30.07.2016
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Top-Stars teuer verpflichtet: China will auf Befehl zur Fußball-Weltmacht werden

Zaubert nun in China: Kolumbiens Star Jackson Martinez

Zaubert nun in China: Kolumbiens Star Jackson Martinez

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dpa

Peking/Köln -

China kommt derzeit oft daher wie ein neureicher Onkel, der mit seiner dicken Brieftasche protzt und jedes Problem mit Geld lösen will. Nun haben Chinas Fußballklubs derzeit eine ganze Liste von Problemen: schlechte spielerische Qualität, mangelnde Fußballkultur des Landes und grassierende Korruption. Um sich trotzdem einen Vorteil verschaffen zu können, kaufen die Vereine nun für Unsummen internationale Spieler.

Der Rekord von 42 Millionen für Jackson Martínez (29) von Atletico Madrid, dessen Wechsel zu Guangzhou Evergrande am Dienstag bekannt wurde, dürfte dabei nur ein Zwischenstand sein. Klubs der Chinese Super League (CSL) haben 200 Millionen Euro für Wintertransfers ausgeben. Sogar Chinas Zweitligisten haben für 48 Millionen Euro Spieler verpflichtet. Die Vereine aus dem Reich der Mitte sind zu den finanzstärksten Einkäufern der Welt geworden. Das Wintertransferfenster der Chinesen schließt am 26. Februar.

Das Geld kommt von den finanzstarken Sponsoren der Vereine: den chinesischen Industrieunternehmen. Hinter Guangzhou Evergrande, dem Käufer von Martínez, stehen zwei Großkonzerne. Der eine ist der Online-Händler Alibaba, der vor anderthalb Jahren für 25 Milliarden Dollar in New York an die Börse gegangen ist. An nur einem Aktionstag im November haben die Einzelhandels-Portale des Unternehmens allein in China elf Milliarden Euro umgesetzt. Ein paar Millionen für einen Spieler bezahlt so ein Unternehmen aus der Portokasse – genauso wie der zweite Investor hinter dem Verein, die Immobiliengruppe Evergrande Real Estate Group, die schon länger dabei ist und dem Klub ihren Namen aufgedrückt hat.

Hinter Jiangsu Suning, der den Brasilianer Ramires für 32 Millionen Euro vom FC Chelsea übernommen hat, steht der Elektrohändler Suning. Dabei handelt es sich um das chinesische Gegenstück zu Mediamarkt. Gefragt sind Stürmer und offensive Mittelfeldspieler – die Männer fürs Spektakel. Ob sich die Spieler im Smog der Großstädte oder der Ödnis abgelegener Provinzorte wohl fühlen werden, bleibt abzuwarten. Einige China-Legionäre sind schon nach wenigen Monaten wieder nach Europa zurückgewechselt.

Fußball ist in China nun Schulfach

Chinas Klubs hungern nach brauchbaren Spielern, weil das Angebot in China sehr dürftig ist. Präsident Xi Jinping, ein erklärter Fußballfan, lässt eine gezielte Förderung von Talenten derzeit erst aufbauen. Die Sportart ist zum Schulfach erklärt worden. Unter den 1,37 Milliarden Chinesen gibt es derzeit nur rund 8000 aktive Fußballer. „Der Fußball boomt, aber noch nicht auf der Straße“, sagt Marco Pezzaiuoli, Ex-Coach der TSG Hoffenheim, der in Guangzhou an der mit 3000 Kindern größten Fußball-Akademie der Welt als Nachwuchs-Trainer arbeitet.

Präsident Xi Jinping fordert zugleich jedoch jetzt schon einen Qualitätssprung im Niveau der Vereine. Geld spielt keine Rolle. China soll im Fußball richtig gut werden und einmal die WM gewinnen. Bisher reicht es jedoch nicht einmal zur Qualifikation für den Weltranglisten-82.

Experten üben Kritik

Experten befürchten jedoch, dass die Zukäufe am Ende dem großen Ziel gar nicht nützen. „Eigentlich wäre ein nachhaltiger Aufbau wichtig, doch der Geldfußball schafft erst einmal nur Extreme“, sagt Lu Zhiyuan, Gründer der Gesellschaft für Fußballforschung. Der Kinderfußball werde vernachlässigt. Außerdem spielen die zugekauften Spieler naturgemäß nicht in der Nationalmannschaft. Lu spricht von einer „Investitions-Blase“ im Fußball, die jederzeit wieder platzen kann.

In der Bundesliga wird die Entwicklung gespannt beobachtet. Asien allgemein gilt als Auslandsmarkt mit viel Potenzial für das deutsche Top-Produkt. „Für die Auslandsvermarktung der Bundesliga ist es besser, wenn der Fußball-Markt in den Zielländern stark ist. Dann schauen die Leute auch mehr nach rechts und links“, sagt FC-Geschäftsführer Jörg Schmadtke. Die Kölner denken über eine Asien-Reise im Sommer nach. Zudem komme viel frisches Geld in den europäischen Markt, der durch die finanzielle Potenz der englischen Klubs gerade ziemlich verzerrt wird.

Andere befürchten eine Schwächung der Bundesliga. So ging der Ex-Leverkusener Renato Augusto (27, Brasilien) für acht Millionen Euro lieber nach Peking – zum Ärger des FC Schalke 04, der ebenfalls für ihn geboten hatte „Ich glaube, dass es im Sommer eine Riesen-Abwanderung geben wird“, sagt Klaus Hofmann (47), Präsident des FC Augsburg, „und zwar in westliche und in östliche Richtung. Nicht nur nach England. Was China veranstaltet, ist fast schlimmer.“ (mit sid)