Ihr Fall hat weltweit für Entsetzen und einen Aufschrei gesorgt. Nun veröffentlicht Gisèle Pelicot ihre Memoiren.
Memoiren von Gisèle Pelicot„Jedes Wort, das er aussprechen sollte, würde mein Leben zerstören“

Gisèle Pelicot im Gerichtsgebäude von Avignon. Ihre Memoiren mit dem Titel „Eine Hymne an das Leben“ erscheinen am 17. Februar. (Archivbild)
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Mit ihrem Mut ist Gisèle Pelicot weltweit berühmt und schließlich zur Ikone für den Kampf gegen sexualisierte Gewalt an Frauen geworden. Der Prozess gegen ihren geschiedenen Ehemann Dominique Pelicot und 50 weitere Täter hatte weltweit für Entsetzen gesorgt. Diese hatten Gisèle Pelicot systematisch und auf Einladung ihres damaligen Mannes schwer vergewaltigt, nachdem sie von ihm jeweils betäubt worden war. Um aus der Opferrolle herauszutreten und den Tätern die Scham zuzuweisen, setzte sie bei Gericht in Avignon durch, dass der Prozess nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand – und auch die Videoaufnahmen der Taten im Beweisverfahren gezeigt wurden.
Für diesen Mut bekam Pelicot internationale Anerkennung. Ihr Ausspruch „Die Scham muss die Seiten wechseln“ erlangte große Bekanntheit. Nun beschreibt Pelicot in ihren Memoiren den Moment, in dem sie sich dazu entschlossen hat, eine öffentliche Verhandlung gegen ihre Vergewaltiger zu fordern.
Memoiren von Gisèle Pelicot: „Ich wäre ihnen ganz allein ausgesetzt“
„Die geschlossene Tür des Gerichtssaals, die mich eigentlich vor Blicken und vor der Presse schützen sollte, machte mir zunehmend Sorgen“, schreibt Pelicot laut einem Auszug aus dem Buch, den die Zeitung „Le Monde“ am Dienstagabend vorab veröffentlicht hat.

Gisèle Pelicot während eines Fotoshootings anlässlich der Veröffentlichung ihrer Memoiren. Das Buch mit dem Titel „Eine Hymne an das Leben“ erscheint am 17. Februar. (Archivbild)
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„Ich wäre ihnen ganz allein ausgesetzt. Würde ich ihnen nicht genau damit einen Gefallen tun?“, habe sie sich gefragt, berichtet Pelicot weiter. Niemand hätte dann gewusst, was die Männer ihr angetan hatten. Kein Journalist hätte die Geschichte aufgeschrieben – so die Sorge der Französin, die einräumt: „Wäre ich 20 Jahre jünger gewesen, hätte ich es vielleicht nicht gewagt, auf den Ausschluss der Öffentlichkeit zu verzichten.“
„Ich erkannte die Männer nicht wieder. Auch diese Frau nicht“
„Ich hätte Angst vor den Blicken gehabt, diesen verdammten Blicken, mit denen Frauen meiner Generation schon immer zu kämpfen hatten“, sagte sie. „Vielleicht verblasst die Scham umso leichter, wenn man 70 ist und niemand mehr einem Beachtung schenkt. Ich weiß es nicht. Ich hatte keine Angst vor meinen Falten oder meinem Körper“, fügte Pelicot hinzu.
