In der ZDF-Serie „Take the Money and Run“ spielt Nilam Farooq die wohl meistgesuchte Frau der Welt. Die Deutsch-Bulgarin Ruja Ignatova gründete die Fake-Kryptowährung OneCoin und floh nach deren Auffliegen 2017 mit einem Milliardenvermögen. Ein Gespräch über die Sucht nach Geld.
Nilam Farooq im Interview„Je reicher man wird, desto schlechter wird der Geschmack“

Ruja Ignatova (Nilam Farooq), oft als Krypto-Queen bezeichnet, verschwand 2017 spurlos und steht heute auf der Fahndungsliste des FBI. Sie gilt als eine der meistgesuchten Frauen des Planeten. Weltweit investierten Millionen Menschen in OneCoin. Der Gesamtschaden wird auf mehrere Milliarden Euro beziehungsweise Dollar geschätzt. (Bild: ZDF und Mathias Bothor/Serviceplan)
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Die sechsteilige Serie „Take the Money and Run“ (ab Montag, 5. Januar, ZDF-Mediathek) erzählt eine der größten Finanzbetrugsfälle aller Zeiten. Mit der Besonderheit: Die Deutsch-Bulgarin Ruja Ignatova, Gründerin der Fake-Kryptowährung OneCoin, ist seit fast neun Jahren flüchtig. Als ihre Fake-Kryptowährung aufflog, mit der sie vor allem die Ärmsten der Welt ausgenommen hatte, floh sie mit einer Summe von bis zu 20 Milliarden. Im Interview spricht Kinostar Nilam Farooq (“Contra“) über migrantischen Parallelen zwischen ihr und Ruja Ignatova sowie die Grenzen dessen, was man mit Geld im Leben erreichen kann.
teleschau: Sie spielen Ruja Ignatova, die größte Finanzbetrügerin aller Zeiten und meistgesuchte Frau der Welt. Haben Sie versucht herauszufinden, wo sie sich aufhalten könnte?
Nilam Farooq: Jeder, der sich mit dem Fall beschäftigt, hat eine eigene Theorie. Meine war zu Beginn, dass sie tot ist. Ruja Ignatova hat sich viele gefährliche Leute zu Feinden gemacht. Mitten im Dreh kam dann die Nachricht, dass das FBI ihr Kopfgeld deutlich erhöht hat. So etwas machen die nicht ohne Grund. Ich nehme an, dass es neue Hinweise gibt.

Ruja Ignatova (Nilam Farooq) steht im Mittelpunkt des Milliardenbetrugs um die Krypto-Schmiede OneCoin. Das ZDF verfilmte den True Crime-Fall als sechsteilige Serie, die ab 6. Januar in der Mediathek zu sehen ist - ehe sie ab Sonntag, 11. Januar, auch bei ZDFneo in Doppelfolgen läuft. (Bild: ZDF und Mathias Bothor/Nicolas Lekai (CGI)/Serviceplan)
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teleschau: Was denken denn die meisten Leute, wo sie sich versteckt?
Nilam Farooq: Die gängigste Theorie ist, dass sie auf einer Yacht auf internationalen Gewässern lebt. Dass sie ganz anders aussieht als früher und ab und zu mal unerkannt auf dem Festland ist. Sie hat ja einen Mann und eine Tochter, die bei Frankfurt leben. Ihr Mann ist juristisch bisher glimpflich davon gekommen. Aber auch da soll es einen neuen Prozess geben. Es ist eine unglaubliche Geschichte, dass es ein Mensch schafft, über Jahre nicht gefunden zu werden - zumal sie Mann und Kind zurückgelassen hat. Und das trotz aller Bemühungen und dem vielen Geld, das man in die Suche investiert hat.
„Wir können beide gut mit Männern“
teleschau: Wie ist es in unserer heutigen Zeit überhaupt möglich, zu verschwinden und nicht gefunden zu werden?

