Oben angekommen löst sich auch bei dem erfahrenen Freikletterer die Anspannung. Alex Honnold hat den Taipeh 101 erklommen.
Live auf Netflix gestreamtExtremkletterer Alexander Honnold bezwingt Taipeh 101

Nach dem Jubel auf der Spitze des Wolkenkratzers hat Alex Honnold ein Selfie mit seinem Smartphone geschossen.
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Angekommen auf der kleinen Kuppel in 508 Metern Höhe löste sich auch bei Star-Freeclimber Alex Honnold die ganze Anspannung. Mit einem breiten Grinsen machte der 40 Jahre alte US-Amerikaner den letzten und entscheidenden Schritt, unten am Fuße des Wolkenkratzers Taipeh 101 jubelten die Fans. „Die größte Herausforderung für mich war es, ruhig zu bleiben“, sagte Honnold etwas später: „Ich war ein wenig nervöser, als ich vom Boden los geklettert bin.“
Umarmung mit der Ehefrau: „Wir müssen den Kindern Hallo sagen“
Von außen war davon jedoch auch nach der Geduldsprobe durch die Verschiebung um einen Tag wegen Regens wenig zu spüren. Um 09:12 Ortszeit begann Honnold hoch konzentriert seine waghalsige Aktion - live übertragen in die ganze Welt vom Streamingdienst Netflix. Anderthalb Stunden brauchte er schließlich für den spektakulären Aufstieg entlang der Fassade des pagodenartig gebauten und einst sogar höchsten Wolkenkratzers der Welt - und das ohne Seil, ohne Netz oder sonstige Absicherung.
Am Ziel eines Lebenstraumes zupfte er im strammen Wind in Taiwans Hauptstadt an diesem größtenteils sonnigen Sonntagmorgen Ortszeit immer wieder an seinem T-Shirt, das obligatorische Selfie durfte auch nicht fehlen. Mit einer innigen Umarmung empfing ihn dann auch seine Ehefrau Sanni McCandless Honnold: „Wir müssen den Kids noch Hallo sagen“, meinte sie nach dem gemeinsamen Selfie.

Schaulustige beobachteten Alex Honnold nicht nur vom Boden aus - auch hinter den Bürofenstern wurde der Extremsportler angefeuert.
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Auf der 60. Etage waren sie sich bereits begegnet - sie drinnen mit dem Daumen nach oben, er außen an der Fassade. Auch sonst verfolgten Schaulustige den Aufstieg hinter den Glasfassaden der Bürofenster. Nicht wenige hielten die Momente mit dem Smartphone fest, andere bunte Plakate mit Durchhalteparolen hoch.
Es sei cool, die Erfahrung mit all den Leuten zu teilen, sagte Honnold anschließend bestens gelaunt und frisch geduscht bei seiner Pressekonferenz. Um sich besser fokussieren zu können, hörte er bei der Kletteraktion über weite Strecken allerdings Musik - Metal-Klänge von der US-Band Tool.
Übertragung des Spektakels hatte für Kritik gesorgt
Die Live-Übertragung hatte vorher auch für massive Kritik gesorgt. Denn schon im Trailer hatte Netflix gezielt Spannung damit erzeugt, dass es bei dem waghalsigen Spektakel letztlich um Leben und Tod ging. „Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich in eine Todesrisiko-Situation begeben, halte ich persönlich für ethisch nicht vertretbar“, sagte etwa der deutsche Medien- und Sportwissenschaftler Thomas Horky dem Schweizer Rundfunksender SRF.
„Wenn du fällst, stirbst du“, hatte Honnold selbst vor der Kletteraktion gesagt. Kritik an seinem Wolkenkratzer-Projekt könne er „total verstehen“. Aber wenn andere Freeclimber die Möglichkeit bekämen, das zu klettern, würden sie es auch tun. Für ihn war es ein Lebenstraum.
Die Sache mit dem „peinlich hohen Betrag“
Der US-Amerikaner hatte mehrfach betont, dass er den Aufstieg auch umsonst machen würde. Anonymen Quellen der New York Times zufolge soll er aber einen mittleren sechsstelligen Betrag bekommen haben, also mehrere hunderttausend Dollar. Honnold wollte eine konkrete Zahl nicht bestätigen, sprach aber von einem „peinlich hohen“ Betrag.
Dabei musste die Besteigung des Taipeh 101 zunächst um einen Tag verschoben werden. Wegen Regens war ein erster Kletter-Versuch am Samstagmorgen abgesagt worden. Doch rückblickend sei dies kein Problem gewesen, sagte der Star-Kletter, sondern habe sich dadurch noch viel mehr an eine Berg-Expedition angefühlt, bei der man auch auf die Gnade der Natur angewiesen sei. Zudem konnte er sich so am Samstagabend nach eigener Aussage noch mal mit reichlich Dumplings - den berühmten asiatischen Teigtaschen - stärken.

Hinter den Bürofenstern haben etliche Schaulustige den Extremsportler Honnold immer wieder fotografiert und jubelnd angefeuert.
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Tatsächlich handelt es sich bei der Besteigung des Wolkenkratzers um einen langgehegten Traum von Honnold. Seit mindestens zwölf Jahren schwebte der Gedanke bereits im Kopf des Extremsportlers. Die intensive Vorbereitung auf den Taipeh 101 dauerte schließlich rund zweieinhalb Monate, mehrere Tage übte er den Aufstieg zudem mit Seil.
Er war allerdings nicht der erste Kletterer, der den Wolkenkratzer erklommen hat. Der Franzose Alain Robert bestieg das Gebäude 2004 im Rahmen der Eröffnung des Taipeh 101. Doch während Robert mit einem Seil abgesichert war, wiederholte Honnold die Aktion erstmals ohne jegliche Sicherung.
Gratulationen von Taiwans Präsident
Anerkennung für die waghalsige Aktion kam auch von politisch höchster Ebene. „Glückwunsch an den furchtlosen Alex zur erfolgreichen Bewältigung dieser Herausforderung, und vielen Dank an alle Heldinnen und Helden hinter den Kulissen, die dies möglich gemacht und dazu beigetragen haben, Taiwan auf die internationale Bühne zu bringen!“, schrieb Taiwans Präsident Lai Ching-te auf Facebook.
Honnold erlangte über die Freikletter-Szene hinaus große Bekanntheit durch den Film „Free Solo“. Die Produktion gewann 2019 den Oscar als bester Dokumentarfilm. Gezeigt wird, wie Honnold die 915-Meter-Wand des El Capitan im Yosemite Nationalpark bezwingt. Insgesamt klettert der Extremsportler bereits seit rund 30 Jahren. (dpa)

