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Leserbriefe zu Reisen nach KiewNichts anderes als Katastrophentourismus

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Bei seinem Besuch in Kiew wurde der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj empfangen. 

Immer mehr Politiker reisen nach Kiew – Neben Merz machen sich auch Baerbock und Gysi auf den Weg in die Ukraine (3.5.)

Statt Voyeurismus braucht es tatkräftige Hilfe

In ihrem Leitartikel „Symbole, die wichtig sind“ vom 2. Mai schreibt Daniela Vates über einen „steten Pilgerstrom nach Kiew“, das seien „Bilder der internationalen Solidarität“. Mir scheint das eher Katastrophentourismus zu sein. In Deutschland wird man bestraft, wenn man bei einem Unfall auf der Autobahn anhält und fotografiert.

Dieser furchtbare Krieg mit dem unendlichen Elend der Menschen und katastrophalen Zerstörungen braucht keinen Voyeurismus, er braucht tatkräftige Hilfe, nicht Menschen, die wohlorganisiert und abgesichert ein sorgenvolles, bedenkenschweres Gesicht in die Kamera halten und sich am Abend wieder im warmen, schönen Zuhause einfinden. Natürlich müssen sie nicht selbst fotografieren; eine Schar von Reportern und Fotografen hält jede Regung fest und sorgt dafür, dass am nächsten Tag in allen Zeitungen berichtet wird nach dem Motto: Wer war schon da, wer kommt denn nicht?

Ich spreche den Besuchern ein persönliches Gefühl der Solidarität mit der Ukraine nicht ab, aber es macht sich offenbar gut für das öffentliche Image und erzeugt einen immensen öffentlichen Druck, es diesem Aktionismus gleich zu tun. Der Kanzler muss jetzt nicht unbedingt nach Kiew reisen, um seine Solidarität zu zeigen. Er ist solidarisch, indem er sich intensiv um die Erfüllung der langen ukrainischen Wunschliste nach Verteidigungswaffen bemüht – auch wenn er nicht in allen Zeitungen und auf allen TV-Kanälen deren genauen Umfang und möglichst noch die Transportwege und den Zeitpunkt ankündigt. Birgid Hofmann Erftstadt

„Falsches und unnötiges Pathos“

Der menschenrechtspolitische Sprecher der CDU, Michael Brand, erklärte zur umstrittenen Reise von Friedrich Merz, dieser reise nach Kiew, um die „Ehre Deutschlands“ wieder herzustellen. Welch ein falsches und unnötiges Pathos. Tatsächlich geht es in dem völkerrechtswidrigen brutalen Angriffskrieg um die Frage, wie man der geschundenen Ukraine wirklich nachhaltig helfen kann. Begriffe wie Heldentum und Ehre haben in diesem Zusammenhang nichts verloren.

Wenn man sich in den vergangenen Wochen in den Medien umschaut, könnte man den Eindruck haben, unsere Republik sei in den vergangenen sechzehn Jahren im Würgegriff einer Moskau hörigen, naiven Sozialdemokratie gewesen. Tatsächlich haben wir sechzehn Jahre einer unionsgeführten Bundesregierung hinter uns, mit einer Kanzlerin, die sich ihre Beziehungen nach Moskau zu gute hielt und gerade außenpolitisch Führungskompetenz beanspruchte und hatte. Eine Antwort auf die Annexion der Krim und die Besetzung der Ostukraine hatte diese Regierung nicht.

Die moralisierenden Attacken der CDU/CSU, deren bayrischer Arm sich nicht schämte, ebenfalls immer wieder enge Gespräche mit der russischen Führung als Erfolge vorzuweisen, gehen komplett ins Leere. Dass die Politik der Vergangenheit im Nachhinein intensiv überdacht und das diplomatische Vorgehen neu konzipiert werden muss, ist dabei unstrittig. Aber selbst die unselige „Umweltstiftung“ in Mecklenburg-Vorpommern ist von einer SPD/CDU-Koalition so ins Leben gerufen worden, wie sie jetzt besteht und möglicherweise nicht einmal so ohne weiteres abzuwickeln ist.Joachim Berg Zülpich

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Wann endlich reist der Bundeskanzler in die Ukraine?