Pelicot, die über zehn Jahre lang von ihrem Ex-Mann zunächst betäubt und dann von ihm und Dutzenden Männern, die er online rekrutiert hatte, vergewaltigt wurde, blickt auch auf den Moment zurück, in dem sie von den Taten erfahren hat. „Ich erkannte die Männer nicht wieder. Auch diese Frau nicht“, schreibt sie in dem nun veröffentlichten Auszug über die Fotos der Taten, die ihr von Polizisten gezeigt worden waren. „Ihre Wange war so schlaff. Ihr Mund so kraftlos. Sie war wie eine Stoffpuppe.“
Gisèle Pelicot schildert Gespräch mit Polizei
Zunächst habe sie nicht glauben können, was ihr dort gezeigt wurde, berichtet Pelicot. „Das bin nicht ich, der da regungslos auf dem Bett liegt. Das ist eine Fotomontage“, beschreibt die nun 73-Jährige ihre Gedanken während des Gesprächs auf einer Polizeiwache. „Der Polizist nannte eine Zahl. Dreiundfünfzig Männer waren zu uns nach Hause gekommen, um mich zu vergewaltigen.“ Sie habe um Wasser gebeten, berichtet Pelicot. „Mein Mund war gelähmt“, fügte sie hinzu. „In Sub-Brigadier Perrets Büro setzte mein Gehirn aus.“
Auch dass später weitere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann ans Tageslicht gekommen seien, beschreibt Pelicot eindringlich. Ein Polizist aus Nanterre habe sie angerufen, schildert die Französin, und ihr von „alten, ungelösten Fällen, einem versuchten Mord, aber auch von einem Mord“ aus den 1990er Jahren erzählt.
„Ich war wie betäubt, konnte nicht mehr stehen“
„Ich war zu schwach, um aufzupassen. Doch jedes Wort, das er im Oktober 2022 aussprechen sollte, würde mein Leben zerstören“, erinnert sich Pelicot. „Dann sagte er mir, dass Dominique nun in beiden Fällen der Hauptverdächtige sei. Es war surreal. Wie durch einen Fieberschleier gefiltert. Ich war wie betäubt, konnte nicht mehr stehen.“
Pelicots Memoiren mit dem Titel „Eine Hymne an das Leben“ sollen am 17. Februar zeitgleich in 20 Sprachen veröffentlicht werden. Die britische Schauspielerin Emma Thompson wird zudem ein Hörbuch auf Englisch einsprechen. In einem Instagram-Post schrieb sie, die „absolut außergewöhnliche“ Geschichte sei „schwierig laut vorzulesen“, aber sie „inspiriere zu Mut und Mitgefühl, fordere aber vor allem auch Veränderungen“.
Ermittlungen in Frankreich: Mann soll 89 Jungen missbraucht haben
Frankreich wird unterdessen von weiteren Missbrauchsermittlungen erschüttert. Die Justiz ermittelt gegen einen 79 Jahre alten Mann, der in einem Zeitraum von fast 60 Jahren 89 Minderjährige sexuell missbraucht haben soll. Als Jugendbetreuer soll der Mann während Einsätzen in zahlreichen Ländern, darunter auch in Deutschland und der Schweiz, Jungen im Alter von 13 bis 17 Jahren missbraucht haben, wie die Staatsanwaltschaft in Grenoble am Dienstag (10. Februar) mitteilte.
Der Mann sei bereits 2024 festgenommen worden, nachdem ein Neffe bei ihm auf einen USB-Stick mit Aufzeichnungen und Fotos zu den missbrauchten Jugendlichen gestoßen sei, hieß es weiter. Da die Fahnder bislang nur rund 40 der dort aufgeführten Opfer identifizieren konnten, wurden weitere Betroffene aufgerufen, sich bei den Behörden zu melden. Zu den Taten soll es zwischen 1967 und 2022 gekommen sein.
Missbrauchermittlungen in Frankreich: Parallelen zum Fall Pelicot
Auf die Jugendlichen habe er eine intellektuelle Anziehungskraft ausgeübt, die er sich für seine Missbrauchstaten zu Nutze gemacht habe, schrieb der Mann in Notizen auf dem beschlagnahmten USB-Stick. Bereits von den Ermittlern befragte Opfer hätten angegeben, dass der Betreuer damals viel Zeit damit verbracht habe, ihnen Fremdsprachen beizubringen und ihr kulturelles Bewusstsein zu wecken, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Sich selbst habe der Betreuer in den Notizen als „Pädophilen“ bezeichnet.
Auch der Fall Gisèle Pelicot war schließlich aufgeflogen, weil Pelicots Ex-Mann sein Tun wie auch das der anderen 50 verurteilten Täter ausführlich auf Video festgehalten hatte. (mit dpa)


