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Leserbriefe zum Kuss-Eklat der Frauenfußball-WMEine Frage des Respekts

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Luis Rubiales, Chef des spanischen Fußballverbands, ergreift mit beiden Händen den Kopf von Nationalspielerin Jennifer Hermoso, um sie zu küssen. Die Spielerin ist von hinten zu sehen, ihre Arme hält sie vom Körper abgewinkelt, ohne Rubiales zu berühren.

Luis Rubiales, Chef des spanischen Fußballverbands, küsst die Nationalspielerin Jennifer Hermoso nach dem spanischen WM-Sieg.

Das Verhalten von Luis Rubiales nach dem WM-Sieg der spanischen Frauen-Nationalelf sorgt für heftige Kontroversen unter Leserinnen und Lesern.

Übergriffig und abstoßend

Ich habe die Siegerehrung der spanischen Damen-Fußballnationalmannschaft im Fernsehen gesehen. Nicht nur der Kuss auf den Mund, sondern das gesamte Verhalten des Verbandschefs gegenüber allen Spielerinnen habe ich von Beginn an als übergriffig und abstoßend empfunden. Er hat alle Spielerinnen ungefragt an sich gepresst, sie hochgehoben und hin und her geschwenkt, als wären sie Püppchen. Der Kuss setzte dem Ganzen die Krone auf. Keiner der Spielerinnen schien das gefallen zu haben. Solange Männer ihre Muskelkraft ungefragt gegenüber Frauen einsetzen, ist das übergriffig, ganz gleich aus welchem Grund. Beate Schumacher Köln

Viel zu viel Lärm um die „Kuss-Affäre“

Wenn Frau Hermoso sich im Nachhinein als Opfer sieht, ist sie nach meiner Meinung unehrlich. Ich kenne nur die Szene aus dem Fernsehen. Und da sehe ich dies: Rubiales packt mit beiden Händen den Kopf von Frau Hermoso und küsst sie. Ein Übergriff. Aber Frau Hermoso nimmt den Kuss an. Sie hätte den Kopf auch beiseite drehen können. Als ihr Kopf wieder frei ist, lächelt sie. Ein Opfer lächelt nicht! Beim Weggehen klopft Frau Hermoso Herrn Rubiales freundschaftlich in die Seite. Meines Erachtens ein Indiz für ein Einverständnis. Mein Fazit: Frau Hermoso wollte nicht geküsst werden, hatte aber auch nichts dagegen. Manfred Schinner Brühl

Kuss-Eklat: „Schwamm drüber!“

Eigentlich lacht die spanische Spielerin bei dem Kuss des Verbandschefs. Hätte die Spielerin nicht einfach sagen können: Habe ich mir zwar nicht gewünscht, aber so etwas kann in der Euphorie, dass wir Weltmeister wurden, durchaus passieren – Schwamm drüber! Die Emotionen einer gesamten Nation und die tagelangen Berichte in den Medien wären uns erspart worden. Gerd Janes Erftstadt

„Respekt ist das Zauberwort“

Es ist schon sehr erschreckend, was manche Männer für ein Fazit ziehen. Schwamm drüber? Auf keinen Fall! Es passiert einfach zu oft und zu selbstverständlich, dass Männer übergriffig werden. Sie tun es nicht bewusst, aber dennoch meist ohne Konsequenzen. Wie soll ich denn als Frau schneller reagieren? Direkt das Knie hochziehen, wenn mir jemand zu nahe kommt, oder demjenigen eine schallende Ohrfeige verabreichen? Sozusagen als „konditionierter Reflex“?

Warum denkt „Mann“, wir hätten nichts dagegen, berührt, getätschelt oder geküsst zu werden? Unglaublich, dass „Mann“ das Lächeln als Zustimmung deutet. Diese Frau war gerade Weltmeisterin geworden. Ist doch klar, dass sie lächelt vor Freude genau darüber. Die Scham und die Abneigung gegen einen plötzlichen Kuss auf den Mund in einer solchen Situation kommen natürlich erst später.

Nicht umsonst heißt es in Spanien: „Nur ein Ja heißt Ja“! Und ein Lächeln ist kein „Ja“. Auch Anfassen oder Tätscheln der Rückenunterseite bedürfen der Zustimmung. Wenn das alle Männer beherzigen würden, und ich kenne durchaus sehr viele, die das tun, gäbe es keine solche Diskussion. Respekt ist das Zauberwort. Christa Bretz Kürten

Kuss-Affäre: Medienhype unvorstellbaren Ausmaßes

In der Euphorie der gewonnenen Fußballweltmeisterschaft hat bei der Gratulation der spanische Fußballverbandspräsident Rubiales den Kopf der Topspielerin Hermoso zwischen die Hände genommen und ihr einen Kuss auf den Mund gedrückt. Hätte er besser die Wange wählen sollen? Seitdem erlebt man einen Medienhype unvorstellbaren Ausmaßes. Hätte die Spielerin den Kuss als unpassend oder gar aggressiv angesehen, hätte sie ihm direkt eine heftige Ohrfeige verpassen sollen.

So aber wird von Vergewaltigung gesprochen, Menschenmassen demonstrieren auf den Straßen, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen sexueller Nötigung, die sofortige Entlassung aus dem Präsidentenamt wird gefordert, die Disziplinarkammer des Weltfußballverbandes wird involviert und die Präsidentenmutter tritt in den Hungerstreik.

Welche Folgen soll der angeblich skandalträchtige Kuss noch nach sich ziehen? Dieses Theater erinnert sehr an dasjenige des Rammstein-Sängers Till Lindemann. Hier wurden massive Vorwürfe erhoben, Sexualdelikte verübt zu haben, was sich nun laut staatsanwaltlicher Ermittlungen als falsch herausgestellt hat. Prof. Dr. Claus Werning Frechen

Frauen-WM-Eklat: Gesellschaftliches Bewusstsein ausbaufähig

In der Ausgabe vom 29. August wurden drei Leserbriefe zur Causa Rubiales veröffentlicht. Die erste Leserinnenmeinung liegt ziemlich im (vermeintlichen) Mainstream. Dann folgen die Meinungen zweier Herren. Die des ersten ist es, dass Frau Hermoso „unehrlich“ sei, seine Meinung fundiert auf der einfachen Grundregel: „Ein Opfer lächelt nicht!“. Ach so! Der zweite Herr hätte sich gewünscht, dass Frau Hermoso (!) uns (!) das Ganze einfach erspart hätte. Sie lacht ja eigentlich auch. Wahnsinn. Nicht zuletzt legen die Veröffentlichungen auch eine offenbar bestehende Kluft zwischen öffentlicher und (in Leitmedien) veröffentlichter Meinung dar. Die Gesellschaft ist keineswegs so weit, wie sie gerne tut. Dr. Johannes Natus Köln