Angesichts der himmelschreienden Gräueltaten in der Ukraine – ich denke an Butscha und den Beschuss eines Bahnhofs, wo tausende Zivilisten auf eine Ausreisemöglichkeit warteten – frage ich mich, wann Bundeskanzler Scholz endlich ein deutliches Zeichen setzt und ebenfalls in die Ukraine fährt, um dem ukrainischen Volk die volle, uneingeschränkte Solidarität Deutschlands auszudrücken? Ich werde den Verdacht nicht los, dass die Bundesregierung immer noch laviert und es sich durch Waffenlieferungen, Embargos oder deutliche Gesten nicht mit Russland verscherzen möchte. Entweder fehlt den höchsten deutschen Politikern der Mut oder die Moral für einen solchen Besuch. Beides wäre sehr bedauerlich.Marcus Krämer Köln

Parteipolitische Motive für die Reise von Friedrich Merz nach Kiew

Die Reise nach Kiew hätte sich Friedrich Merz besser sparen sollen. Das, was die Ukraine jetzt am wenigsten braucht, sind deutsche Politiker, die aus parteipolitischen Überlegungen und wegen bevorstehender Landtagswahlen nach Kiew reisen, um ihre Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen und weitere Solidarität zu verkünden. Merz’ Reise ist nämlich nichts anderes als ein weiterer Baustein in seinem parteipolitischen Ränkespiel mit dem Ziel, die Politik der Ampelkoalition und insbesondere Bundeskanzler Herr Scholz zu diskreditieren. Solche Politiker braucht Deutschland sicher nicht.

Vielmehr sollten die westlichen Verbündeten ernsthaft Szenarien überlegen, wie man diesen unsäglichen und grausamen Angriffskrieg von Herrn Putin beenden kann. Die ständigen Waffenlieferungen tragen sicher nicht zur Stabilisierung und Befriedung der augenblicklichen Kriegssituation bei, sondern nur zu einer Verlängerung von Elend und Tod und steigern das hohe Risiko der weiteren Eskalation zu einer globalen Katastrophe.

Um das sinnlose Sterben ihrer Bürger und jungen Soldaten zu beenden, sollte auch die Ukraine ernsthaft zu schmerzhaften Zugeständnissen bereit sein, statt ständig neue Waffen zu fordern und utopische Kriegsziele wie einen Sieg über Russland zu verkünden. Diese Kriegsrhetorik, die zunehmend auch von westlichen Politikern übernommen wird, ist unerträglich und den Preis dafür bezahlen werden zunächst die Menschen in der Ukraine. Die Spirale der Gewalt wird sich so nicht stoppen lassen. Die Politik hat versagt.Bernd Gläser Köln

Die Reise von Merz brüskiert Steinmeier und Scholz

An irgendeiner Stelle sagt Friedrich Merz, dass er „wirklich vollkommen erschüttert sei und ihm diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf gehen“. Gleiches gilt hier aber für manchen Betrachter, wenn man sich den Gesamtkontext dazu ansieht. Da wird das Staatsoberhaupt unseres Landes – unabhängig von der Hilfe, die wir als Land und Gesellschaft leisten – als unerwünschte Person ausgeladen. Der Bundeskanzler sieht daraufhin vorerst von einer Reise ab, aus Respekt vor dem Amt des Präsidenten und um diesem nicht weiteren Schaden zuzufügen.

Und was macht Friedrich Merz? Er brüskiert das Staatsoberhaupt nebst Bundesregierung und reist nach Kiew, denn es ist Wahlkampfzeit und die braucht „gute“ Bilder. Ein solches Vorgehen ist in höchstem Maße unanständig und zeigt den wahren Charakter des Oppositionsführers. Dass in diesem Zusammenhang der allseits „beliebte“ ukrainische Botschafter Andrij Melnyk Herrn Scholz als „beleidigte Leberwurst“ bezeichnet, möchte ich nicht weiter kommentieren. Manche Aussagen disqualifizieren sich von selbst und brauchen keine Erklärung.Dieter Behner Köln