27.08.2016
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Interview: App warnt vor Kosmetik-Schadstoffen

Mit der App "Tox Fox"sollen sich Kosmetika leicht nach Schadstoffen checken lassen.

Mit der App "Tox Fox"sollen sich Kosmetika leicht nach Schadstoffen checken lassen.

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BUND

Köln -

Professor Platzek, eine neue App des BUND verspricht, sogenannte hormonell wirksame Chemikalien aufzuspüren, die in unseren Kosmetika stecken. Wie vertrauenswürdig ist dieses Angebot?

Thomas Platzek Ich halte es nicht für gut. Zum einen kann der Verbraucher allein mit der Aussage, es ist ein potenziell hormonell aktiver Stoff enthalten, wenig anfangen. Das sagt ja nichts über die Sicherheit des Produktes aus. Ob ein Risiko besteht, ist schließlich eine Frage der Dosis, der Menge also, die man über das Produkt aufnimmt. Zum anderen beruht die Analyse auf keinen verlässlichen wissenschaftlichen Grundlagen. Die App bezieht sich auf eine zehn Jahre alte Verdachtsliste der EU-Kommission, auf der noch viele Stoffe als potenziell gefährlich vermerkt sind, die heute als unbedenklich gelten.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Platzek Zum Beispiel wird dort vor den Konservierungsstoffen Methyl- und Ethyl-Paraben gewarnt. Beide sind allerdings nach heutigen Erkenntnissen der Forschung absolut sicher und werden auch in Lebensmitteln verwendet. Mit diesen Stoffen unter dem Begriff „hormonell aktive Substanzen“ Angst zu schüren, finde ich nicht fair. Das ist nur ein Beispiel von vielen, in denen die App von der Einschätzung des Bundesinstitut für Risikobewertung und anderer Prüfstellen abweicht.

Was genau sind eigentlich hormonell aktive Substanzen?
Platzek Man muss unterscheiden zwischen hormonell aktiven und hormonell schädlichen Substanzen. Es gibt eine große Gruppe von Stoffen, die man als hormonell wirksam bezeichnet, und zwar schon dann, wenn sich ihre Wirksamkeit nur im In-Vitro-Versuch zeigt. Um von einer schädlichen Eigenschaft zu sprechen, müssten die Substanzen auch negative Folgen im Tierversuch zeigen, etwa Krebs auslösen oder Entwicklungsstörungen hervorrufen. Bei den meisten hormonell aktiven Stoffe ist das nicht der Fall. Aber auch hormonell schädliche Substanzen können ihre Wirkung erst ab einer bestimmten Konzentration ausüben – etwa Propyl-Paraben und Butyl-Paraben, die beide bei Versuchstieren schädliche Effekte zeigen. Wenn die kritischen Werte nicht überschritten werden, dürfen sie auch in Kosmetik verwendet werden.

Kann es nicht sein, dass man die kritische Dosis überschreitet, wenn man täglich mehrere Kosmetika mit potenziell schädlichen Stoffen nutzt?
Platzek Das ist theoretisch denkbar. Allerdings werden solche Worst-Case-Szenarien bei der Risikobewertung immer mitgeprüft: Die Prüfer beziehen Mehrfachnutzungen mit hohen Dosen bereits in die Berechnung ein. Im Übrigen nehmen wir viele hormonell aktive Stoffe auch täglich – ohne darüber nachzudenken – über die Nahrung auf. Auch in Bier, Wein, Leinsamen, Sojaprodukten, Milch und Fleisch stecken hormonell aktive Substanzen.

Also sind auch hormonell schädliche Stoffe – unterhalb einer gewissen Dosis – ungefährlich?
Platzek Wie gesagt, alles hängt von der Dosis ab. Fast jede Substanz kann ab einer gewissen Dosis schädlich wirken. Darunter eben nicht.

Solche Entwarnungen hat es beim Weichmacher Bisphenol A (BPA) auch lange gegeben. Jetzt ist der Stoff in Babyprodukten verboten. Wer sagt, dass andere Substanzen nicht ebenso gefährlich sind?
Platzek Man kann eine Bewertung nur aufgrund der Daten abgeben, die da sind – es gibt immer Wissenslücken. Wenn sich die Datenlage ändert, und das ist beim BPA in den vergangenen zehn Jahren passiert, kann man durchaus negative Überraschungen erleben. Ich könnte mir vorstellen, dass das bei anderen Stoffen auch passiert.

Das klingt, als seien Ihre Entwarnungen mit Vorsicht zu genießen.
Platzek Es gibt keine absolute Sicherheit. Wenn man ein ängstlicher Mensch ist, ist es natürlich vorsorglich besser, so wenig wie möglich von bestimmten Substanzen zu nutzen. Aber man muss auch mit gesundem Menschenverstand an die Sache herangehen.

Und mit Vertrauen in die Industrie. Die ist ja mit der Verträglichkeitsprüfung oft allein beauftragt. . .
Platzek Es gilt die Eigenverantwortung der Industrie, das stimmt. Allerdings gibt es für bestimmte Substanzklassen Positivlisten, die vorgeben, was Hersteller verwenden dürfen, etwa bei Konservierungsstoffen, Haarfarben und Nanomaterialien. Diese Substanzen werden von unabhängigen wissenschaftlichen Ausschüssen geprüft. Aber die große Mehrzahl ist nur durch die Hersteller geprüft.

Und das funktioniert?
Platzek Das funktioniert im Prinzip nicht schlecht. Viele Fälle von Schädigungen durch Kosmetika sind mir nicht bekannt. Die meisten entstehen durch falsche Nutzung – wenn etwa Kinder Shampoo trinken – und allergische Reaktionen. Letzteres ist übrigens ein Argument für Parabene, vor denen die App warnt: Bei ihnen treten Allergien deutlich seltener auf.

Das Gespräch führte Michael Aust