28.08.2016
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Carolin Kebekus: „Unser Lokalpatriotismus nervt alle“

Köln ist eine Millionenstadt. Das ergab der Zensus 2011.

Der Blick auf Dom und Rhein von Köln-Deutz aus.

Foto:

dapd

Köln -

Der IHK-Präsident hat die Debatte über das äußere Erscheinungsbild Kölns neu entfacht und die Verantwortlichen kritisiert. Ist es so schlimm, wie mancher sagt?

Carolin Kebekus: Es ist schon richtig: In anderen Städten sieht es anders aus, vor allem in denen im Osten. Da habe ich jetzt sogar Ampeln gesehen, die kommen je nach Verkehrslage aus dem Boden rausgefahren. Aber in diesen Städten will keiner mehr wohnen. Die Leute ziehen da weg.

Es gibt auch Städte im Westen, wo es anders aussieht als hier …

Kebekus: Da kann man Unglaubliches erleben: In Konstanz habe ich gesehen, wie jemand sein Fahrrad mit allen Einkäufen vor der Haustür abstellt und reingeht. Hier wäre alles in Sekunden weg. Aber irgendwie nervt das auch, oder? Nach zwei Tagen denke ich: Mein Gott, jetzt klau doch mal bitte einer dieses nagelneue Fahrrad vor dem Bioladen! Es ist nicht abgeschlossen!

Gehört das Schmuddelige, das Unordentliche zu Köln?

Kebekus: Ich kann mir das gar nicht anders vorstellen. Vor kurzem lag ein riesiger Sperrmüllhaufen vor meiner Haustür. Als ich nach fünf Tagen zurück nach Nippes kam, war der immer noch da. Irgendein Besoffener hatte versucht, ihn abzufackeln. Wenn ich das sehe, weiß ich, dass ich wieder zu Hause bin, denke aber auch: Das gibt’s doch gar nicht. Warum liegt da immer noch dieser Haufen? Stört das niemanden?

Wir sitzen im Rheinauhafen, hier ist alles schön sauber …

Kebekus: … und man bekommt Zweifel, ob man das so haben will. Wenn es überall so aussähe, würden wir in einer Geisterstadt leben. Wir proben für unsere Karnevalssitzung gegenüber im Bürgerzentrum Stollwerck. Im Severinsviertel merkt man, dass es auf die richtige Mischung ankommt.

Mutprobe Ebertplatz

Was ärgert Sie am Kölner Stadtbild besonders?

Kebekus: Letztens bin ich am Ebertplatz aus der Bahn ausgestiegen. Hässlicher geht es nicht. Und als Frau da abends drüber zu gehen, ist eine echte Mutprobe. Da denkste bei jedem Blumenkübel: Wie viele Leichen sind da verscharrt? Ich habe gehört, dass da ein richtig gutes afrikanisches Restaurant sein soll. Aber da traue ich mich nicht hin. Wer hat sich diesen Platz ausgedacht?

Mancher Platz – auch der Ebertplatz – soll neu gestaltet werden. Muss man befürchten, dass das Neue nicht viel besser wird ?

Kebekus: Der neue Breslauer Platz sieht aus wie eine Alien-Landestation, wie eine Kulisse für Star Trek. Aber ich glaube, den Kölnern ist das alles wurst. Wenn die letzte freie Wohnung in Köln eine Holzhütte mitten auf dem Ebertplatz wäre, würden sich die Leute drum schlagen, in dem Loch zu wohnen. Keiner will hier weg.

In Ihrem Programm beschreiben Sie die Kölner als Psychopaten. Haben wir eine Persönlichkeitsstörung?

Kebekus: Wenn Besuch kommt, merkt man, dass die eigene Wahrnehmung eine andere ist als die Außenwahrnehmung. Man zeigt, wo es in Köln überall schön ist – und merkt an den Reaktionen, dass man das auch anders sehen könnte. Ich glaube, dass die Kölner auch dann noch am Rhein sitzen und schöne Lieder über die schöne Stadt singen würden, wenn vorher alle Gebäude in irgendwelche U-Bahn-Baustellen gestürzt wären. Den Lokalpatriotismus hier versteht keiner – außer uns. Den Rest der Republik nervt das.

In Ihrem Programm ärgern Sie sich darüber, dass sich der Kölner über nichts richtig empört. Sie haben bei der letzten Kundgebung von Arsch huh selbst vor 80 000 Leuten auf der Bühne gestanden. War das nichts?

Kebekus: Die Kundgebung hat gezeigt, dass ich vielleicht Unrecht habe. Ich fand es toll, dass man sich vorher dazu entschieden hatte, da kein Bier auszuschenken. Denn normalerweise bekommt man die Kölner nur mit Bier, einem Grill und Brings auf die Straße. Sie gehen gerne auf die Straße – aber eben nur zum Feiern. Kaum stehen vier Leute an einer Ampel, kommt einer mit einer dicken Trumm dazu. Irgendwie ist immer Karneval. Aber sich über etwas zu empören, mal zu demonstrieren, das ist nicht im Programm.

Manches wird verdrängt

Woran liegt das?

