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ImpulseNicht Ich sein müssen

Lesezeit 4 Minuten

Fakt oder Fiktion, männlich oder weiblich, Sein oder Nichtsein - das Leben liegt irgendwo dazwischen. "Zehn Uhr Morgens: Sein. Zehn Uhr Abends: Nichtsein", proklamiert Julian Meding. Dann ergänzt er: "14 Uhr: Beides sein." Im Programmheft firmiert er unter Julia*n Meding. Warum auch soll man sich entscheiden müssen. Warum nicht beides sein? Aus Nichtsein wird Nichtsein müssen, dann: "Nicht Ich sein müssen." Ich, du, er, sie: Die Personalpronomen bilden ein Unterdrückungsregime.

Julia*n Meding ist nicht Hamlet, er spielt ihn auch nicht. Obwohl der Abend, den er als einziger Performer bestreitet - nur ab und an unterstützt von einem Barockquartett an historischen Instrumenten - den Namen des Shakespeare-Stückes trägt: "Hamlet". Tatsächlich kommt Shakespeares Drama vom modernen Menschen kaum im direkten Zitat vor. Und doch wird es hier ausagiert.

Verpixelter Mensch

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Statt des Dänenprinzen torkelt ein Wolf auf die leere Bühne des Depot 2, es ist die Auftaktveranstaltung der Impulse, des Theaterfestivals für bemerkenswerte Freie Produktionen. "Das ist kein Theater und das ist nicht der erste Akt", verkündet der Wolf. "Und das ist nicht das wahre Leben!", setzt er hinzu. Aber was ist es dann? Meding zieht den Wolfskopf ab, der Mensch darunter wirkt fast noch seltsamer, Schädel und Augenbrauen sind kahlrasiert, das Gesicht noch rot vom heißen Gummi der Maske. Auf einer Wand, links hinter der Bühne, sieht man ihn - verdoppelt und vergrößert - im Videobild, in der Intimitätslüge des Close-up. Er wollte sich "verpixeln", erklärt Meding seine Haarlosigkeit. Den Blicken der anderen nichts schenken, an denen sie sich festhalten können. O schmölze doch dies allzu feste Fleisch, wie es Hamlet via Shakespeare via Schlegel sagt.

Jeder Satz, den Meding ausspuckt, ist eine Anklage und eine Frage zugleich. Er nölt, trippelt, schwankt, kann nicht still stehen. Es ist ein Vogue-Tanz der ausgestellten Abscheu. Wovor? Vielleicht vor der geballten Normalität, die dem Darsteller schon als Kind im dörflichen Nichts zwischen Braunschweig und Hannover entgegengeschlagen haben muss. Falls das denn stimmt. Später sehen wir Super-8-Filme von einer Karnevals- oder Geburtstagsparty aus Kindertagen, vom Urlaub am Meer. Fakt oder Fiktion, das soll an diesem Abend ungeklärt bleiben.

Der Schweizer Theatermacher Boris Nikitin, hier verantwortlich für Konzept und Regie, hat zusammen mit Meding den Text verfasst. Wenn dieser denn Biografisches enthält, dann vor allem, um die Spannung zwischen Entblößung und Show noch stärker oszillieren zu lassen. Es fühle sich komisch an, sich öffentlich zu machen, sagt Meding. Aber irgendwie finde er es auch gut. Also erzählt er. Von seiner Enttäuschung, als er merkt, dass der ans Dorf grenzende Wald keine unberührte Natur, sondern nur ein Forst sei, Teil einer Verwertungskette. Singt ein schön krankes Chanson von Blasen auf seiner Haut. Oder berichtet, dass sein Vater kürzlich gestorben sei ... und nun als Geist auf dem Festungswall von Elsinore wandelt, ergänzt man im Geiste.

Auch einen eigenen Klinikaufenthalt erwähnt er, als es ihm nicht so gut ging. Kein Hamlet ohne Wahnsinn. Auch darauf folgt später eine Filmeinstellung, eine subjektive Kamerafahrt durch ein Pflegeheim. Auch das ist nicht leicht anzuschauen, man fühlt sich als Elendsspanner. Hat jemand diese Menschen gefragt, ob sie gefilmt werden wollen? Meding windet sich dazu am Boden, zählt auf. "Dies ist nicht der 4., 5., 6. Akt", zählt hoch bis über Hundert.

Vielleicht ist er ja doch Hamlet, und das Drama, das er hier vor uns aufführt, ist eine Mausefalle? Also das Stück im Stück, mit dem Hamlet seinen mörderischen Stiefvater und seine untreue Mutter zu einer Reaktion zwingen will. Meding beschwört die sogenannte vierte Wand, die die Wirklichkeit der Bühne von der des Publikums trennt. Er reißt sie nicht ein, indem er etwa durch die Parkettreihen rennt, er punktiert sie, indem er die einzelnen Menschen, die ihm hier als Masse gegenübersitzen, mit seinem Blick fixiert, taxiert. Das verstößt gegen die Theaterkonvention und wirkt sehr viel verstörender als jeder Aktionismus.

Was will der eigentlich von mir?, mag sich der Zuschauer denken, genervt von der forcierten Queerness des Performers, die ihm, dem Zuschauer, die undankbare Rolle des stumpf dasitzenden Vertreters einer unterdrückenden Mehrheit zuweist. Solidarität, das will er. Zumindest fordert er diese lautstark ein. Gleichzeitig tut er jedoch sein Möglichstes, um den Preis der Solidarität hochzutreiben. Er weckt keine Beschützerinstinkte, er lässt sich nicht einordnen, er wächst niemandem ans Herz. Allerdings ist es endlos faszinierend, dabei zuzusehen, wie er sich allen Kategorien entzieht - und wie Boris Nikitin hier Fakt und Fiktion, Sehen und Gesehenwerden ins Kippeln bringt.

Zum Festival

Das Impulse Theater Festival zeigt alljährlich die besten Freien Produktionen aus den deutschsprachigen Ländern. 2017 ist Köln Hauptaustragungsort, das Festival läuft noch bis zum 1. Juli.

www.festivalimpulse.de

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