Mein VeedelMit Marita Köllner durch das Griechenmarktviertel

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Marita Köllner vor einem Stück Römermauer, das mitten im Veedel steht.

Innenstadt – Nee, einen Kaffee möchte sie nicht. „Gib mir lieber einen Tee, bitte“, bestellt Marita Köllner, als sie es sich gemütlich macht an einem der Stehtische in der Brotecke Lemmen. Einen Kräutertee wünscht sie sich: „Pfefferminz, den hab’ ich als Kind schon geliebt.“

In der Bäckerei am Kleinen Griechenmarkt frühstückt die Karnevalistin am liebsten. Frühstück, das heißt beim Fussich Julchen auch gern schon mal nachmittags um fünf Uhr. Sie sei eine Nachteule, erklärt sie das, 49 Jahre auf den Karnevals- und Stimmungsbühnen des Rheinlands und auf Mallorca, die haben schon anderen einen ungewöhnlichen Schlafrhythmus beschert.

Und da wisse es Marita Köllner zu schätzen, dass sie bei Lemmen auch nachmittags noch ein Ei- oder ein Mettbrötchen bekomme.

Bäcker Probst zieht ein Oberländer aus dem Ofen.

Die Sache mit dem Doppel-T

„Maritta!“, ruft da Heinz-Josef Probst, er kommt aus Richtung Backstube zum Stehtisch herüber. Ehefrau Lucia, genannt Luci, hat ihn extra geweckt. Bäcker Probst backt seine Brote und Brötchen noch selbst, die Backstube befindet sich hinter dem Verkaufsraum, um drei Uhr morgens fängt der Arbeitstag für den Chef für gewöhnlich an. Da ist er schon wieder müde, wenn Marita Köllner munter wird.

„Maritta!“, grüßt er jedenfalls, und er spricht den Namen kölsch aus, mit Doppel-T. „Das ist in Köln so“, weiß die Angesprochene, „da hab ich mich dran gewöhnt.“

Vermutlich hatte sie auch keine Wahl, das wird beim Bummel deutlich: Der Straßenkehrer nennt sie genauso „Maritta“ wie der Köbes im Reissdorf, die Kellnerin in der Puszta-Hütte, die frühere Kassiererin im Agrippa-Bad und überhaupt all die Nachbarn im Mauritiusviertel.

Oder Griechenmarktviertel, wie Köllner diesen Teil der südlichen Altstadt nennt. Ihre Heimat seit 40 Jahren.

Aufgewachsen ist die Karnevalistin im Severinsviertel, mit 18 zog sie zu Hause aus. „Ich hatte die große Liebe gefunden.“ Sie wollten zusammenziehen, fanden eine Wohnung an der Peterstraße.

Den Mann gewechselt, dem Veedel treu geblieben

Den Mann hat Köllner später gewechselt, die Wohnung auch. Aber das Viertel, das ist ihr ans Herz gewachsen.

„Einmal, weil ich so herrlich zentral bin und dadurch fast alles zu Fuß erledigen kann.“ Zum Beispiel? Sie nippt am Pfefferminztee. „Zum Beispiel bin ich selbst bei Eis und Schnee pünktlich zu Auftritten in der Wolkenburg“ – dem heutigen Veranstaltungszentrum am Mauritiussteinweg, das Erzbischof Arnold I. im Jahre 1141 zunächst als Benediktinerinnen-Kloster eröffnet hatte, das die Alexianer später als Krankenhaus nutzten, in dem die Lehrer der Rheinischen Musikschule schon unterrichtet haben, das die Verantwortlichen des Kölner Männergesangvereins im Jahre 1955 übernahmen und das heute als Gesellschaft mit beschränkter Haftung betrieben wird.

Sie tanzt mit dem Köln-Schirm übers Kopfsteinpflaster der Schemmergasse: Sängerin Marita Köllner.

Köllner liebt aber auch den Blick auf den Dom („das ist für mich das i-Tüpfelchen hier im Veedel“), sie schätzt das Miteinander der Anwohner.

„Wir wohnen zwar direkt hinter dem Neumarkt, aber wir haben trotzdem ein Dorffest, die Deepejasser Kirmes“, erzählt sie. Bäcker Probst nickt und stimmt zu: „Dorffest trifft es gut, die Nachbarn schmücken ihre Häuser am Wochenende nach Fronleichnam mit Fähnchen, es gibt Kaffee und Kuchen und eine Ehrung der Senioren.“

Und, na klar, ein Bühnenprogramm gibt’s auch. Schon weil das Reiterkorps Jan von Werth im Mauritiusviertel beheimatet ist ,an der Thieboldsgasse (im Dialekt: Deepejass), genauso wie Columbina Colonia am Großen Griechenmarkt und natürlich Et fussich Julchen.

