Einigermaßen fassungslos kommentierte Richard David Precht die unter anderem von Markus Söder aufgeworfene Forderung der pauschalen Mehrarbeit für alle.
Eine Stunde mehr Arbeit?Precht nennt es die „dämlichste Idee, die ich je gehört habe“

„Werden wir immer fauler?“ Zu der Frage diskutierten Richard David Precht (links) und Markus Lanz in der aktuellen Ausgabe ihres ZDF-Podcasts. (Bild: ZDF)
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Zehn Prozent mehr Arbeit ohne Lohnausgleich für alle: Diese Maßnahme hält der Kieler Ökonom Moritz Schularick für notwendig, um Deutschland aus der Krise zu wirtschaften. Einen ähnlichen Vorschlag unterbreitete unlängst der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. Laut des CSU-Chefs dürfe es eine Stunde mehr Wochenarbeitszeit für die Beschäftigten im Lande schon sein.
Markus Lanz und Richard David Precht griffen die Debatte in der aktuellen Folge ihres ZDF-Podcasts „Lanz und Precht“ auf. Ob sein Gesprächspartner denn schon wisse, was er in der zusätzlichen Stunde zu arbeiten gedenke, wollte Precht eingangs wissen. „Ich werde mich über meine Bücher, meine Dossiers beugen und einfach eine Stunde mehr lesen in Zukunft“, kam schmunzelnd die Antwort von Lanz.
„Oder langsamer!“, warf Precht ein, der sogleich auflöste, warum er der Idee der pauschalen Mehrarbeit für alle nicht viel abgewinnen kann: „Wenn die Mullabfuhr in Zukunft eine Stunde mehr arbeiten muss, nehme ich an, dass sich das Arbeitstempo drosselt, weil es werden ja nicht mehr Mülltonnen.“ Der Publizist und TV-Philosoph nannte den Vorstoß aus Politik und Wirtschaft gar „die dämlichste Idee, die ich je gehört habe“. Eine Stunde mehr zu arbeiten, bedeute schließlich nicht, dass jemand auch wirklich mehr arbeite, sondern im Zweifel nur, dass jemand länger im Büro sitzt.
Richard David Precht: „Glaubst du, dass dann in den neun Stunden mehr abgearbeitet wird?“

Laut ZDF-Politibarometer glaubt eine Mehrheit der Deutschen nicht, dass zu wenig gearbeitet wird. (Bild: ZDF)
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Ferner gebe es zahllose Berufsgruppen, für die man vernünftigerweise eine Ausnahme formulieren müsste. Das Krankenhaus-Personal gehe jetzt schon „auf dem Zahnfleisch“, nannte Precht ein Beispiel. Ein weiteres: „Sollen alle Inhaber von Beerdigungs-Instituten mehr arbeiten? Wenn nicht mehr Leute sterben, wie macht man das?“
Für den Bestseller-Autor ist unklar: „Von welchen Berufsgruppen reden wir dann am Ende?“ Sollte die Verwaltung gemeint sein, wäre auch das in seinen Augen nicht schlüssig: „Glaubst du, dass dann in den neun Stunden mehr abgearbeitet wird?“, fragte Precht rhetorisch. Er halte es für wahrscheinlicher, dass dann die Zeit zunehme, in der im Dienst nach Urlaubsflügen und Klamotten gesucht würde.
Lanz berief sich auf die Ökonomen, die in seiner ZDF-Talkshow regelmäßig zu Gast sind. Egal, welchem politischen Spektrum sie nahestünden - alle sagten: „Wir haben ein Thema mit Arbeitszeiten, wir haben ein Thema mit Krankenständen, wir haben ein Thema mit Produktivität. Wir müssen produktiver werden.“
Markus Lanz: „Offensichtlich haben wir ein Produktivitätsproblem“
Der ZDF-Talker verwies zudem auf die gewaltige Lücke, die in den kommenden Jahren durch in Rente gehende Beschäftigte der sogenannten Baby-Boomer-Generation entsteht: „Wir haben zwei Millionen Menschen weniger im Arbeitsmarkt, wenn diese Regierung das Ende ihrer Legislatur erreicht hat.“ Arbeitskräftemangel sei ein immer noch unterschätztes Problem, glaubt Lanz. Dennoch räumte er ein, es sei zu eng gedacht, es nur über Quantität lösen zu wollen. „Es geht auch um die Qualität der Arbeiter.“
Wahr sei in den Augen führender Wirtschaftswissenschaftler aber auch: Das Produktivitätswachstum habe sich im Vergleich zu anderen Wirtschaftsnationen nicht gut entwickelt. Selbst die einst als Inbegriff der Faulheit verschrienen Griechen hätten Deutschland in den betreffenden Statistiken überholt: „Offensichtlich haben wir ein Produktivitätsproblem.“
Precht ließ den Befund nicht uneingeschränkt gelten: „Bei all diesen Statistiken gibt es eine gewaltige Unschärfe. Die Tatsache, dass sich jemand an seinem Arbeitsplatz befindet, heißt nicht, dass er arbeitet.“ Der Publizist warnte: „Wir versuchen immer die Qualität einer Arbeit an der Quantität zu bemessen, und das wird ein zunehmend unsicherer Wert.“
Der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger im Land dürfte Richard David Precht mit seinen Ausführungen aus der Seele gesprochen haben. Ob der Vorwurf, dass Arbeitnehmer in Deutschland im Allgemeinen zu wenig arbeiten, gerechtfertigt sei, wollte die Forschungsgruppe Wahlen in einer aktuellen Umfrage fürs ZDF-Politbarometer wissen. Nur 20 Prozent der repräsentativ Befragten stimmten der Aussage zu, 75 Prozent verneinten sie, 5 Prozent waren sich unschlüssig. (tsch)
