Kletterstar Alex Honnold will ungesichert einen 508 Meter hohen Wolkenkratzer erklimmen. Der Versuch wird von Netflix live übertragen. Geht das zu weit?
Geht Netflix zu weit?Extremklettern am Wolkenkratzer „Taipei 101“ wird live übertragen

Alex Honnold in Taipei, Taiwan.
Copyright: COREY RICH/NETFLIX © 2025
Alex Honnold macht, was andere für schlichtweg unmöglich halten. Er ist der erste Mensch, der 2017 ohne Seil, Sicherung oder Hilfe den 975 Meter hohen „Freerider“, eine äußerst anspruchsvolle Route durch das Felsmassiv El Capitan im kalifornischen Yosemite-Nationalpark erklimmt. „Free Solo“, der Dokumentarfilm über das auch als „Mondlandung des Free-Solo-Kletterns“ bezeichnete Unterfangen, gewinnt 2019 sogar den Oscar. Spätestens damit wird der kalifornische Extremsportler auch jenseits der Kletterszene weltberühmt.
Auch dass seine Amygdala, wie ein MRT ergab, später auf Angstreize reagiert als die von anderen Menschen, erklärt sein neuestes Vorhaben, das gerade kontrovers diskutiert wird, nicht recht: Am 23. Januar will Honnold statt einer Felswand den 508 Meter hohen Wolkenkratzer „Taipei 101“ in Taiwans Hauptstadt Taipeh erklimmen, ebenfalls ohne jegliche Sicherung und Hilfe. Auf die Frage, warum er das mache, fragt er nur zurück: „Warum nicht?“
Nun könnte man achselzuckend danebenstehen und darauf verweisen, dass jeder und jede selbst entscheiden kann, wie er sein Leben leben oder eben doch beenden oder zumindest aufs Spiel setzen will. Denn grundsätzlich gelte die sogenannte Konsumentensouveränität, sagt auch der Medienethiker Christian Schicha gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger: „Wenn man sich für den falschen Beruf, Partner, die falsche Ernährung oder Risikosportart entscheidet, ist das erst einmal die Sache von jedem oder jeder Einzelnen. Der entscheidende Punkt ist, dass das Ganze öffentlich stattfinden soll.“
Kameras werden Honnold in schwindelerregender Höhe begleiten
Netflix wird Honnolds lebensgefährliche Aktion nämlich am 23. Januar in einer zweistündigen Sondersendung live übertragen. Kameras werden jede Bewegung des Kletterers in schwindelerregender Höhe begleiten – und ja, sie werden auch einfangen, wenn er einen Fehler macht, wenn es doch schiefgehen sollte und der Mann im schlimmsten Fall aus einer Höhe von 500 Metern in den tödlichen Abgrund stürzt. Sicherlich will man beim US-Streamingdienst an den Erfolg der oscarprämierten Doku anknüpfen und mit dem Live-Event ein Millionenpublikum erreichen. „Dieser Live-Moment, in dem man nicht weiß, wohin die Reise geht, ob es gut oder schlecht ausgeht, das macht den Reiz aus“, so Schicha, „jedes Fußballspiel, das live übertragen wird, hat eine gewisse Spannung. Deshalb wird damit auch so viel Geld verdient.“ Doch geht Netflix damit einen Schritt zu weit?
Dass extreme Gefahr, extreme Aufmerksamkeit garantiert und man mit möglichst spektakulären, im besten Falle lebensgefährlichen Extremsport-Events viel Geld machen kann, weiß vor allem das österreichische Milliardenunternehmen Red Bull. Als clevere und äußerst erfolgreiche Marketingstrategie produziert der Getränkehersteller am laufenden Band neue Helden, wie Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel, die der Marke ihren Status verleihen und Konsumenten dazu bringen, ihre Energy-Drinks zu kaufen. An die mediale Reichweite, die der von Red Bull gesponserte Fallschirmsprung aus der Stratosphäre von Felix Baumgartner im Jahr 2012 erreichte, wird Netflix wohl auch mit einem Alex Honnold nicht herankommen.
