Felix Neureuther stellt die italienischen Ausrichter kurz vor Olympia-Start in einer ARD-Doku auf den Prüfstand. Während sich ein IOC-Funktionär um Verantwortung drückt, findet ein Alpenschützer deutliche Worte.
„Inszenierte Täuschung“ Alpenschützer kritisiert Felix Neureuthers Doku

Kurz vor dem Beginn der Olympischen Winterspiele in Italien wagt Felix Neureuther eine letzte Bestandsaufnahme. (Bild: BR / Valerio Agolino)
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Ab 6. Februar werden in Cortina d'Ampezzo, Mailand und anderen Wintersporthochburgen Italiens zwei Millionen Besucher erwartet. Dann steigt mit den Olympischen Winterspielen eines der prestigeträchtigsten Sportevents überhaupt. Doch wie viel ist vom Versprechen der Veranstalter von den nachhaltigsten Spielen aller Zeiten kurz vor dem Startschuss der Wettbewerbe noch übrig? Im Rahmen der ARD-Doku „Olympia im Wandel?“ (ab sofort in der ARD-Mediathek) stellt Felix Neureuther die Ausrichter auf den Prüfstand.
Die Olympischen Spiele würden zwar einerseits die Träume von Sportlern erfüllen und einzigartige Erlebnisse für Fans versprechen, argumentiert Kaspar Schuler. Doch gleichermaßen stecke dahinter eine „eiskalt durchkalkulierte Maschinerie“, kritisiert der langjährige Geschäftsführer der internationalen Alpenschutzkommission. „Von Nachhaltigkeit ist da gar, gar nichts vorhanden“, urteilt er hart über die millionenschweren Umbaumaßnahmen an den Ausrichtungsorten.
Im Bergdorf Livigno etwa, wo Freestyle- und Snowboard-Wettbewerbe beheimatet sind, habe man mit „massivsten Eingriffen“ am Hang eine „totale Geländeneugestaltung“ vorgenommen, erklärt Schuler vor Ort. Er hoffe, dass es sich dabei nicht nur um eine „Eintagsfliege“ handle, befürchte aber eine „volkswirtschaftlich unsinnige“ Entscheidung. Mehr noch: Schuler bezichtigt die Veranstalter in der ARD-Doku einer „gut gemachten, klug inszenierten Täuschung“. Die Chance für wirklich langfristig gedachte und nachhaltigere Spiele sieht der Alpenschützer nur im Falle wiederkehrender Austragungsorte. Er fordert: „Weg mit dem elenden Nationalismus.“
Viel kritisierte Bob- und Rodelbahn: IOC-Mann verweist auf italienische Regierung
Anlass zur Kritik gibt es vor den anstehenden Spielen genug. Besonders deutlich wird die Debatte anhand der historischen Bobbahn in Cortina d'Ampezzo. In der Bewerbung hatten die Ausrichter zugesichert, die Bahn umzubauen. Später wurde sie abgerissen und komplett neu gebaut. Kostenpunkt: 120 Millionen Euro, finanziert vom italienischen Steuerzahler. Der Olympiadirektor Christophe Dubi lässt im Gespräch mit Felix Neureuther wissen, man habe über die Bob- und Rodelbahn „heftig diskutiert“.
„Letztendlich war es eine Entscheidung der italienischen Regierung“, zieht sich der IOC-Funktionär aus der Affäre. „Die Macht des IOC, die durch einen Vertrag festgelegt wird, endet genau dort, wo die Macht der lokalen Gemeinden und Regierungen beginnt.“ So kontrovers das Bauvorhaben bei Naturschützern diskutiert wird, so wohlwollend stehen die Sportler der neuen Bahn gegenüber. „So eine feine Strecke“, lobt der deutsche Rodel-Olympiasieger Tobias Wendl das neue Areal. Sie biete obendrein eine große Wachstumsmöglichkeit für den Nachwuchs und die Etablierung neuer Rennserien - auch nach Olympia.
Alpindirektor des DSV kritisiert Olympia-Ausrichter wegen Ski-Wettbewerben
Das ist noch viel Zukunftsmusik, die angesichts aktueller Herausforderungen in den Hintergrund rückt. „Man muss alle Dinge doppelt machen“, stöhnt etwa Wolfgang Maier im ARD-Film von Georg Bayerle und Robert Grantner. Erstmals in der olympischen Geschichte finden die Skirennen von Männern und Frauen nicht am selben Ort statt. „Es geht um einen gewissen Spirit, um Begeisterung“, fasst der Alpindirektor des DSV sein olympisches Verständnis zusammen. „Jetzt macht man ein Konzept, das das Gegenteil macht“, kritisiert Maier die Ausrichter. „Es ist nichts, was den olympischen Geist befruchten würde.“
Doch wie kann der Spagat gelingen zwischen möglichst kompakten Spielen mit modernen Anlagen für Fans wie Sportler - und das alles unter dem Dach der Nachhaltigkeit? „Weltweit gibt es nur noch elf Regionen, die Schneewettbewerbe sicher ausrichten können“, denkt IOC-Mann Christophe Dubi schon über 2050 hinaus. Innerhalb Europas sei dann eine „Zusammenarbeit zwischen mehreren Ländern“ möglich, spekuliert er. Felix Neureuther bilanziert derweil am Ende der ARD-Doku: „Es darf künftig nicht nur nachhaltig draufstehen, sondern man muss diese Versprechen so gut es geht halten.“ (tsch)
