27.09.2016
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Bayer-04-Cheftrainer: „Ich habe das Handwerk gelernt“

Sascha Lewandowski

Sascha Lewandowski

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Rainer Dahmen

Herr Lewandowski, wie nahe ist das, was in Leverkusen gespielt wird, an Ihrem Ideal von Fußball?

SASCHA LEWANDOWSKI: Mit dem Ideal ist es ja oft eine schwierige Sache. Man muss immer sehen, welche Stärken und Schwächen man im Kader hat. Daraus resultiert eine Spielweise, die nicht hundertprozentig mit einem Ideal übereinstimmen muss. Außerdem kannst du nicht alles auf einmal ändern, sonst bekommst du die Mannschaft nicht richtig mit. Ein Eckpunkt, den wir verändert haben, war die Grundordnung, der zweite das Umschaltverhalten, offensiv wie defensiv. Da haben wir uns im ersten halben Jahr stabilisiert. Jetzt geht es darum, unser Spiel etwas kompletter zu machen. Aber das ist ein langer Prozess, und wir merken, dass mit dem Erfolg die Erwartungshaltung gestiegen ist und man glaubt, dass die Mannschaft zwei, drei Schritte auf einmal machen muss. Aber so funktioniert das nicht. Dortmund hat dafür zwei, drei Jahre gebraucht, bis sie so brutal erfolgreich waren.

Wie merkt man als junger Trainer, dass man einer Mannschaft Fußball beibringen kann? Und wann merkt man, dass das, was in der Jugend funktioniert, auch im Profi-Bereich funktionieren kann?

LEWANDOWSKI: Ich bin ja schon 20 Jahre Trainer. Ich habe das Handwerk von der Pike auf gelernt. Diese Prozesse auf eine Profi-Mannschaft zu übertragen war der kleinste Schritt. Ungewöhnlich war, dass ich an einem Tag aus der Kabine der 18-Jährigen rausgegangen bin und am anderen nicht einfach nur ein Profi-Teamschaft übernommen habe, sondern Michael Ballack, Stefan Kießling, René Adler, Simon Rolfes. Da bist du gut beraten, dir zwei, drei Gedanken mehr zu machen.

Ihr Spieler Stefan Reinartz hat gesagt: "So wie wir spielt sonst keiner." Wie haben Sie diese Stars von Ihrer Idee überzeugt und verhindert, dass jemand sagt: "So spielt keiner, weil es nicht funktioniert."?

LEWANDOWSKI: Durch totale Überzeugung, dass das der Weg ist. Wir wollten sehr schnell einen großen Schritt nach vorn machen, zum Beispiel im Umschaltspiel. Da genügt es nicht, wenn du das trainierst. Du musst auch die Spieler, die für dieses Spiel von Bedeutung sind, bei Ballgewinn in bessere Positionen bringen. Und da ist man schnell bei unserer Grundordnung mit André Schürrle und Gonzalo Castro hinter Stefan Kießling als Spitze und Stefan Reinartz als einzigem Sechser in einem kompakten Mittelfeld.

Hat Reinartz denn recht?

LEWANDOWSKI: Wenn wir von der Grundordnung reden, hat er recht. Wenn wir von der Spielweise sprechen, wie man es zum Tragen bringt, sind wir weit davon entfernt zu sagen: "Wir haben hier den Fußball neu erfunden." Diesen Blödsinn macht hier keiner. Da orientieren wir uns an dem, was andere Mannschaften auch machen. Dortmund hat schon vor drei Jahren damit begonnen. Da haben wir etwas aufzuholen.

Wie setzen Sie Ideen im Gespann mit Sami Hyypiä um? Müssen beide dieselbe Idee haben? Muss der andere zumindest zustimmen, oder gibt es ein Vetorecht?

LEWANDOWSKI: In dem Fall war es eine ganz klare gemeinsame Entwicklung. Sami hat daran den gleichen Anteil. Ich betone das, weil die Stimmung wieder teilweise ja umgeschlagen ist. Erst war ja das eine Extrem, nach dem Motto: "Sami Hyypiä kennen wir alle, schätzen wir alle. Sascha Lewandowski kennen wir nicht, haben wir keine Meinung zu." Nachher ist das fast ein wenig ins andere Extrem ausgeschlagen, was die taktische Diskussion angeht.

Sami Hyypiä hat diese Woche gesagt, die Arbeit in der aktuellen Konstruktion sei sehr "anstrengend".

