27.07.2016
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Rücktritt gefordert: Jesuit nennt Kardinal „Vertuscher“

Der Vatikan hat unter Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus zu wenig gegen Kindesmissbrauch unternommen, hat die UN-Kinderrechtskommission in ihrem Bericht festgestellt.

Der Vatikan hat unter Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus zu wenig gegen Kindesmissbrauch unternommen, hat die UN-Kinderrechtskommission in ihrem Bericht festgestellt.

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dpa

Köln -

Pater Mertes, gehen Sie mit der Kritik der UN an der katholischen Kirche konform?

KLAUS MERTES: Nicht jede Kritik ist sachlich und sachdienlich. Zum Beispiel kann ich nur den Kopf schütteln, wenn der UN-Bericht immer noch auf einer zwingenden Meldepflicht von Missbrauchsfällen an die staatliche Justiz herumreitet. Darüber sind wir in der Diskussion längst hinweg. Gerade die Opferschutzverbände warnen vor solch einem Automatismus.

Warum?

MERTES: Man kann nicht an den Opfern und ihren Wünschen vorbei melden. Als die bayerischen Bischöfe vor drei Jahren in Panik die Meldepflicht einführten, beklagten sich Missbrauchsopfer bei mir, dass ihnen damit vertrauliche und vertrauensvolle Gespräche mit Kirchenvertretern fast unmöglich geworden seien. Für einen staatlichen Ermittler steht an erster Stelle die Unschuldsvermutung zugunsten eines mutmaßlichen Täters. Das heißt, er muss die Angaben der Opfer zunächst einmal bezweifeln. Dann kommt die ganze Maschinerie mit Befragungen, Glaubwürdigkeitsgutachten et cetera in Gang. Davor haben viele Opfer Angst. Aber das sieht der UN-Bericht in seiner Naivität nicht.

Naivität?

MERTES: Ja, ich entnehme dem Bericht ein naives Verständnis, auch von der Kirche. Es ist doch skurril, dass sich die UN Gedanken darüber machen, wie bestimmte Textstellen im Alten Testament – etwa das Züchtigungsgebot – auszulegen sind. Über ein fundamentalistisch-buchstäbliches Bibelverständnis ist die katholische Kirche längst hinaus. Keiner, der in der Kirche ernst zu nehmen wäre, vertritt heute noch eine wörtliche Auffassung solcher Texte. Also, was soll das? Die Schieflagen des Berichts gehen aber noch weiter.

Nämlich?

MERTES: Da ist von einer zentralen Hotline im Vatikan für Missbrauchsopfer aus aller Welt die Rede. Ich weiß nicht, wie die Leute in Genf sich das vorstellen. Als ob das Problem gelöst würde, wenn die Zentrale es an sich zieht. Das hat Papst Johannes Paul II. ja vergeblich versucht. Zentralisierung bringt uns überhaupt nicht weiter. Im Gegenteil: Zentralisierung ist Teil des Problems. Aber die UN haben da die gleiche zentralistische Wasserkopf-Denke wie der Vatikan selbst. Und wenn dann noch Themen wie Abtreibung oder Homosexualität in den Bericht einfließen, kommt endgültig gerührter Quark heraus.

Warum? Sie haben doch selbst immer moniert, der kirchliche Umgang mit Homosexualität begünstige und fördere strukturell das Vertuschen und Verschweigen von Missbrauch.

MERTES: Das stimmt. Aber das muss man dann schon differenzierter entwickeln als die UN. Beim Thema Homosexualität geht es zunächst einmal um ein Menschenrechts-Thema und erst in zweiter Linie dann auch um die Frage, wie der Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema Homosexualität Gewalt in der Kirche begünstigt. Bei der Abtreibung hingegen steht das Tötungsverbot zur Debatte. Statt solcher Unterscheidungen mixt der UN-Bericht alles zusammen, was an Vorbehalten gegenüber der katholischen Kirche herumwabert. Dabei sind die UN selbst weder interesselos noch ideologiefrei. Die Phrasen bestimmter Gender-Theoretiker bei den UN und Aussagen katholischer Betonköpfe stehen einander in puncto Extremismus in nichts nach.

Also reagiert der Vatikan mit Recht verschnupft?

MERTES: Ich warne davor, auf beleidigte Leberwurst oder verfolgte Unschuld zu machen. Schließlich enthält der Bericht immer noch genügend berechtigte Kritik.  Das Grundproblem ist und bleibt die Aufklärung – nicht nur der Einzelfälle, sondern auch der Strukturbedingungen, die Missbrauch ermöglichen und  fördern.

Aufklärung funktioniert nicht, wenn sie nach oben verlagert wird, sagen Sie. Aber der Vatikan ist ja „oben“.

MERTES: Stimmt. Aufklärung funktioniert nur, wenn sie nach außen verlagert wird. Das gilt auch für den Vatikan: Er muss sich in den fraglichen Fällen einer externen Prüfung stellen, also unabhängigen Ermittlern und Gutachtern. Genauso wichtig ist es, dass die Aufklärung selbst transparent ist. Das ist vor allem für die Opfer wichtig, um die es der Kirche vorrangig gehen muss. Die Opfer dürfen nicht das Gefühl haben, sie müssten dauernd um Aufklärung kämpfen. Sie müssen das Gefühl haben: Unsere Geschichte wird von der Institution gesehen, unser Leid wird anerkannt. Und es muss endlich disziplinarische Konsequenzen für Kirchenmänner geben, die vertuscht haben.

Strafe müsse weh tun, haben Sie mit Blick auf die Höhe der Opferentschädigung gefordert.

MERTES: Die Strafe muss den Tätern, aber auch ihren Beschützern und der dahinter stehenden Institution weh tun. Das ist bei den Entschädigungen bis heute nicht der Fall. Aber Geld ist nicht alles, und darum gilt  auch für die disziplinarischen Folgen: Sie dürfen nicht auf die Täter im engeren Sinn beschränkt bleiben.

Sondern?

MERTES: Bischöfe, die an Vertuschungen beteiligt waren, sollten ihr Amt verlieren oder zurücktreten. Aber stattdessen klettert ein Bischof Müller, der in Regensburg an höchster Stelle vertuscht und  vernebelt hat,  mir nichts dir nichts auf der römischen Karriereleiter nach oben.

Gerhard Ludwig Müller ist heute Präfekt der Glaubenskongregation und wird demnächst Kardinal.

MERTES: Da sitzt er als Nummer drei im Vatikan und fabuliert immer noch ständig von irgendwelchen „böswilligen Pressekampagnen“ gegen die katholische Kirche. Von Reue keine Spur, und erst recht nicht von der Bereitschaft, sich auf Strukturprobleme der Kirche im Zusammenhang mit Missbrauch einzulassen. Müller macht einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Er tut so, als hätte es da halt ein paar böse Kleriker gegeben, aber sonst wäre in der Kirche alles in Ordnung und könnte so bleiben, wie es immer war.  Ich halte das für unerträglich. Unerträglich vor allem auch für die Opfer. Wie will dieser Mann ausgerechnet als Chef der Behörde, die ja nicht zuletzt für das Thema Missbrauch zuständig ist, eigentlich je wieder glaubwürdig sein?

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