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Ab heute frei im StreamDavid Lynchs Serien-Meisterwerk, das nur einen großen Makel hat

6 min
Dale Cooper (Kyle MacLachlan) ist nicht er selbst. (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

Dale Cooper (Kyle MacLachlan) ist nicht er selbst. (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

Willkommen zurück in Twin Peaks: ARTE holt die vielleicht atemberaubendste Fernsehserie aller Zeiten in die Mediathek. Selten waren Kunst und Konsens so nah beieinander. Doch dann wurde die „Gans mit den goldenen Eiern“ geschlachtet.

Wer sich heute nach dem Einfluss der Fernsehserie „Twin Peaks“ erkundigt, kann leicht ehrfürchtig werden. „Akte X“ und der Mystery-Hype der 90-er? Komplexe Erzählstrukturen à la „The Wire“? Skurrile Nebenfiguren wie in „Ally McBeal“? Alles undenkbar ohne diese wegweisende Produktion, die zwischen April 1990 und Juni 1991 beim US-Sender ABC debütierte.

David Lynch gibt seinen Stars Mädchen Amick und Catherine E. Coulson (links) Anweisungen. (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

David Lynch gibt seinen Stars Mädchen Amick und Catherine E. Coulson (links) Anweisungen. (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

Ganz falsch ist das sicher nicht. Es sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Serie vollkommen einzigartig blieb. Die Koautoren David Lynch und Mark Frost entführten an einen entrückten Ort des Wundersamen. Das größte Wunder überhaupt: „Twin Peaks“ wurde zum Straßenfeger. Halb Amerika grübelte Woche für Woche über die immergleiche Frage: Wer tötete Laura Palmer?

35 Jahre später dürfen sich die Nutzer der ARTE-Mediathek noch einmal nach Twin Peaks entführen lassen. Der Kulturkanal stellt alle drei Serien-Staffeln frei zum Abruf bereit - also auch die Comeback-Staffel „The Return“ von 2017. Bereits abrufbar ist die Doku „David Lynch, der Meister des Rätselhaften“. Der legendäre US-Filmemacher starb vor Jahresfrist, am 16. Januar 2025.

Amerikanischer als in „Twin Peaks“ kann Amerika nicht sein

Wrapped in plastic: Die High-School-Schönheit Laura Palmer (Sheryl Lee) wurde ermordet, die Suche nach dem Täter fesselte 1990 und 1991 eine ganze Nation. (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

Wrapped in plastic: Die High-School-Schönheit Laura Palmer (Sheryl Lee) wurde ermordet, die Suche nach dem Täter fesselte 1990 und 1991 eine ganze Nation. (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

Wenn man so will, ist dieses fiktive 51.201-Einwohner-Städtchen Twin Peaks, gelegen nahe der US-Grenze zu Kanada, so etwas wie die Keimzelle im Kosmos des David Lynch. Amerikanischer als zwischen Diner, Tankstelle, High School und Gottes erhabener Natur kann Amerika nicht sein. Und doch wüten im dunklen Herzen dieses blank geputzten Paradieses Korruption, Drogenhandel, Prostitution, Wahnsinn und häusliche Gewalt.

Im Vorspann, unterlegt mit Angelo Badalamentis Gänsehautmusik, sieht man eingangs jeder Folge einen Vogel auf einem Ast sitzen. Danach ein Sägewerk. Mystische Natur und industrieller Kapitalismus. Im Grunde sagen diese ersten Einstellungen über die schizophrene Disposition des Ortes schon alles.

Betretene Stimmung am Grab der ermordeten Laura Palmer, vordere Reihe von links: Shelly Johnson (Mädchen Amick), Norma Jennings (Peggy Lipton), Big Ed Hurley (Everett McGill), Nadine Hurley (Wendy Robie) und Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan). (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

Betretene Stimmung am Grab der ermordeten Laura Palmer, vordere Reihe von links: Shelly Johnson (Mädchen Amick), Norma Jennings (Peggy Lipton), Big Ed Hurley (Everett McGill), Nadine Hurley (Wendy Robie) und Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan). (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

Wer Lynchs Filme der 80er-Jahre kennt, weiß: Wo es glänzt, gibt's auch Schatten. Und die größten Strahlemänner haben die dunkelsten Geheimnisse. Die allseits beliebte High-School-Schönheit Laura Palmer (Sheryl Lee) wurde ermordet. Am Flussufer wurde ihre Leiche angespült. Eingewickelt in Plastikfolie.