Kebekus: Es gibt so eine Grundhaltung, die davon ausgeht, dass es schon nicht so schlimm wird. Da wird manches schlicht verdrängt. Man regt sich ein bisschen am Tresen auf. Das war's. Nehmen wir den Anschlag in der Keupstraße als Beispiel. Da haben alle damals gesagt: Nein, das war kein Fremdenhass. Das waren die untereinander. Heute wissen wir, dass es Rechtsradikale waren. Es ist gut, dass jetzt zum zehnten Jahrestag dort etwas mit der AG Arsch Huh geplant wird. Aber so richtig besprochen haben wir bis heute nicht, was da damals passiert ist.

Worüber sollten sich die Kölner noch empören?

Kebekus: Über den Ebertplatz zum Beispiel. Das wäre ein guter Ort für eine Mahnwache. Oder über die Preisentwicklung auf dem Wohnungsmarkt. Irgendwann wohnen nur noch steinreiche Leute in der Innenstadt, und das Flair der Viertel geht verloren. Die Leute, die noch in alten Häusern wohnen, sind oft die coolsten Typen am Kneipentresen. Und die werden irgendwann von Hipstern aus Berlin verdrängt, denen Hausbesitzer die Wohnung für den doppelten Preis vermieten können. Dagegen muss mehr getan werden.

Was macht das Flair aus, was möglicherweise verloren geht?

Kebekus: Ich kenne von keiner Stadt in Deutschland, dass unterschiedlichste Menschen jeden Alters zusammenkommen und irgendwann zusammen auf dem Tisch stehen, um Lieder zu singen, die alle kennen. Außenstehende denken, hier werde immerzu gefeiert – wie beim Après-Ski. Aber beim Après-Ski muss keiner vor Rührung heulen. Kann man das erklären? Nichts trifft es richtig.

Bei der Arsch-huh-Kundgebung haben Sie davor gewarnt, dass so ein wunderbares Gemeinschaftsgefühl auch gefährlich sein kann. Haben Sie Zweifel am Eigenlob der Kölner für ihre Weltoffenheit und Toleranz?

Kebekus: Wenn man in diesem Gefühl aufgeht, könnte passieren, dass man Leute ausschließt. Eine Stimmung kann umkippen, wenn man den Kreis zu eng macht. Und dann vergisst man: Es gibt auch Leute in Köln, die nicht mitschunkeln und trotzdem dazugehören.

Mancher hat Angst vor zu viel Fremdem. Haben Sie Verständnis für die Furcht vor Zuwanderung?

Kebekus: Ich kann verstehen, warum Menschen hierher kommen. Man kann doch nicht glauben, dass es uns immer besser gehen soll und alle anderen drum herum da bleiben, wo sie sind. Da muss man Lösungen finden. Ich denke mir, dass das in den nächsten Jahren noch viel krasser wird. Das muss unsere Gesellschaft aushalten können.

Diejenigen, die das bezweifeln, verweisen auf eine angeblich gescheiterte Integrationspolitik der letzten Jahrzehnte …

Kebekus: Für mich gab es nie die Frage, ob Multikulti gescheitert ist. Multikulti ist eine Tatsache.

Weniger Funken, keine Pferde

Ab nächster Woche amtieren Sie wieder als Karnevalspräsidentin von „Deine Sitzung“. Was ist der Grund für den Erfolg ?

Kebekus: Man sieht an uns und anderen, dass es einen großen Bedarf gibt, im Karneval mal was anderes zu sehen als die klassische Sitzung. Wir mischen Traditionelles mit anderen, jüngeren Elementen. Manche Tradition wird übernommen, über manche machen wir uns lustig. Und alles ist nicht so steif wie bei Sitzungen im offiziellen Karneval.

Besuchen Sie Karnevalssitzungen anderer Veranstalter?

Kebekus: Ich bin jedes Jahr mit meinen Freundinnen bei der Stunksitzung. Auf klassische Karnevalssitzungen gehe ich nicht. Das halte ich nicht aus.

Wie steht es um den Karneval in Köln?

Kebekus: Manchmal denke ich, es ist einfach zu viel. In der Arena wird zweimal schon vor dem 11. 11. gefeiert, weil der eigentliche Sessionsstart auf einen Montag fällt und da nicht genug Geld verdient werden kann. Oder wenn mir Weiberfastnacht die erste 12-Jährige vor die Haustür kotzt, bevor ich mein Kostüm angezogen habe – dann kann man schon mal Zweifel bekommen, ob alles richtig läuft.

Das Festkomitee plant Neuerungen beim Rosenmontagszug. Was halten Sie davon?

Kebekus: Die Idee, dass weniger Musikgruppen mitgehen sollen, finde ich nicht gut. Toll wäre, wenn sich der Zug für andere Gruppen öffnen würde.

Aber dann würde der Zug noch länger?

Kebekus: Mein Vorschlag: Weniger Funken, weniger Teilnehmer bei den großen Gesellschaften, keine Pferde. Es dürfen eben nicht immer alle jedes Jahr mit. Vielleicht muss man aus Protest mal einen Gegenzug machen. Selber Weg, andere Richtung.

Was sollte sich noch verändern?

Kebekus: Mal ’ne Prinzessin oder eine Bäuerin wären schön.