26.09.2016
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iPads in Kölner Schulen: Die Zukunft des Lernens hat begonnen

Sportunterricht am Gymnasium in Pesch: Die Sechstklässler sollen Flugrollen üben.

Sportunterricht am Gymnasium in Pesch: Die Sechstklässler sollen Flugrollen üben.

Köln -

Selinay steht mit ihrem iPad neben der Turnmatte. Sie filmt die Versuche der Mitschülerinnen Ceyda, Sarah und Carlotta, eine möglichst perfekte Flugrolle hin zu bekommen. Immer wieder laufen die drei Elfjährigen an, so wie es ihre Mitschüler an anderen Mattenbahnen tun. Kein langes Warten, bis man dran ist oder der Sportlehrer seinen Kommentar abgibt, kein Geschrei und Gerempel in der Warteschlange – es geht ungewöhnlich ruhig und konzentriert zu beim Sportunterricht der 6c des Gymnasiums in Pesch. Die Schüler kontrollieren dank der Filmaufnahme ihre Bewegungsabläufe selbst, was offensichtlich mehr Eindruck macht als Hinweise eines Lehrers.

In der 6c gibt es kein Unterrichtsfach mehr ohne die neue Technik. In Mathe werden digitale Arbeitsblätter auf die Tablet-Computer geschickt. Die Lösungen werden hinterher auf einem großen Bildschirm neben der Tafel gezeigt, der von allen Geräten angewählt werden kann. Lernfilme, Selbstkontrollen, Internetrecherchen, Messungen in Naturwissenschaften, Dokumentationen von Experimenten, Vokabellernen – die Möglichkeiten zum Einsatz scheinen unbegrenzt. Und dabei hat die Zukunft erst begonnen: Noch fehlt ein gutes Angebot an interaktiven Schulbüchern, die das statische Buch ersetzen können. Die Schulbuchverlage haben noch viel Nachholbedarf.

Das Gymnasium in Pesch ist eine der acht Modellschulen, die zur Zeit in Köln Erfahrungen mit dem Einsatz von iPads machen. Stadt und Universität haben das Ziel ausgegeben, dass aus dem Modell schon in wenigen Jahren die Regel werden soll. Ein umfangreiches Konzeptpapier der städtischen Schulverwaltung, das die Zukunft beschreibt, sorgt seit der Vorlage im Schulausschuss für Diskussionen. Nicht jeder teilt die Begeisterung der Macher, nicht jeder traut der Innovation. Außerdem sind zwei ganz konkrete Fragen aus Sicht mancher Kritiker nicht befriedigend gelöst: Wer bezahlt die neue Technik? Ist es richtig, sich in dieser Weise von den alles dominierenden Marktführern abhängig zu machen? Auch in Pesch kennt man die Einwände. Eigentlich sollten die Modellklassen in den siebten Jahrgängen eingerichtet werden. Doch genau wie im Bickendorfer Montessori-Gymnasium wollten einige Eltern nicht mitmachen. In Bickendorf wurde schließlich nur eine Klasse aus dem Jahrgang zur iPad-Klasse. In Pesch entschied man sich, die Modellklasse mit neuen Fünftklässlern einzurichten. Da ließ sich leichter sortieren. Keiner sollte gezwungen werden, mitzumachen.

Die Bilanz zur Halbzeit des dreijährigen Modellprojekts ist positiv. „Die Möglichkeiten, die sich bieten, sind vielfältig“, sagt Dominik Mewes, Lehrer für Sport und Sozialwissenschaften. „Das iPad ist ein Werkzeug, ein didaktisches Hilfsmittel. Natürlich lernen die Kinder auch weiterhin ohne die Technik.“ Es werde leichter, Kinder je nach ihren Fähigkeiten und ihrem jeweiligen Lernstadt individuell zu fördern, sagt Mathelehrerin Lina Pahl. Je mehr Schulen und Kollegen einsteigen, desto leichter wird es, von den Erfahrungen anderer zu profitieren. Die Vernetzung ermöglicht einen Wissens- und Erfahrungsaustausch, wie es ihn bislang nicht gab.

Auch am Montessori-Gymnasium fällt die Zwischenbilanz positiv aus. „Ich bin überzeugt“, sagt Direktor Herbert Kalter. „Die Art des Lernens ändert sich, die Motivation und die Aufmerksamkeit der Schüler steigt auch in Randstunden, wo es bislang immer schwer war, etwas zu vermitteln.“

„Das Lernen macht viel mehr Spaß“, bestätigt Schülerin Sarah in Pesch. „Und der Ranzen ist nicht mehr so schwer.“ Stolz erzählen die Elfjährigen, wie sie Fragen nach Technik und Anwendung ihrer oft staunenden Eltern beantworten können – eine Vorstellung, die nicht jedem behagt. Die Experten der Universität, die für die Stadt die technische Umstellung begleiten, glauben, dass vor allem der „Kontrollverlust“ für einige Eltern das Hauptmotiv für Skepsis ist. Offen zugeben möchte das offensichtlich keiner, sagt Uni-Professor Andre Bresges.

„Man muss bereit sein, sich zu öffnen“, sagt der Pescher Elternvertreter Wieland Schulze-Eckel. Er glaubt, dass sich viele Fragen, die Eltern heute noch haben, bald nicht mehr stellen. „Das wächst organisch und normalisiert. Irgendwann ist diese Technik neben den traditionellen Medien ein selbstverständlicher Bestandteil des Schulalltags.“