Etwa 200 Fernsehsender und Netzwerke zeigten damals live, wie Baumgartner aus 40 km Höhe sprang und dabei Schallgeschwindigkeit erreichte. In seiner Heimat Österreich wurde das lebensgefährliche Projekt zu einem regelrechten Medienereignis und das meistgesehene Live-Event seit Einführung der Quotenmessung. Baumgartners Weltrekord war also nicht nur für ihn selbst ein großer Erfolg. Doch im Juli vergangenen Jahres endete sein ständiges Spiel mit dem Leben bei einem Gleitschirmabsturz eben doch tödlich. Insgesamt sind bereits sechs von Red Bull unterstützte Extremsportler bei ihren Aktivitäten gestorben. Das allerdings wird vom Unternehmen nicht unbedingt transparent gemacht, wie Christian Schicha kritisiert.
Doch die größte Sorge bereiten dem Medienwissenschaftler nicht die durchtrainierten Spitzensportler und Sportlerinnen – Honnold etwa mache das schließlich beruflich und könne das Risiko wahrscheinlich einigermaßen einschätzen – sondern „diejenigen, die meinen, sie müssten auch einmal so eine Heldentat vollbringen“. Denn, so Schicha, „alles, was mit Mutproben zu tun hat, speziell im Internet, führt dazu, dass es zahlreiche Nachahmungstäter und -täterinnen gibt und dabei Leute tatsächlich ums Leben kommen.“
Das „Roofing“ ist längst ein weitverbreitetes Phänomen
In den sozialen Medien ist das illegale, ungesicherte Klettern auf Hochhäuser, Türme oder Kräne als sogenanntes „Roofing“ längst ein weitverbreitetes Phänomen. Youtube, Instagram und TikTok sind voll von solchen Videos und Fotos aus schwindelerregenden Höhen. Allein das 11 Jahre alte Youtube-Video zweier maskierter Kletterer, die den 650 Meter hohen Shanghai Tower erklimmen, hat inzwischen 96 Millionen Aufrufe. Was Alex Honnold jetzt als erlaubte Aktion plant, liegt also ganz im Trend, nur dass sie nicht von ihm selbst im Netz veröffentlicht wird, sondern vom milliardenschweren Streaminganbieter Netflix, der aktuell weltweit 300 Millionen zahlende Abonnenten zählt.
Auch wenn die allermeisten Zuschauer von riskanten Extremsport-Events selbstredend nicht plötzlich auch auf die höchsten Wolkenkratzer dieser Welt steigen, animieren solche Videos zu anderen riskanten Aktionen. Eine Studie aus dem Jahr 2018 ergab, dass allein zwischen 2011 und 2017 mindestens 259 Menschen beim Versuch, ein Selfie an riskanten Orten zu machen, ums Leben kamen. Seitdem dürfte die Zahl nur gestiegen sein. Christian Schicha verweist hier auf den Werther-Effekt – dass die mediale Verbreitung von Suiziden während eines gewissen Zeitraumes zu einer Erhöhung der Suizidrate führt, weil sich Menschen mit der Person, die den Suizid begangen hat, identifizieren und deren Verhalten nachahmen. „Oder man sieht eben eine Heldentat auf Netflix und meint, man müsste das nachspielen. Das ist aus meiner Sicht verheerend. Insofern kann man das nur verurteilen und dafür plädieren, dass man so einen Quatsch nicht macht“, so Schicha.
Doch trotz massiver Kritik an der Live-Übertragung Honnolds lebensgefährlicher Challenge sieht aktuell alles danach aus, als würde Netflix an seinen Plänen festhalten. Was passiert, wenn eine Live-Sendung tatsächlich schiefgeht, das sahen 2010 etwa acht Millionen Menschen, als der damals 23-jährige Samuel Koch bei „Wetten, dass …?“ verunglückte und schwer verletzt wurde – ein tragischer Fernsehmoment, der vieles veränderte. Bleibt nur zu hoffen, dass es am 23. Januar anders verläuft.
