Reverse Graffiti in KölnWer Wände putzt, wird angezeigt

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Tim Ossege ist „Reverse Grafftiti“-Künstler aus Köln-Mülheim. Seit mehr als zwei Jahren bringt er in der Stadt seine Bilder mit einem Sandstrahler an Wände.

Tim Ossege ist „Reverse Grafftiti“-Künstler aus Köln-Mülheim. Seit mehr als zwei Jahren bringt er in der Stadt seine Bilder mit einem Sandstrahler an Wände.

Köln – Schmutzige Wände von Häusern, Mauern oder Tunneln sind die Leinwand - und davon hat Köln wahrlich genug. „Reverse Graffiti“ nennt sich die Straßenkunst, bei der nichts verdreckt, sondern gesäubert wird. Die Künstler „malen“ ganz ohne Farbe. Mit Zahnbürsten, Hochdruckreinigern oder Sandstrahlgeräten werden Wände zum Teil von Dreck, Staub und Ruß befreit, aus dem Zusammenspiel von schmutzigen und sauberen Stellen entsteht ein Bild.

Die Stadt Köln geht gegen solche Malereien rigoros vor. Jeder Fall werde wie andere Graffiti auch zur Anzeige gebracht, sagte Petra Kremerius, Koordinatorin der Kölner Anti-Spray-Aktion (Kasa), auf Anfrage. Weil, so die Argumentation der Verwaltung, die Teilsäuberung das Erscheinungsbild der Innenstadt ungefragt verändere. Außerdem entstünden der Stadt Kosten, man müsse schließlich die ganze Wand säubern, wenn ein schon ein Teil davon gereinigt worden sei.

Zweimal ist das in Köln bereits geschehen. Am Brüsseler Platz und an einer Rampe zur Nord-Süd-Fahrt nahe der Severinsbrücke wurden werbende Reverse Graffiti entfernt. Die Urheber hatte die Stadt Köln aber nicht ausmachen können.

Ist putzen jetzt illegal?

„Sollte man zukünftig davon absehen, Müll aufzuheben, um einer Anzeige zu entgehen?“, fragt die Grüne Jugend NRW in einem offenen Brief an die Stadt Köln spöttisch. „Wird Regen, der ebenfalls nur partiell öffentlichen Raum säubert, auch zur Anzeige gebracht?“ Und: Was ist mit dem Kölner Dom? Immerhin wird auch die Kathedrale stückweise mit Sandstrahl gereinigt.

Auch im Internet regt sich Widerstand. „Spinnen die denn, die Kölner?“, fragt ein Nutzer im sozialen Netzwerk Twitterer. Uncool, befinden hier auch viele andere. Oder: Die Stadt Köln bewerbe sich um den Deutschen Comedypreis.

Auch Werke des Kölner Reverse-Graffiti-Künstlers Tim Ossege wurden schon weggeputzt. Seit mehr als zwei Jahren bringt der 30-Jährige aus Mülheim seine Bilder mit einem Sandstrahler an Wände. Er hält die sarkastische Antwort der Grünen Jugend NRW auf den Umgang der Stadt Köln mit der Straßenkunst allerdings für die falsche Herangehensweise. „Zuerst muss man zwischen Reverse Graffiti als Werbung und als Kunst unterscheiden“, sagt er. Wenn die Stadt gegen werbende Reverse Graffiti, auch „Street Branding“ genannt, vorgehe, könne er das verstehen. Und natürlich gebe es auch Stellen, an denen ein künstlerisches Graffito zur Sachbeschädigung wird. „Man stelle sich nur vor, jemand sucht sich den Kölner Dom als Betätigungsfeld aus.“

„Als Straßenkünstler darf man nie vergessen, dass man der Gesellschaft seine Kunst aufzwängt.“ Er selbst wäge immer ganz genau ab, wo und was er an Wände bringt. Seine Leinwand: „Immer nur nackter Sichtbeton, an denen der Sandstrahler keine Schäden anrichtet.“

Die Stadt Köln hat sich bei Tim Ossege bisher nicht gemeldet - und das obwohl er auf seiner Internetseite seileise.com sogar in einer Karte zeigt, wo genau in Köln sich seine Reverse Graffiti finden. Auch diverse Polizeikontrollen hatten keine Konsequenzen. „Ich habe noch nie negative Erfahrungen gemacht“, sagt der Kölner. Er will in der Stadt weiter sandstrahlen.

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