28.07.2016
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Verkehr in Köln: Uralt-Schilder sollen verschwinden

Auslaufmodelle, die keiner mehr braucht: Im Stadtgebiet wird es in ein paar Jahren keines dieser Schilder mehr geben.

Auslaufmodelle, die keiner mehr braucht: Im Stadtgebiet wird es in ein paar Jahren keines dieser Schilder mehr geben.

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BILDER: KURT OXENIUS, PETER BERGER

Köln -

Wenn es um Verkehrsschilder geht, kennt Martin Voosen kein Pardon. Dass es in Köln immer noch Wegweiser gibt, die jeglichen Sinn verloren haben, ist dem Mitarbeiter des Amts für Straßen- und Verkehrstechnik seit langem ein Dorn im Auge. Vor allem in Porz aber auch in anderen Stadtbezirken sind es die Relikte aus den 1970er und 1980er Jahren, die dem Autofahrer keinerlei Orientierungshilfe mehr bieten.

„Kein Mensch käme heute mehr auf die Idee, von Niehl über die Bundesstraße 9 nach Bonn oder die Bundesstraße 51 nach Euskirchen zu fahren“, sagt Voosen. „Aber es braucht halt seine Zeit, bis wir alle alten Groß-Wegweiser ausgetauscht haben.“ Was erstens daran liegt, dass die Wegweiser-Abteilung des Amts nur aus zweieinhalb Mitarbeitern besteht und selbst diese Stellen zeitweise nicht besetzt waren, und zweitens „bei uns natürlich alle Schilder, die für die Verkehrssicherheit von Bedeutung sind, absoluten Vorrang haben.“

Großtafeln verschwinden

Vor 20 Jahren hat die Stadt auf der Aachener Straße und der Stadtautobahn B 55 a, über die derzeit alle Autofahrer wegen der Staus durch die Tunnel-Bauarbeiten stöhnen, damit begonnen, den Wegweiser-Wald zu durchforsten. Nach einem einfachen Prinzip. Alle Großtafeln werden durch Einzelschilder ersetzt, Ziele außerhalb Kölns werden nur noch ausgeschildert, wenn die Straße für den überörtlichen Verkehrs eine Bedeutung hat. „Ansonsten beschränken wir uns auf den Hinweis zum nächsten Autobahnanschluss“, sagt Voosen. Die letzten Mohikaner wie am Militärring, auf denen noch Neuss noch mit „ß“ geschrieben steht und der Autofahrer nicht auf die Autobahn, sondern über eine Bundesstraße nach „Berg. Gladbach“ und „Bensberg“ geleitet wird, sollen spätestens Ende 2017 verschwunden sein.

Die neuen Einzelschilder haben vor allem einen Vorteil. „Wir können schneller reagieren und aktualisieren, wenn sich etwas ändert oder ein neues Ziel hinzukommt“, sagt Voosen. Das Amt für Straßen und Verkehrstechnik hält sich dabei streng an die „Richtlinie für wegweisende Beschilderung außerhalb von Autobahnen“. Voosen: „Bei uns heißt die nur RWB. Da weiß jeder, was gemeint ist.“

Regeln für die Einzelschilder

Die Einzelschilder werden nach genauen Regeln platziert. Die Autobahn-Wegweiser sind blau, überörtliche Straßen gelb, innerstädtische Ziele weiß unterlegt. „Wenn es geradeaus geht, steht der Wegweiser auf dem Mast grundsätzlich oben, danach gilt die Regel links vor rechs.“ Rund 1500 Schildermasten stehen im Stadtgebiet, an ihnen sind rund 4500 Wegweiser befestigt.

„Wir haben die Vielfalt der Ziele in den vergangenen Jahren drastisch reduziert“, sagt Voosen voller Stolz. Aufgefallen ist das so gut wie niemanden. Weil eben kein Autofahrer mehr über die Luxemburger Straße nach Schleiden oder Zülpich fährt. Oder auf der Düsseldorfer Straße in Mülheim einen Wegweiser nach Düsseldorf sucht. „Als wir den Düsseldorf-Hinweis entfernt haben, gab es schon ein paar Reaktionen. Aber die waren eher humorvoll.“ Nach dem Motto: Für einen Kölner kann Düsseldorf doch kein Fahrtziel sein. 20 Jahre nach dem Start des Schilder-Kahlschlag-Programms sind von den alten Groß-Exemplaren nicht mehr viel übrig geblieben.

