25.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | LVR-Klinik in Köln-Mülheim: Hilfe für demente Russen und Türken
12. August 2013
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LVR-Klinik in Köln-Mülheim: Hilfe für demente Russen und Türken

Eine Studie der Siemens Betriebskrankenkasse ergab 2011: Pflegende werden selbst oft krank - vermutlich aufgrund der „Mehrfachbelastung durch Pflege, Beruf und Familie“.

Eine Studie der Siemens Betriebskrankenkasse ergab 2011: Pflegende werden selbst oft krank - vermutlich aufgrund der „Mehrfachbelastung durch Pflege, Beruf und Familie“.

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Mülheim -

Demenz – das ist für viele türkische und russische Familien eine Erkrankung, mit der sie noch keine Erfahrung haben, obwohl ältere Frauen und Männer der ehemaligen Gastarbeitergeneration und der Spätaussiedler davon betroffen sind. Zur Unterstützung der Familien bietet die Abteilung für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie der LVR-Klinik Köln seit kurzem Schulungsreihen für pflegende Angehörige an, auf Türkisch und Russisch. Für ihr innovatives Projekt hat die Klinik nun den Förderpreis der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie erhalten.

Auf den Veranstaltungen kann Hüseyin Pehliva seine ganze Autorität als türkischer Mann und als erfahrener Psychiatrie-Pfleger in die Waagschale werfen. Von einem, dem die Umgangsformen der türkischen Kultur vertraut sind, hören sich die verunsicherten Familien an, woran der wunderlich gewordene Vater oder die vergessliche Mutter eigentlich leidet. Verstörende Veränderungen im Verhalten werden jenseits des Bosporus oftmals noch anders wahrgenommen als hier, erzählt Pehliva. „Da kommen Leute mit Amuletten und Gebeten am Hals zu uns und mit kleinen Koranen, haben Angst vor einem bösen Geist und schämen sich.“

Der Krankenpfleger hat ein kleines Büro in der Allgemeinpsychiatrischen Tagesklinik des LVR in Mülheim. Der Anteil der türkischsprachigen Bevölkerung und dementsprechend der Patienten ist dort hoch. Als immer mehr Familien bei ihm um Rat suchten wegen ihrer dementen Eltern, beschlossen die Ärzte der LVR-Klinik, ihre seit 2002 bestehende „Schulungsreihe für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz“ ins Türkische und für Spätaussiedler ins Russische übersetzen zu lassen.
Ende vergangenen Jahres starteten zwei Angebote auf Türkisch und eines auf Russisch. „Mit unterschiedlichen Erfolgen“, sagt Dr. Peter Häussermann, Chefarzt der Gerontopsychiatrie. Den russisch-sprachige Kursus in Chorweiler hätten nur wenige in Anspruch genommen: „Die Ursache dafür müssen wir noch herausfinden.“ Zu den türkischsprachigen Treffen hätten sich jedoch zwischen 30 und 40 Teilnehmer eingefunden.

Pflege bis zur Erschöpfung

Hüseyin Pehlivan veranstaltete die acht Nachmittage. „Türken sind leicht kränkbar. Man muss erklären, dass die alten Eltern sich nicht absichtlich so seltsam und verletzend verhalten“, sagt er. Das offene Gespräch über die hirnorganischen Ursachen wirke erlösend. Die verunsicherten Verwandten werden handlungsfähig, sie erleben, wie Medikamente Verbesserungen bringen. Im Schulungskursus erfahren sie oft zum ersten Mal, wie bedeutsam eine Vorsorgevollmacht ist. „Auch von Betreuung und Patientenverfügung haben viele noch nichts gehört.“ Eine Sozialarbeiterin in der Klinik hilft dann beim Ausfüllen der Formulare.

Häufig seien Hilfen wie Finanzzuschüsse oder ambulante Unterstützung bei der Versorgung unbekannt. „Es gibt etliche Familien, die ihre dementen Alten jahrelang bis zur Erschöpfung versorgt haben“, sagt Pehlivan. Gerade in türkischen Familien würde das erwartet. „Aber das ist oft nicht mehr möglich, etwa, weil auch die Schwiegertochter arbeiten muss.“

Ab Ende September will die Klinik auch einen türkischen Kompakt-Kursus an drei Samstagen anbieten. Wie hilfreich diese Schulung empfunden wird, kann die LVR-Klinik an den Anmeldungen erkennen. „Es spricht sich herum. Die Leute kommen sogar aus Siegen, Wuppertal und der Eifel.“