25.08.2016
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Philosoph Robert Pfaller: „Man muss nicht immer vernünftig sein“

Der Philosoph Robert Pfaller.

Der Philosoph Robert Pfaller.

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David Payr/laif

Köln -

Er ist ein freundlicher und angenehmer Herr, der Robert Pfaller. Mit feinem Wiener Akzent und ausgesuchter Höflichkeit spricht über unser aller Leben - und was es uns verdirbt. Seiner Meinung nach gehen uns derzeit einige genussvolle Kulturtechniken verloren. Genießen die Menschen im Westen seit einiger Zeit nur noch unter Vorbehalt? Wir trinken Bier ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein, ein Essen ohne Fleisch und Sex ohne Körper?

Ist das nicht ein hinreichender Fingerzeig, um zu erkennen, das wir auf dem falschen Weg sind. Auch die Zigarette ohne Schadstoffe winkt bereits am Horizont. Bekannt wurde Philosoph Pfaller durch sein Buch: „Wofür es sich zu leben lohnt“. Hängen wir zu sehr am Leben und sollten lieber furchtlos sein, ist die zentrale Frage darin. Darüber haben wir uns mit Robert Pfaller unterhalten.

Herr Pfaller, leidet unsere Spaßgesellschaft unter Genuss- und Erlebnisarmut? Sollten wir also weniger den Tod als vielmehr das schlechte Leben fürchten?

Robert Pfaller: Was uns abhanden gekommen ist, sind nicht die Genüsse, sondern die Fähigkeit, sie als lustvoll zu erleben. Das Zwiespältige, das jedem Genuss - auch dem noch so harmlosen Vergnügen - anhaftet, ängstigt uns heute nur noch. Das ist das Neue. Früher, vor 15 Jahren vielleicht noch, waren wir in der Lage, diesem Schrecken ins Auge zu sehen und - in bestimmten Momenten wenigstens - zu sagen: "Pah, das machen wir jetzt - schließlich ist es doch das, wofür es sich zu leben lohnt."

Wir sind zu ängstlich?

Pfaller: Darum haben wir das Rauchen, das Trinken, das ungesunde Essen, den Sex, das Feiern, den Müßiggang, das Witzemachen, das Flirten, das Höflichsein, das Parfümiert-Sein et cetera nicht einfach nur als etwas Lästiges oder Bedrohliches gemieden. Auch die postmoderne Spaßkultur ist letztlich so eine feige Art von "Bier ohne Alkohol": Sie will einfach nur Spaß, aber nicht das Mühsame und Verbindliche der Wahrheit, das der Erheiterung durchaus auch anhaften kann.

Sie haben in dem Selbstmordattentäter, der sein Leben um jeden Preis loswerden will, als das Spiegelbild des ängstlichen westlichen Menschen, der es um jeden Preis behalten will, gesehen. Eine scharfe Entgegensetzung. Wie kommen Sie zu diesem Bild?

Pfaller: Die militanten Tragiker, die unbedingt für ihre Sache sterben wollen, aber sich keinen wünschenswerten Zustand dieser Welt vorstellen können, sind die Zwillinge der Pseudohedonisten - jener politisch abstinenten Postmodernen, die meinen, dass es auf der Welt nichts gäbe, wofür es sich ernsthaft zu kämpfen lohnt. Es besteht eine grundlegende philosophische Komplizenschaft zwischen metaphysischer Askese und Spaßkultur.

Eine sinnlose Hetzerei

Diese Komplizenschaft hat Sie auch dazu motiviert, eine „Liste der vom Aussterben bedrohten guten Lebensmomente“ zu erstellen: Was steht genau darauf?

Pfaller: Zum Beispiel: Mit einem Kollegen auf einen Kaffee gehen. Oder nach der Arbeit auf ein Bier. Im Fernsehen ein längeres Gespräch über ein Thema verfolgen können, in dem nicht ständig auf die Sendezeit geschielt wird. An der Universität in Ruhe studieren können, ohne ständig Prüfungen machen, Fristen einhalten und Punkte hamstern zu müssen. Als Arzt die Patienten so behandeln können, wie sie es brauchen, und nicht so hastig, wie das Management es fordert. Als Arbeitnehmer engagiert und loyal für ein Unternehmen arbeiten können, ohne ständig Angst vor Kündigung haben zu müssen.

Wir verderben uns das Leben, wenn wir ständig auf die Uhr schauen?