Dale Cooper ist mehr Schamane als Ermittler

Ein FBI-Agent wird zur Klärung des Mordfalls in die Provinz entsandt: Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan, zuvor schon Hauptdarsteller der Lynch-Filme „Dune“ und „Blue Velvet“) ist ein Polizist, wie man ihn noch nicht gesehen hat. Mehr Schamane als klassischer Ermittler. Halb Autorität, halb staunendes Kind.

Heimkehr aus dem dunklen Herz der Schizophrenie: Ronette Pulaski (Phoebe Augustine) hat eine Gewalttat schwer traumatisiert überlebt. (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

Heimkehr aus dem dunklen Herz der Schizophrenie: Ronette Pulaski (Phoebe Augustine) hat eine Gewalttat schwer traumatisiert überlebt. (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

Dale Cooper, der an ein Serienverbrechen glaubt, taucht in die für ihn fremde Welt mit Haut und Haaren ein. Er berauscht sich an den mächtigen Douglas-Tannen der Wälder. Er schwärmt mit strahlenden Augen für den fantastischen Kirschkuchen und den hervorragenden Kaffee aus Normas (Peggy Lipton) Diner. Und er hat seine ganz eigenen Ermittlungsmethoden, die nicht nur den örtlichen Sherrif Harry Truman (Michael Ontkean) verblüffen.

Cooper vertraut der empirischen Wissenschaft, verkörpert durch den arroganten Forensiker Albert Rosenfield (Miguel Ferrer), ebenso wie der Zen-buddhistischen Meditation. Er hört auf die wunderliche Margaret (Catherine E. Coulson) mit dem orakelnden Holzscheit. Und er nimmt seine Träume ernst, in denen er von einem hilfsbereiten Riesen, einem rückwärts sprechenden Zwerg und der toten Laura Palmer heimgesucht wird.

„Wir haben die Gans geschlachtet, die die goldenen Eier legt“

Zwischen Horrorshow und amerikanischer Seifenoper: Audrey Horne (Sherilyn Fenn) hat einen Crush auf Dale Cooper. (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

Zwischen Horrorshow und amerikanischer Seifenoper: Audrey Horne (Sherilyn Fenn) hat einen Crush auf Dale Cooper. (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

Lynch, privat ein glühender Verfechter der transzendentalen Meditation, ist es ernst mit diesen wunderlichen Dingen. Kriminalfall, amerikanische Seifenoper und Geisterstunde sind gleichberechtigte Facetten eines schizophrenen Ganzen. Die Komplexität der Erzählweise fasziniert noch heute. „Twin Peaks“ ist wie ein Wildwuchs. Jede Figur ist ein bisweilen skurriles, immer aber liebevoll ausdekoriertes Unikum. Jeder Nebenstrang ist von Bedeutung. Alles führt zum schauerlichen Kern des Rätsels - und zugleich von ihm weg.

„'Twin Peaks' kam in einer Saison heraus, in der sich alle über das Mittelmaß, die mangelnde Risikobereitschaft und die Gleichförmigkeit der Serien beklagten“, blickte David Lynch später auf den Überraschungserfolg zurück: „Das war unsere Plattform, und wir konnten sagen: Na gut, wenn ihr das nicht mögt, dann schaut euch mal das hier an.“

Der indigene Gesetzeshüter Tommy „Hawk“ Hill (Michael Horse) ist auch in der dritten „Twin Peaks“-Staffel übernatürlichen Phänomenen auf der Spur. (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

Der indigene Gesetzeshüter Tommy „Hawk“ Hill (Michael Horse) ist auch in der dritten „Twin Peaks“-Staffel übernatürlichen Phänomenen auf der Spur. (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

Eine Weile war „Twin Peaks“ (wenn auch vorrangig in den USA) der wahr gewordene Traum vom aufregenden, innovativen Konsensfernsehen. Umso schmerzlicher sein Zerplatzen: Lynch und Mark Frost wandten sich irgendwann neuen Projekten zu. Andere übernahmen die kreative Federführung. Ab Mitte der zweiten Staffel franste der zuvor stringent entwickelte Serienkosmos aus. Immer mehr Autoren und Regisseure (darunter der Deutsche Uli Edel) tobten sich aus, immer neue Figuren wurden eingeführt. Was vormals Gänsehaut erzeugte, wirkte zum Ende hin oft nur lächerlich.

