27.08.2016
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Glauben: „Welche Religion ist die wahre?“

Christliche Pilger in Brasilien

Christliche Pilger in Brasilien

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Reuters

Köln -

Professor Fetchenhauer, Sie fragen zu Beginn einer fünfteiligen Vortragsreihe,„Warum brauchen Menschen Gott?“ Haben Sie neue Antworten auf diese Frage?

Detlef Fetchenhauer: Klassisch sind sicher die Verweise auf die sinnstiftende Bedeutung des Glaubens an Gott oder seine Kraft, Menschen die Urangst vor dem Tod zu nehmen. Neuere Ansätze der Evolutionspsychologie sehen Religion nicht so sehr funktional, sondern als ein nicht beabsichtigtes Nebenprodukt bei der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten. Zu den wichtigen Strategien, wie der Mensch sich in seiner Umwelt zurechtfindet, gehören feste Deutungsmuster oder -schemata. Diese überträgt der Mensch dann in den übersinnlichen Bereich. So kann er alles, was ihm im Leben widerfährt, einem bestimmten Akteur namens Gott zuordnen. Und das macht das Leben leichter.

Völlig unabhängig davon, ob es diesen Akteur tatsächlich gibt?

Fetchenhauer: Die meisten Humanwissenschaftler erklären sich – wenigstens methodisch – zu Agnostikern. Ich glaube, dieser Standpunkt ist schwer durchzuhalten, weil die Art, wie jemand Religion erklärt, deutlich davon beeinflusst ist, ob er die Existenz Gottes für eine Einbildung hält oder für eine Wirklichkeit. Wer als Christ davon ausgeht, dass es den Gott Jesu Christi gibt, beantwortet die Frage nach dem „Warum?“ des Glaubens sehr leicht: Weil Gott es so möchte und weil er die Fähigkeit zu glauben dem Menschen als ein Geschenk der Gnade mitgibt.

Und Ihre Antwort?

Fetchenhauer: Ich halte es für wissenschaftstheoretisch sparsamer und stringenter, Religion und Glaube so zu erklären, als ob es Gott nicht gäbe.

Sparsamer?

Fetchenhauer: Ja, weil Sie den theoretischen Fall, dass es Gott gibt, dann nicht eigens durchzuspielen brauchen. Sie können sich vielmehr sozialpsychologisch darauf konzentrieren, wie es eigentlich kommt, dass in Geschichte und Gegenwart der allergrößte Teil der Menschheit an göttliche Wesen glaubt, obwohl es sie nicht gibt.

Haben Sie da nicht ein intellektuelles Unbehagen? Schließlich läuft Ihre Annahme darauf hinaus, dass die meisten Menschen einen nicht unwesentlichen Teil ihres Lebens „auf Sand bauen“, auf eine Illusion.Fetchenhauer:

Fetchenhauer: Natürlich sind wir im Normalfall gehalten, uns möglichst keine Illusionen zu machen. Es gibt aber Ausnahmen. Wenn Menschen die Welt im Großen und Ganzen für gerecht halten, geht es ihnen subjektiv besser als denen, die an der offenkundigen globalen Ungerechtigkeit leiden. Für solche „adaptiven Illusionen“ ließen sich weitere Beispiele nennen. Viele Eltern halten ihr Kind für hochbegabt, auch wenn es das nachweislich nicht ist. Wir können nun in der Forschung sehr schön zeigen, welche Vorteile das hat – und es wäre dann die Aufgabe der Religionspsychologie, genau diesen Nachweis auch für das Phänomen der Religion zu führen.

Nehmen Sie den Theologen und Philosophen ihren „Gottesbeweis“ weg, der die Existenz Gottes zu einem zwingenden Postulat der praktischen Vernunft erklärt?

Fetchenhauer: Ich finde Wissenschaft immer langweilig, wenn sie Schubladen auf- und zuzieht. Deswegen schätze ich eigentlich das interdisziplinäre Gespräch. Und ich bringe die These ein, dass sehr viel mehr gegen die Existenz Gottes spricht als dafür. Wenn man sie aber nun einmal annähme, wäre in einem nächsten Schritt zu diskutieren, welche Religion denn nun die wahre Vorstellung von Gott hat und verkündet. Und da lässt sich dann – wie ich finde – sehr schön zeigen, dass hier die Rationalität völlig an ihre Grenzen geht.

Nämlich?

Fetchenhauer: Zum Beispiel mit dem Hinweis, dass das am weitesten verbreitete Kriterium für die Annahme einer bestimmten Religion die Religionszugehörigkeit der Eltern ist. Das legt es doch nahe, den Glauben insgesamt als Ergebnis eines Sozialisationsprozesses zu erklären.

Das wird den Vertretern der Religionen nicht sonderlich gefallen, die als Ihre Mitreferenten in Köln auftreten werden.

Fetchenhauer: Während die Vertreter von Judentum, Christentum und Islam darlegen werden, sie sich Menschen fühlen, die an Gott glauben, übernehme ich diesen Part mit Blick auf diejenigen, die nicht glauben: Was macht es mit einem Menschen und seiner Weltsicht, wenn er in seinem Leben zu der Erkenntnis kommt, es gebe Gott nicht? Das ist gut arbeitsteilig, und ich bin dabei in der – für mich – glücklichen Lage, kein Bekenntnis ablegen zu müssen. Im letzten Teil der Reihe wird mein Kollege Wolfgang Leithold, der Politische Theorie und Ideengeschichte lehrt, ein Modell von Religion entwickeln, das tatsächlich von einer tiefen Erfahrung des Transzendenten ausgeht und diese nicht für eine Illusion hält. Über das existenzielle Erleben des Einzelnen hätten die Religionen dann ihre jeweiligen Glaubensinhalte gestülpt und die religiöse Erfahrung so ein Stück weit um ihre Ursprünglichkeit und Originalität gebracht. Darüber können wir dann wunderbar streiten.

Und jeder Zuhörer kann am Ende „nach seiner Fasson selig“ werden.

Fetchenhauer: Ich weiß natürlich, dass meine Sicht eine Provokation für religiöse Menschen ist. Aber ich denke, einen wirklich festen Glauben wird mein atheistisches Gewäsch nicht erschüttern können.