Pfaller: Wir verderben uns das Leben meist in einer sinnlosen Hetzerei, die nicht nur unlustvoll ist, sondern vor allem auch ineffizient. Denn wir versuchen, angeblich um der Effizienz willen, alle Umwege und Zusatzkosten zu vermeiden; genau die sind es aber, die erst zu wirklichen Erfolgen führen.

Woher kommt dieses Streben?

Pfaller: Dieses effizienzfeindliche Streben nach Effizienz rührt daher, dass in vielen Lebensbereichen - wie zum Beispiel Spital oder Universität - eine sachfremde Bürokratie die Macht ergriffen hat. Diese misst die Vorgänge nicht an deren wirklichen Erfolgen, sondern an sachfremden Kennzahlen. Dass solche Messungen in Wahrheit immer nur die Unangemessenheit der Messverfahren zutage fördern, aber nichts über die gemessene Sache verraten, entgeht den Bürokraten notwendigerweise. Denn dieser Fehler ist ihre Geschäftsgrundlage.

Von der Bundesliga hin zu Bürokraten

Fällt Ihnen spontan ein Bereich ein, in dem das bürokratische Denken diese Destruktivität beweist?

Pfaller: Man kann das mit dem Fußball vergleichen, wo ja gegenwärtig auch viel gemessen wird. Dabei lässt sich etwas Interessantes sehen: Bei der letzten Begegnung zwischen Borussia Dortmund und Bayern München hat die Mannschaft gewonnen, die nach übereinstimmender Meinung aller Beteiligten eindeutig die bessere war. Aber interessanterweise hatte sie bei allen Messungen die schlechteren Werte: weniger Ballbesitz, geringere zurückgelegte Laufdistanz, weniger gewonnene Zweikämpfe, geringere Passgenauigkeit.

Aber der Fußball hat als Korrektiv zum Glück noch das Resultat. Dieses erlaubt zu erkennen, dass die einzelnen Messwerte eben nur begrenzte Aussagekraft haben und dass es auf eine spezifische Verbindung dieser und anderer Parameter ankommt. Zum Beispiel die entscheidenden Zweikämpfe gewonnen zu haben, im richtigen Moment gelaufen zu sein, den letzten Pass ans Ziel gebracht zu haben. Ohne dieses Korrektiv würde auch der Fußball - ebenso wie derzeit die Universitäten und die Spitäler - nur noch von Bürokraten beherrscht werden, die der siegreichen Mannschaft einreden wollen, sie müsse in Zukunft mehr laufen.

Interessant, den Bogen von der Bundesliga hin zu Bürokraten hatte ich so noch nicht gesehen. Zurück zur Lebensweisheit des Denkers. Als Philosoph können Sie uns gewiss die zentrale philosophische Frage nach dem guten Leben beantworten?

Pfaller: Das Entscheidende dafür ist, dass man sich ab und zu die Frage stellt, wofür es sich zu leben lohnt - und dann entsprechend handelt: also zum Beispiel Pause macht, feiert, ein ganzes Buch zu Ende liest, sich einen Genuss gönnt, auch wenn er vielleicht ungesund ist. Man muss versuchen, nicht dauernd und ununterbrochen vernünftig zu sein, sondern auf vernünftige Weise. Und sich nicht permanent und vollkommen zu mäßigen, sondern auf maßvolle Weise. Die gegenwärtige Besessenheit, alles für die Gesundheit zu tun und nur noch Gesundes zu essen, führt selbst zu neuen Krankheiten - wie der sogenannten „Orthorexie“.

Wir sollten wieder heiliger werden

Sie meinen mit Orthorexie die Essstörung, bei der die Betroffenen ein auffallend ausgeprägtes Verlangen danach haben, sich möglichst „gesund“ zu ernähren. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Verdrängung des Todes und des Schmutzes aus unserem alltäglichen Leben ein zentrales Problem ist. Eine große These, die erläuterungsbedürftig ist.

Pfaller: Aus kulturwissenschaftlicher Sicht sind die meisten Praktiken, die wir heute als eklig oder schmutzig betrachten, solche, die mit dem sogenannten „alltäglichen Heiligen“ zu tun haben. Das Heilige hatte in allen Kulturen immer eine Doppelbedeutung - es war einerseits erhaben, andererseits unrein.

