf schmalen Pfaden, jeder Atemzug bringt eine Packung Sauerstoff extra.

Zwischendurch innehalten für diesen besonderen Ausblick, für jene unvermutete Entdeckung im Unterholz. Wir horchen auf für das Rascheln im Laub, das Hämmern der Spechte, das Höhen-Spektakel der Singvögel.

Der nächste Braunbär eine Frage der Zeit

Im Rothaargebirge werden Wisente ausgewildert, aus Polen wandern Wölfe ein. Die Eifel ist wieder Heimat umherstreifender Wildkatzen und Brutstätte von Eisvögeln. Die Nachricht von Wildschweinrotten und Füchsen, deren Fährte irrtümlich auf urbanes Terrain führt, ist schon zur Gewohnheit geworden.

Artenschützer warnen, es sei nur eine Frage der Zeit, wann der nächste Braunbär aus der Verwandtschaft des ehemaligen Problembären Bruno die Alpen überquert und den neuerlichen Versuch startet, in Bayern ansässig zu werden. Beim nächsten Mal müsse man für seine Ankunft besser gewappnet sein.

562 Ruhe-Oasen in Deutschland

Fast wie in der Karibik: Die unbewohnte Insel Bock in der Vorpommerschen Boddenlandschaft.

Fast wie in der Karibik: Die unbewohnte Insel Bock in der Vorpommerschen Boddenlandschaft.

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National Geographic/Rosing

Scheinbar kehrt da ein Stück Wildnis zurück. Natürlich nur so viel wie es geht in einem so dicht besiedelten Ballungsraum mitten in Europa. Wiederum: Es muss gehen. Zwei Prozent unserer Landesfläche sollen einem nationalen Strategiepapier der Bundesregierung zur Artenvielfalt zufolge wieder wild und unberührt sein.

Es gelte dabei auch, ein Stück Glaubwürdigkeit zurückzuerlangen, argumentieren Artenschützer vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Bonn. „Wenn wir uns für den Erhalt der großen Wildnisgebiete in Afrika und Amazonien einsetzen, dann müssen wir uns auch fragen lassen, wie haltet Ihr es denn mit Eurer eigenen Wildnis?“

Schlusslicht Nordrhein-Westfalen

Noch rund ein Viertel der Gesamtfläche Deutschlands sind von „unzerschnittenen verkehrsarmen Räumen mit einer Mindestgröße von 100 Quadratkilometern bedeckt“, hat das BfN ermittelt. Von solchen Ruhe-Oasen, in denen weder Bahntrassen noch Bundesstraßen, Schifffahrtskanäle und erst recht kein Flughafen die Naturidylle stören, gibt es derzeit 562 in Deutschland.

Ganz vorne liegen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Schlusslicht ist das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen mit gerade einmal vier Prozent ungeteilter Erholungsfläche.

Begegnung mit einem Eichelhäher im Film "Das grüne Wunder - Unser Wald".

Begegnung mit einem Eichelhäher im Film "Das grüne Wunder – Unser Wald".

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Als absolute Wildnis kann aber nur ein Bruchteil der Republik bezeichnet werden – die Kernzonen der 14 Nationalparks von Husum bis Berchtesgaden. Vor einigen Jahren sollte auch das Siebengebirge nach Plänen der NRW-Landesregierung als Nationalpark ausgewiesen werden. Das Projekt scheiterte am Widerstand der Bevölkerung.

Eher Löwe als Luchs

Es gebe noch mehr Gegenden, die warten nur darauf, wieder wild zu werden, sagt Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz: Ehemalige Truppenübungsplätze, Bergbaufolgelandschaften, Flussauen und Moorgebiete. Solche Landstriche werden dringend gebraucht für die Rettung der Arten, für den Totholz bewohnenden Käfer, den umherstreifenden Wolf und den Fischotter, der gemeinhin als Indikator für ungetrübte Naturreinheit gilt. Die Chancen, auf eine Wildkatze wie den scheuen Luchs zu treffen, stehen im deutschen Wald deutlich schlechter, als im afrikanischen Busch einem Löwen zu begegnen.

Dabei ist Naturschutz den Deutschen eine Herzenssache – zumindest in Meinungsumfragen. „Die Liebe zur Natur ist unter den Deutschen stark ausgeprägt“, weiß Beate Jessel. 96 Prozent sehen es als eine Pflicht der Menschheit an, die Natur zu schützen, 62 Prozent fühlen sich sogar persönlich dafür verantwortlich, nur 43 Prozent sind der Ansicht, in Deutschland werde bereits genug für den Naturschutz getan.

Ein Kampf zwischen zwei Hirschkäfern.

Ein Kampf zwischen zwei Hirschkäfern.

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So das Ergebnis einer Befragung, die das Ecolog-Institut im Auftrag von BfN und des Bundesumweltministeriums durchgeführt hat. Intakte Natur, so stellt sich heraus, ist uns nicht nur wichtig, weil sie einen wirtschaftlichen Wert besitzt, sondern weil sie einfach schön ist – und weil sie uns glücklich macht.

Anders gesagt: Naturfreunde gehören schon lange nicht mehr zu einer Kaste verquaster Ökofreaks, sie kämpfen schlicht um ein Stück Lebensqualität. Mithin eine hoch emotionale Angelegenheit.

  1. Zurück zu den Wurzeln
  2. Abschalten von urbaner Reizüberflutung
  3. Zurück zur Natur heißt zurück zu uns
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