Die folgenschwerste Fehleinschätzung unterlief indes der Sendeanstalt ABC selbst. Dann nämlich, als man die Macher dazu drängte, dem Publikum endlich einen Mörder zu präsentieren. „Wir haben die Gans geschlachtet, die die goldenen Eier legt“, klagte Lynch einmal rückblickend über diesen Kardinalfehler. Wer tötete Laura Palmer? Besser, wir hätten es nie erfahren.

„Twin Peaks“ - Season 3: Kein Kirschkuchen und nur Coffee to go

„Twin Peaks“ Season 3 hat manchmal die Anmutung einer schrillen Persiflage (Szene mit Naomi Watts und Kyle MacLachlan). (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

„Twin Peaks“ Season 3 hat manchmal die Anmutung einer schrillen Persiflage (Szene mit Naomi Watts und Kyle MacLachlan). (Bild: ARTE/Lynch/Frost Productions/Propaganda Films)

Womöglich hatten Mark Frost und David Lynch das Gefühl, etwas geraderücken zu müssen, als sie 2017 eine dritte und finale „Twin Peaks“-Staffel nachlegten. Der Aufwand hinter der mit Verzögerung abgeschlossenen Fortsetzung war nicht eben gering. 217 Personen weist die offizielle Besetzungsliste auf.

Neben einigen neu verpflichteten A-Klasse-Stars (unter anderem Monica Bellucci, Amanda Seyfried, Naomi Watts) sind fast alle Schauspieler aus den ersten beiden Staffeln wieder mit dabei, darunter Kyle MacLachlan, Ray Wise, Mädchen Amick und Sheryl Lee. Auch der im Januar 2017 verstorbene Miguel Ferrer ist zu sehen sowie die bereits 2015 verstorbene „Log Lady“ Catherine E. Coulson, die sichtlich krank einen berührenden Auftritt am Telefon hat, natürlich mit dem orakelnden Holzscheit in der Hand.

Und doch fühlt sich diese von zahllosen Fans herbeigesehnte „Rückkehr“ nicht wie eine Heimkehr an. Es gibt keinen Kirschkuchen und Kaffee nur aus dem Pappbecher „to go“. Dale Cooper ist gefangen im mystischen „Red Room“, diesem symbolgeladenen Übergangsort zwischen Gut und Böse, während sein maliziöser Doppelgänger in der Welt da draußen Menschen umbringt.

Episode 8 gilt als TV-Sternstunde - und als Schlüssel zum Werk von David Lynch

Unter anderem wird man in Buckhorn, South Dakota, Zeuge einer rätselhaften Bluttat. Und man verbringt als Zuschauer quälend viel Zeit in einem seltsamen New Yorker Hochhausgeschoss. Dort soll ein junger Mann ein Loch in der Wand beobachten, was ihm auf spektakuläre Weise zum Verhängnis wird.

Von „Eraserhead“ bis zu den anregend verspulten Millenniumsgroßwerken „Lost Highway“ und „Mullholland Drive“ zitiert der Meister hier ziemlich erschöpfend seine eigene Ikonografie. Das bringt große Momente hervor wie die experimentelle Atombomben-Episode 8 (“Gotta Light?“), die manchen als Schlüssel zu David Lynchs Gesamtwerk gilt.

Was sich allerdings nur langsam entwickelt: das Korsett einer Erzählung, die beim Zuschauen Halt gibt. Es sind 18 teils schrille, teils berührende, aber jederzeit rätselhafte Episoden, die einer Reise durch die Finsternis gleichen. Und das Licht, bei dem man schließlich ankommt, ist naturgemäß keine Verheißung. (tsch)