LEWANDOWSKI: Diese Arbeit war für Sami totales Neuland. Es war neu für ihn, wie viel man als Trainer machen muss. Du kriegst als Spieler nicht mit, wie penibel jede Kleinigkeit vorbereitet sein muss. Das ist das, was er meinte, was auch in der Anfangszeit an Sami zu beobachten war, als er sagte: "Müssen wir denn jetzt wirklich noch mal sprechen?" So hat jeder Situationen, die für ihn neu sind.

Was war neu für Sie?

LEWANDOWSKI: Das Coaching-Verhalten während des Spiels. Bei der Jugend geht das sehr gut, im Profi-Bereich sehr schlecht, weil man die Spieler in der Lärmkulisse akustisch nicht erreicht. Damit musste ich erst umgehen lernen.

Wie vermeiden Sie Konflikte konkret im Alltag? Wenn Sie einem Spieler etwas sagen und er antwortet: "Sami Hyypiä hat mir aber vor einer Minute etwas anderes gesagt." Ist das nicht gefährlich?

LEWANDOWSKI: Wenn du genau planst, wer was macht, wer sich zum Beispiel in die Beobachterrolle zurückzieht, dann hast du das Risiko schon mal minimiert. Und es ist wichtig, dass die Mannschaft so einen Gedanken mitträgt. Sie hätte hier schon die Möglichkeit, mal reinzupiken. Aber dafür musst du auch piken wollen. Die Spieler wollen das nicht, weil sie die Grundidee gut finden, weil sie die Zusammenarbeit gut finden und weil es gute Charaktere sind, denen nicht daran gelegen ist, in irgendeiner Form querzuschießen. Die Mentalität der Mannschaft macht unsere Arbeit erst möglich.

Jetzt kommt Borussia Dortmund zum Top-Spiel. Was ist zu erwarten?

LEWANDOWSKI: Wir müssen uns klarmachen, dass wir etwas anstreben, was Real Madrid oder Manchester City in jeweils zwei Spielen nicht geschafft haben: Dortmund zu schlagen. Umso stolzer macht es uns, dass wir vor Dortmund stehen. Wir werden unsere Chance mit aller Macht suchen. Und wir sind selbstbewusst genug, zu sagen: Es gibt ja noch eine deutsche Top-Mannschaft in Europa, und in deren Stadion haben wir gewonnen. Und wer beim FC Bayern gewinnen kann, muss sich vor keiner Mannschaft in Europa fürchten. Aber es muss bei uns natürlich richtig viel passen.

Wie sehen Sie den Kollegen Jürgen Klopp? Als eine Art Gottvater der vielen jungen Trainer?

LEWANDOWSKI: Tolle Arbeit. Aber man muss es auch hier klar bewerten: Das ist keine One-Man-Show. Bei uns wird ja immer nach der Arbeitsteilung gefragt. Zu 90 Prozent ist es bei uns wie bei allen anderen Klubs, die anderen zehn Prozent sind hier anders und etwas schwieriger. Dortmund hat ein Trainerteam, das die Zusammenarbeit über die Jahre perfektioniert hat. Hinzu kommt, dass Kloppo als Typ super überzeugt und die Öffentlichkeit gut mitnehmen kann. Das ist alles sehr stimmig.

Ihre Lebensgefährtin Anne van Eickels ist WDR-Journalistin und interviewt Klopp regelmäßig. Eine seltsame Situation?

LEWANDOWSKI: Das ist eigentlich ganz nett. Man kann sich gegenseitig immer mal was ausrichten lassen und ein bisschen frotzeln. Ungewohnt wäre es, wenn sie mir das Mikro unter die Nase halten würde. Das versuchen wir zu vermeiden.

Sie haben im Hinspiel zum einzigen Mal Ihr System geändert. Warum?

LEWANDOWSKI: Wir wollten uns mit einer veränderten Grundordnung gezielt auf die vielen Dortmunder Stärken einstellen. Es sah auf dem Papier und im Training gut aus. Aber grau ist alle Theorie. Es hat im Spiel überhaupt nicht geklappt. Da muss man auch selbstkritisch sein: Das hat dazu beigetragen, dass wir im Hinspiel so passiv ausgesehen haben. Diesmal werden wir vermehrt versuchen, unsere Stärken durchzusetzen.

Das Gespräch führten Frank Nägele und Christian Oeynhausen