„Wenn Maritta auf der Bühne steht“, schwärmt Bäcker Probst, „dann kriegst du Gänsehaut, da kannst du nicht aufs Klo gehen, die singt so sehr mit Hätz un Siel, da kannst du nicht weghören.“

„Och, Dankeschön“, kommentiert sie, „das ist aber lieb.“

Sie senkt den Blick, rückt die Teetasse zurecht. „Weißt Du eigentlich“, fragt die Sängerin, „dass ich im kommenden Jahr 50-jähriges Bühnenjubiläum habe?“ Probst grinst: „Das passt ja gut, wir feiern nächstes Jahr, am 13. Januar, unser 20-Jähriges, wir haben das Geschäft am 1. Januar 1997 übernommen.“

Wo es für Marita Köllner den besten Gulasch gibt

Und so werden sie aus dem Feiern nicht herauskommen in ihrem Veedel. Im kommenden Jahr also 50 Jahre Fussich Julchen und 20 Jahre Bäcker Probst in der Brotecke Lemmen, im Jahr darauf wird es die Puszta-Hütte seit 70 Jahren geben: Kölns Gulasch-Tempel an der Fleischmengergasse teilt sich das Gründungsjahr mit dem 1. FC Köln.

„Die Puszta-Hütte“, betont Köllner, als sie die Wirtschaft betritt, „ist mein Lebensretter, wenn ich erkältet bin. Dann bereiten die mir das Gulasch extra scharf zu, und ich kann wieder durchatmen.“

Mit Melanie Sardis in der Puszta-Hütte.

„Stimmt“, bestätigt Juniorchef Günter Alexis Sardis, „für Marita machen wir manchmal extra-scharf.“ Also mit extra Chili drin? „Das Geheimrezept unseres Gulaschs verrate ich natürlich nicht“, antwortet er und griemelt.

Die Mischung aus 21 Gewürzen setzt die Familie angeblich täglich selber an, nicht einmal die Köche der Puszta-Hütte sollen die genaue Zusammensetzung kennen. „Aber“, räumt Sardis junior ein, „Chili ist mit drin, so viel kann ich sagen.“

Zum Gedeck gehört übrigens immer ein Brötchen, na klar, von Bäcker Probst, zum Ablöschen für alle, die das Gulasch noch nicht für sich entdeckt haben als scharfen Hustenlöser.

Wo Marita Köllner entspannt

Als Karnevalistin ist Köllner in der Erkältungszeit ungefähr so oft krank wie Erzieherinnen im Kindergarten. Wetzt Et Fussich Julchen in den Sälen die Tische rauf und runter, bei den Sitzungen zwischen den Jecken hin und her, ist Marita Köllner nass geschwitzt, wenn sie zurückkehrt zu ihrem Auto und weiterfährt durch die Kälte zum nächsten Auftritt. Im Auto wartet zwar Salbei-Tee mit Honig auf sie, aber auch sonst achtet sie auf ihre Gesundheit.

Das Hotel im Wasserturm.

Im Sommer lebt sie vorwiegend auf Mallorca in Las Maravillas in der Nähe vom Ballermann 8 („da beginnt die ruhige Zone“). Et Fussich Julchen betreibt dort „Missionarsarbeit“, wie Köllner das nennt, im Club Paradies veranstaltet sie jedes Jahr im September einen kölschen Monat.

Aber bevor der Trubel losgeht, taucht die Entertainerin ein ins Mittelmeer, schwimmt ein- bis anderthalb Stunden täglich, hält sich dadurch fit. Ob sie daheim in ihrem Veedel auch so lange schwimmt? „Nee“, sagt sie, „ich bin kein Bahnen-Schwimmer, das bin ich noch nie gewesen. Im offenen Meer liebe ich das, aber im Bad, nee.“ Da hält sie sich lieber fit beim Aqua-Jogging im Agrippa-Bad an der Kämmergasse, gleich ums Eck vom denkmalgeschützten Wasserturm.

Köllner im Reissdorf Brauhaus.

Und sie achtet auch sonst auf sich: Besucht sie zum Beispiel ihre Stammkneipe, das Reissdorf-Brauhaus am Griechenmarkt, dann winkt sie immer ab, wenn ihr einer der Köbesse ein Kölsch hinstellen will.

„Stimmt“, bekräftigt Micha Englert, „ich versuche das seit Jahren. Aber Maritta“, kölsch ausgesprochen, „bleibt bei ihrer Cola light.“ „Es sei denn“, schränkt die Sängerin ein, „es gibt mal was zu feiern. Dann trinke ich auch mal ein Gläschen Sekt.“

Vielleicht gab’s das ja auch an dem Abend, als sie Florian Silbereisen und dessen Team nach einem Konzert in der Lanxess-Arena ins Reissdorf mitgenommen hat. „Der Flo wollte ein kölsches Brauhaus kennenlernen“, erzählt Köllner, „da hab’ ich ihn mit hergebracht, weil ich es hier einfach am schönsten finde.“ Daheim. In ihrem Veedel.

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