Fast in allen indogermanischen Sprachen, seltsamerweise mit Ausnahme des Deutschen, gibt es darum auch zwei verschiedene Worte dafür - im Englischen zum Beispiel „holy“ für die gutmütige, erhabene Seite, und „sacred“ für die bedrohlichere, unreine. Um nun das Unreine erträglich zu machen und es sogar in etwas Großartiges, Lustvolles zu verwandeln, musste man es feiern. Dies geschah im Rahmen eines kollektiven Gebotes - etwa von der Art: "Jetzt wird gefeiert". Dann konnte man so ungute Dinge tun wie trinken, Zeit verschwenden etc., ohne sich dabei elend zu fühlen. Vielmehr fühlte man sich dabei großartig und souverän - sozusagen auf Augenhöhe mit dem eigenen Leben.

Hört sich gut an. Wir sollten wieder heiliger werden . . .

Pfaller: Genau solche Genuss- und Feiergebote werden aber in unserer Kultur zunehmend diffamiert. Man schürt dagegen die Empfindlichkeit der Individuen, die einwenden: „Was ist, wenn ich aber jetzt nicht feiern will?“ oder „Was ist, wenn ich aber keinen Alkohol trinken möchte?“. Man tut so, als ob die Individuen grundsätzlich nicht in der Lage wären, solche Vorbehalte und Marotten zeitweise zu überwinden, und darum säubert man den öffentlichen Raum von allem, was solche Geselligkeit erfordern würde - damit man ja niemanden überfordert. Genau dadurch aber werden wir in bloße Erhalter, sozusagen Sachbearbeiter unseres Lebens verwandelt - und auch in ängstliche, gehorsame Knechte anderer.

Das klingt für mich überzeugend. Aber auch in den Ohren der eigentlich als Asketen geltenden Philosophen? Schließt es sich nicht gegenseitig aus, wie ein Philosoph zu leben und gleichzeitig ein Genussmensch zu sein? Wie steht es denn um Ihre persönlichen Genüsse?

Pfaller: Meine eigenen Genüsse sind recht durchschnittlich und überschaubar. Freilich habe ich eine exzessive Leidenschaft - das Philosophieren. Das setzt die Bereitschaft zu enormer Zeitverschwendung, zum Ausblenden vieler alltäglicher und administrativer Verpflichtungen, voraus. Man muss in der Lage sein, viele Stunden lang nicht zu telefonieren und keine E-Mails zu schreiben, Briefe nicht sofort zu beantworten und so weiter. Allerdings scheint mir ein solcher Exzess auch ganz gesund zu sein. Jedenfalls macht er glücklich.

Übung der eigenen Glücksfähigkeit

Aber ist die Askese nicht das wahre Ideal des Denkers?

Pfaller: Askese ist in Wahrheit nichts anderes als die Übung der eigenen Glücksfähigkeit. Das hat der Philosoph Benedict de Spinoza in seiner „Ethik“ mit bestechender Klarheit bemerkt. Er schreibt: „Wir erfreuen uns der Glückseligkeit nicht deshalb, weil wir die Gelüste hemmen; sondern umgekehrt: weil wir uns ihrer erfreuen, darum können wir die Gelüste hemmen.“ Es ist also Unfug, zu glauben, dass man automatisch glücklich würde, indem man sich Genüsse versagt.

Sondern?

Pfaller: Vielmehr kann man erst dann, wenn man gelernt hat, glücklich zu sein, auf manche Genüsse verzichten - eben um des Glückes willen: weil sie zu viele ärgerliche, glückszerstörende Folgen nach sich ziehen. Der Unterschied zwischen beiden Haltungen zeigt sich meist am Verhalten gegenüber anderen: Der fernöstliche Asket hasst und kritisiert uns westliche Menschen nicht, weil wir Smartphones brauchen und Markenfetischisten sind. Er lächelt nur milde über das, was ihm als unsere Narrheit erscheint und bemitleidet uns vielleicht sogar ein wenig dafür, dass wir so wenig Souveränität besitzen. Der westliche Genussfeind hingegen sieht im glücklichen Anderen immer sofort den "Dieb" seines Genießens. Der Andere scheint ihm sein Glück gestohlen zu haben, und nur der Ruf nach der Polizei, die das Glück dieses Anderen zerstört, scheint diesen Missstand beheben zu können.

Was folgt also daraus für unser eigenes Leben?

Pfaller: Wenn wir uns ab und zu die Frage stellen, wofür es sich zu leben lohnt, dann können wir das Glück ertragen - auch das des Anderen: weil wir nämlich spüren, dass das Glück des Anderen auch unser eigenes Glück, und seine Würde auch unsere Würde ist.