29.09.2016
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Mit Instagram gegen Essstörungen: Der Kampf gegen Magersucht mit #Recovery

Die Gesellschaft hat großen Einfluss auf Krankheiten wie Magersucht und Bulimie.

Die Gesellschaft hat großen Einfluss auf Krankheiten wie Magersucht und Bulimie.

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erdbeersüchtig/photocase.de

Marie und Britta sind seit zwei Jahren in einer sehr innigen Beziehung, dabei mag Marie Britta nicht besonders. Mehr noch: Es ist Hass, Hass auf alles, was Britta ausmacht und wofür sie steht. Marie kommt aus der Nähe von Osnabrück, ist 18 Jahre jung, hat ein hübsches Gesicht, trägt eine modische schwarze Hornbrille und dunkelblonde, schulterlange Haare. Britta hat Marie aber nicht den Freund ausgespannt oder Ähnliches. Britta ist der Name für die Krankheit, mit der Marie kämpft und wegen der sie schon zweimal in eine psychiatrische Klinik musste. Es ist die Magersucht.

Die Krankheit heißt „Britta“

„Es ist schwierig gegen einen Feind anzukämpfen, der unsichtbar ist“, sagt Marie. Sie gab der Krankheit deshalb den Namen Britta. „Und immer, wenn Britta mir einredet, dass ich schlecht bin, schreie ich zurück: Du bist scheiße, Britta, lass mich in Ruhe! Das hilft einfach, und man weiß, wogegen man ankämpft.“ Maries Kampf kann man im Internet verfolgen, denn sie dokumentiert die Auseinandersetzung beim Fotonetzwerk Instagram. Wie viele andere Betroffene betreibt die Schülerin dort ein Profil unter dem Hashtag #Recovery: Darin zeigt Marie ihr Leben mit der Magersucht, vor allem aber den Weg aus dieser Sucht heraus. Marie lädt hauptsächlich Fotos ihrer Mahlzeiten hoch, die sie mit viel Liebe und besonders fürs Auge zubereitet: Farfalle mit Spinat, einen bunten Obstsalat oder ein kleines Stück Schokolade. Für Außenstehende mag das banal wirken, für die junge Frau aber ist jeder Bissen und jede Mahlzeit ein wichtiger Schritt auf dem Weg zurück in ein normales Leben – und ein Sieg über Britta.

Sich selbst wieder lieben können

Magersucht, lateinisch Anorexie oder von Betroffenen nur „Ana“ genannt, ist laut dem Statistik-Portal Statista vor Bulimie und Binge-Eating die in Deutschland am weitesten verbreitete Form der Essstörung. 2013 mussten laut einer Studie der Kaufmännischen Krankenkasse Hamburg 140 000 Personen in Deutschland wegen Magersucht oder Bulimie behandelt werden. In 95 Prozent der Fälle waren Frauen betroffen.

„Das habe ich in der Klinik gelernt.“

Durch das enorme Untergewicht sind das Fettgewebe und die Energiereserven des Körpers irgendwann verbraucht und wichtige Organe nicht mehr geschützt. Die Krankheit kann tödlich enden. Unabhängig davon verlieren viele Betroffene völlig das Selbstbewusstsein und die Lebensfreude. Das ging auch Marie so. Früher. „Jetzt traue ich mich wieder, ich selbst zu sein. Das habe ich in der Klinik gelernt.“ Vorher hatte sie sich nur über Kilogramm, Kalorien und den Body-Mass-Index definiert. „Die größte Errungenschaft ist, sich selbst wieder lieben zu können, mit allen Ecken und Kanten.“

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Mit Instagram gegen Essstörungen

Ihr Account ist ein Plädoyer dafür, den Spaß am Leben und Essen wiederzuentdecken. Aber er ist auch ein Gegengewicht. Wer ein wenig sucht, trifft im Internet auf eine ganze Bandbreite von Menschen mit den unterschiedlichsten Essstörungen. Auch auf Instagram – manche sind akut von ihrer Krankheit betroffen, andere kämpfen sich gerade wieder heraus. Für Marie ist es wichtig, sich mit Betroffenen auszutauschen, denn oftmals wüssten nur diese, wie es einem selber gerade ginge. „Sie machen ja das Gleiche durch“, sagt sie. Es sei schön zu sehen, wenn Instagram-User an ihrem Weg aus der Sucht teilhaben wollten. „Man fühlt sich bestärkt und kann auch anderen diese Stärke zurückgeben.“

