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Lanxess-ArenaWellenberge der Gefühle mit Streisand

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Barbra Streisand in der Lanxess-Arena

Barbra Streisand in der Lanxess-Arena

Köln – "Ich habe dieses Lied gehört", sagt Steve Martin in "Reichtum ist keine Schande" zu Bernadette Peters. "Es hat mich daran erinnert, wie wir einmal waren." "Wie heißt das Lied?", will Peters wissen. "Wie wir einmal waren." Das hat sie natürlich auch gesungen, an diesen Mittwochabend in der Lanxessarena, "The Way We Were". Nur, dass Barbra Streisand die reuevolle Ballade nicht mehr ihrem einstigen Co-Star Robert Redford nachsingt, sondern Marvin Hamlisch, dem Komponisten.

Sie habe sich auf einen Zettel notiert, dass sie Marvin anrufen wolle, erzählt die Streisand ihren 13.000 aufmerksamen Vertrauten, um ihm zu sagen, dass sie auf ihrer kleinen Welttournee wieder sein Original-Arrangement singe. Doch Hamlisch, der als junger Begleitpianist am Set von "Funny Girl" mit zwei Schoko-Donuts das Herz der Diva eroberte, starb am nächsten Morgen. "Der Zettel liegt immer noch auf meinem Schreibtisch", gesteht die Streisand und legt dann soviel Gefühl in "The Way We Were", dass Spätgeborene vor Sehnsucht nach den sanft benebelten 70ern vergehen. 

Das war so ein Moment, in dem man die Eintrittspreise fürs Konzert, die eher dem Genre der Fantasy-Literatur zuzuordnen sind, glatt für gerechtfertigt hielt. Die Streisand kann ihrem Publikum nicht zuletzt deshalb einiges abverlangen, weil sie sich von Anfang an rar gemacht hat. Das Kölner, sagt sie, sei erst das 97. Konzert, das sie in 50 Jahren gegeben habe. Nach einem Konzert im Central Park, bei dem sie die Texte mehrerer Songs vergaß, blieb Streisand der Bühne jahrzehntelang fern.

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Zwischen 1970 und 1990 gab sie genau 16 Konzerte. Heute geht sie auf Nummer Sicher, ein riesiger Teleprompter hängt vom Dach der Arena. Wer will, kann sich umwenden, und sogar die Zwischenansagen dort gleichzeitig mit dem Star ablesen, "Vielen Dank en aller" steht da einmal in krausem Deutsch. 

Alte Welt des Showbiz

Trotzdem hinterlässt angeblich Lampenfiebernde eher den Eindruck, jeden einzelnen Zuschauer zum Plausch an den Küchentisch gebeten zu haben, wie eine Schwiegermutter mit glamouröser Vergangenheit, der nach zwei Gläsern Wein das Herz auf der Zunge liegt. Zweimal zieht sie sich um, trägt schwarze Funkelkleider und eine Robe in leuchtendem Rot. Auf der Leinwand über dem geschätzt 60-köpfigen Orchester erscheinen Bilder aus Barbra privatem Fotoalbum. Ihre kleine Schwester Roslyn Kind tritt auf, um Charlie Chaplins "Smile" im Duett zu singen. Ihr Sohn Jason Gould zeigt erst den Film, den er Mami zum 70. gewidmet hat und singt dann davon, dass seine Mutterliebe so tief wie der Ozean sei. Das ist fast ein bisschen zu viel und man fragt sich , ob nicht gerade ein Psychoanalytiker Bereitschaftsdienst in der Arena hat. 

Aber das Überbordende, die Wellenberge der Gefühle, sind eben Barbra Streisands Metier, und weil sie besser als irgendjemand sonst Virtuosität und charismatischen Ausdruck verbindet, erleidet sie auch nie Schiffbruch. Freilich, die Höhen von einst kann ihre Stimme nicht mehr erklimmen, auch klingt sie manchmal rau an Stellen, an denen es der dramatische Ausdruck nicht vorsieht.

Und bei den beiden Barry-Gibb-Nummern "Guilty" und "Woman In Love" lässt sie sich eher vom Orchester mitziehen, als dass sie druckvoll voranschreitet. Doch mit diesen Abstrichen funkelt der alte Streisand-Zauber wie eh und je, "People" aus "Funny Girl" transportiert die Zuhörer im Augenblick in eine längst vergangene Zeit, als am Broadway noch Stars geboren wurden, wie auch das Medley aus dem Musical "Gypsy", kurz vor der Pause. 

Für "My Funny Valentine" bittet die Streisand den Startrompeter Chris Botti auf die Bühne, bei "Make Our Garden Grow" aus Leonard Bernsteins Operette "Candide" lässt sie sich vom Zündorfer Gospelchor "Spirit of Change" unterstützen.

Das ist eigentlich alles viel zu viel, hätte sich längst in Kitsch und Bombast überschlagen sollen. Wenn da nicht diese unglaublich souveräne Frau wäre, die uns an ihren Küchentisch gebeten hat, um uns ein letztes Mal die alte Welt des Showbiz auszumalen, wie sie einmal war, und wie sie diese Welt in die Spielwiese einer Frau verwandelt hat.

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