Nilam Farooq verkörpert in der True Crime-Serie „Take the Money and Run“ die nach wie vor flüchtige „Krypto Queen“ Ruja Ignatova. Im Interview spricht die 36-Jährige über die Sucht der Menschen nach Geld - und wo die Grenzen dieses „Glückskonzeptes“ liegen. (Bild: Rene Lohse)
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Nilam Farooq: Ja, man denkt: Das ist heute unmöglich. Allerdings bieten Social Media und die digitale Welt auch Möglichkeiten, falsche Spuren zu legen. Insgesamt ist es heute sicher schwerer als früher, komplett zu verschwinden. Weil die Welt kleiner sowie Menschen transparenter und damit verfolgbarer geworden sind. Noch schwerer nachzuvollziehen ist für mich aber der psychologische Faktor, wenn man sich dazu entschließt zu verschwinden. Man lässt Menschen zurück. Das wäre für mich ein Ausschlusskriterium, irgendwo ein völlig neues Leben zu beginnen - ohne Kontakt zum alten.
teleschau: Ihre Figur und Sie haben gemein, dass sie beide als Migrantenkinder in Deutschland groß wurden. In der Serie ist es Rujas Motivation, den Erfolg mit allen Mitteln zu suchen. Auch weil ihr Vater als „Ausländer“ scheiterte. Können Sie den Antrieb verstehen?
Nilam Farooq: Ja, es gibt diese Gemeinsamkeit und noch eine weitere: dass wir beide einen kleinen Bruder haben. Trotzdem habe ich mich mit dieser Motivation nicht beschäftigt, weil ich mich von Anfang an dazu entschieden hatte, dass ich diese Figur nicht verstehen möchte. Ruja Ignatova ist eine sehr schlaue Frau. Sie kann gut reflektieren. Insofern will ich keine Entschuldigung für ihr Handeln gelten lassen: keine Kindheit, keine Migration, kein Garnichts. Eine Gemeinsamkeit, mit der ich was anfangen kann, ist jedoch: Wir können beide gut mit Männern. Ich bin unerschrocken, wenn ich mit ihnen zu tun habe, und dies war sie auch stets. Moralisch oder psychologisch wollte ich diesen Menschen aber nicht zu nah an mich heranlassen.
teleschau: Muss man nicht jede Figur annehmen, um sie zu spielen?
Nilam Farooq: Ich habe mich schon in ihre Psyche reindenken wollen. Ich will aber ihre Kindheit oder den migrantischen Hintergrund nicht gelten lassen, um ihr Handeln zu rechtfertigen. Sie war auf jeden Fall besessen von Größe und Erfolg. Und bereit, die niederträchtigsten Mittel einzusetzen, um beides zu erreichen.
„Es ist wie bei jeder anderen Sucht: Man will immer mehr“

Ruja Ignatova (Nilam Farooq) denkt im Privatjet über ihr Leben nach - oder plant sie bereits ihr Verschwinden? (Bild: ZDF und Oliver Oppitz)
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teleschau: Sie waren immerhin mal die erfolgreichste YouTuberin Deutschlands. Das wird man wahrscheinlich nicht einfach so ...
Nilam Farooq: Es war kein Titel, auf den ich hingearbeitet habe. Erfolg passiert manchmal einfach so, wenn man zum richtigen Zeitpunkt mit seinen Inhalten am richtigen Ort ist. In meiner Zeit war YouTube noch recht neu, irgendwie Avantgarde und noch nicht so umkämpft. Trotzdem kann ich etwas damit anfangen, dass man sagt: Was ich mache, soll Erfolg haben. Wenn ich einen Film oder eine Serie drehe, möchte ich, dass das Projekt Erfolg hat. Weil ich weiß, wie hart viele Leute daran gearbeitet haben. Wir haben in „Take The Money And Run“ Blut, Schweiß und Liebe investiert. Ich mache so etwas nicht, damit es am Ende keiner sieht. Ich möchte, dass die Serie maximal erfolgreich ist. Wenn ich aber in Ruja-Dimensionen denke, merke ich, wie ich mir die noch nicht mal im Kopf vorstellen kann. Die Frau hat Menschen in einem so großen Stil betrogen und ist mit 20 Milliarden abgehauen. Viele der Geschädigten waren arme Landwirte, zum Beispiel aus Afrika. Das hat nichts mehr mit gesundem Streben nach Erfolg zu tun.
teleschau: Wie können es Menschen vor sich rechtfertigen, arme Leute zu betrügen, um selbst in unermesslichem Reichtum zu leben?