Inspiration durch Betroffene

„Das ist eine gute Sache“, sagt Judith Müller. Die 36-Jährige ist Therapeutin in der Christoph-Dornier-Klinik in Münster und behandelt dort Magersüchtige. „Wir sehen auch hier in der Klinik immer wieder, dass Betroffenenberichte und Erfahrungen von anderen Patienten wirklich sehr motivieren, durchzuhalten und sich der Essstörung zu stellen.“.

Auch Lena hat sich durch einen Betroffenenbericht inspirieren lassen. Bei ihrem dritten Klinikaufenthalt lernte sie eine junge Frau kennen, die ebenfalls einen Recovery-Account hatte. Die 18-Jährige aus Sonneberg in Südthüringen wollte „wieder leben“, wie sie sagt – und das auch so ausdrücken. Das Instagram-Profil war genau richtig, damit die blonde junge Frau sich selbst und allen anderen zeigen kann: es ist schön, die eigene Mahlzeit zurechtzumachen, zu portionieren und zu genießen. Sie lädt hoch, was sie isst: 1800 bis 2000 Kalorien in sechs Mahlzeiten fordert die Klinik jeden Tag.

Rückmeldungen geben Kraft

Es ist jedoch vor allem die Rückmeldung anderer Nutzer auf ihre Fotos, die Kraft geben. „Ein Kommentar wie: »Ich bin stolz auf dich, dass Du deine Mahlzeit gegessen hast, auch wenn es dir bestimmt schwer gefallen ist« – das hilft ungemein.“ Stolz und voller Dankbarkeit erzählt sie von den Fortschritten, die sie seit dem Klinikaufenthalt gemacht hat. „Ich kann wieder Süßigkeiten essen, wenn ich Lust drauf habe – Eis, ich esse richtig gerne Eis. Und ich akzeptiere mich ganz gut so, wie ich bin.“ Das Verhältnis zu Eltern und Geschwistern hat sich ebenfalls deutlich verbessert.

Aber Lena kämpft auch mit Schwierigkeiten. Immer, wenn sie die genaue Kalorienanzahl einer Speise nicht kennt, wird es für sie schwierig. An Weihnachten stand bei ihrer Familie Karpfen mit geschmolzener Butter auf dem Tisch. Sofort meldeten sich die Stimmen in ihrem Kopf, die Lena vom Essen abhalten wollten. Sie hat sich zusammengerissen und alles aufgegessen – für sie ein großer Erfolg. „Demnächst will ich das auch bei selbst gemachter Lasagne schaffen, aber das kommt noch zu früh. Für Fertig-Lasagne hat es schon gereicht.“ Gleichaltrige mögen Erfolge über gute Noten oder Sport definieren, für Lena ist es ein Gericht aus der Tiefkühltruhe.

Mehr Hass als Liebe

Die Magersucht hat den beiden jungen Frauen einen bedeutenden Teil ihrer Jugend genommen. „Ich habe viel von meinem Leben verloren und verpasst“, sagt Marie. „Zeit, die ich nie wieder aufholen kann.“ Beide sprechen davon, dass die Krankheit „wieder in den Hintergrund treten soll“ – von verschwinden ist nicht die Rede. „Ana ist immer in meinem Kopf drin und spricht zu mir“, erklärt Lena. „Es ist ein Zwiegespräch. Die Frage ist nur, wer auf Dauer die Oberhand gewinnt.“ Und wenn Marie genauer über die Beziehung zu Britta nachdenkt, sagt sie: „Einerseits ist es schon Hass, andererseits hat man Angst davor loszulassen. Man muss lernen, die Krankheit mehr zu hassen als zu lieben – und im Moment ist es mehr Hass als Liebe.“

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