Zuständigkeits-Wirrwarr

Zwei Relikte auf dem Militärring in Longerich verdanken bis auf eines, das völlig verblasst an der Kreuzung mit der Longericher Straße noch einen Rest von Bedeutung genießt, ihr Überleben einem Zuständigkeits-Wirrwarr. „Für den Militärring ist grundsätzlich der Landesbetrieb Straßen NRW zuständig“, sagt Voosen. Nur eben nicht für die Kreuzung an der Longericher Straße. Da müsse die Stadt ran. Aber weil die neuen Schilder längst stehen und die alten Leuchtkästen nicht so einfach zu entfernen sind, zählen auch sie zu den letzten Mohikanern.

Voosens Boss Hartmut Sorich verzieht ein wenig das Gesicht, als er das sagt. Weil ihm die letzten Mohikaner den letzten Platz eingebracht haben – bei einem bundesweiten Ranking eines Clubs, der sich Schilderüberwachungsverein (SÜV) nennt und im Februar aus der Taufe gehoben. Völlig willkürlich seien die Mitglieder mit ihren gelben Warnwesten durch die Stadt gezogen und haben Köln am Ende die Note fünf erteilt. „Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien das zustande gekommen ist.“ Der Verein sei ihm nicht ganz geheuer, sagt Sorich. „Vielleicht steckt da die Schilderindustrie dahinter.“

2000 Euro für einen Mast

Ein schlimmer Verdacht, zumal das Austauschen kein preiswertes Vergnügen ist. Ein Mast mit Fundament einschließlich dreier Wegweiser von der Größe 150 mal 40 Zentimeter kostet knapp 2000 Euro. Alleine die Baustufe eins, also die Ost-West-Achse von Rudolfplatz bis Neumarkt, die Straßenzüge vom Ebertplatz bis zum Hansaring, vom Rudolfplatz bis zur Ulrepforte, die Magnusstraße von den Ringen bis zum Hauptbahnhof, die Aachener Straße von der Stadtgrenze bis zum Rudolfplatz und die Stadtautobahn vom Kreuz Ost einschließlich der Zoobrücke, hat 700 000 Euro verschlungen.

„Wir bemühen uns immer, die alten Masten weiter zu verwenden“, sagt Sorich. Doch in vielen Fällen müssten neue Schilderbrücken und Krakenarme her, weil die alten einer Bauwerksprüfung nach DIN 1076 nicht mehr standhalten. Und außerdem sei Schild eben nicht gleich Schild.

Das Schildertausch-Programm

„Bei der Folienqualität gibt es große Unterschiede“, weiß der Experte. Der Branchenriese 3 M hat verschiedene Typen im Angebot: mit retro-reflektierenden oder mikro-prismatischen Folien. „Die Mikro-Prismen erreichen wesentlich höhere Rückstrahlwerte. Die setzen wir überall dort ein, das besonders wichtig ist. Auf Schilderbrücken zum Beispiel.“ Das sei immer noch preiswerter als innenbeleuchtete Verkehrszeichen.

Aber sind Wegweiser nicht generell überflüssig, wo doch nahezu jedes Auto über ein Navigationssystem verfügt? „Das sehen wir anders“, sagt Sorich. „Wir haben uns über Jahrzehnte so an die Schilder gewöhnt. Sie sind immer noch wichtige Orientierungspunkte.“

Und weil in Deutschland alles klar geregelt ist, gibt es auch für das Schildertausch-Programm eine Leistungsbeschreibung, die im Programm Verkehrstechnik der Stadt Köln hinterlegt ist. „Die Beschilderung soll so ins Stadtbild integriert werden, dass sie auffallend ist, aber die Ästhetik des Straßenraums nicht stört, die Aufnahmefähigkeit des Verkehrsteilnehmers nicht überfordert und zu einem günstigen Verkehrsablauf beitragen kann.“ Das ist das Todesurteil für die letzten Mohikaner, auf denen die Mülheimer Brücke mit Bindestrich geschrieben ist, der Militärring noch Militärringstraße heißt. Und das Stadion schlicht Stadion.