Ruja Ignatova (Nilam Farooq) und Jonas Kurth (László Branko Breiding) heiraten. Im Lauf ihrer Karriere wird sich die Krypto-Queen mit verschiedenen Männern einlassen. (Bild: ZDF und Oliver Oppitz)
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Nilam Farooq: Es gibt die Redensart: Je reicher man wird, desto schlechter wird der Geschmack. Das trifft bei einigen Menschen auch in Bezug auf ihr Wertesystem zu. Bei Ruja war es auf jeden Fall so. Viele der Supereichen haben irgendwann eine Sucht nach Geldverdienen entwickelt. Und es ist wie bei jeder anderen Sucht: Man will immer mehr. Ruja ist ein von Zahlen getriebener Mensch. Ich glaube, sie hat eine Sucht nach sehr großen Zahlen entwickelt und ihren menschlichen Kompass dabei völlig verloren. Rein logisch ergibt es ab einem gewissen Punkt keinen Sinn mehr, noch mehr Geld verdienen zu wollen. Spätestens ab zehn Milliarden brauchst du nicht mehr, um dir sämtliche Wünsche zu erfüllen, die unsere Welt für Geld hergibt.
teleschau: Gibt es eine Art von Luxus, den Sie lieben? Etwas, wo Sie sagen würden: Toll, dass ich mir das leisten kann!
Nilam Farooq: Ich bin niemand, der Schuhe oder Taschen sammelt. Luxus. das sind für mich bodenständige Dinge: ein Eigenheim zu besitzen oder die Möglichkeit, in den Urlaub zu fahren. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen: Geld macht nicht glücklich. Ich finde schon, dass Geld in gewisser Weise glücklich macht. Es schafft vor allem Möglichkeiten, die man ohne Geld nicht hätte. Mir geht es gut. Ich kann mir ein paar Sachen leisten, über die ich mich freue. Und doch passieren viele Dinge im Leben, die nichts mit Geld zu tun haben. Vor zwei Jahren ist mein Papa gestorben, und ich konnte nichts dagegen machen. Nicht mit allem Geld der Welt hätte ich etwas tun können. So ein Lebensereignis setzt die Dinge wieder in Relation. Ich mag Geld, kenne seinen Wert, aber weiß auch, wo die Grenzen sind.
„Hätte mir das auch passieren können?“

Ruja Ignatova (Nilam Farooq, rechts) und Elva Gunnarsdottir (Tina Balthazar) lernen sich auf einer Veranstaltung in Sofia kennen. (Bild: ZDF und Oliver Oppitz)
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teleschau: Was steht für Sie über dem Geld?
Nilam Farooq: Dinge, die man nur begrenzt beeinflussen kann: Gesundheit vor allem. Ich wünsche jedem Menschen zum Geburtstag einfach nur Gesundheit. Sie ist das schönste Geschenk. Außerdem empfinde ich es als Glück, wenn ich mit dem, was ich am liebsten mag, Geld verdienen und meine Zeit füllen kann: mit der Schauspielerei. Was für ein Luxus, dass ich damit mein Leben finanziere, denke ich mir oft. Es ist ein Glück, das man nicht mit Geld bezahlen kann.
teleschau: Seit Jahren gibt es den Trend, dass Filme und Serien über Hochstapler produziert werden. Was fasziniert die Leute so an diesen Geschichten?
Nilam Farooq: Ich glaube, es sind die selben Mechanismen, die beim Krimi greifen. Da will man wissen, wer der Mörder ist und wie er es gemacht hat. Genauso ist es bei den Betrugsmaschen und Hochstaplern: Die Menschen wollen wissen, wie diese Leute es gemacht haben. Dass sie Menschen so täuschen konnten, dass die einem ihr Geld anvertraut haben. Wie kann es sein, dass ein Kartenhaus, das man ja bauen muss, um einen großen Betrug erfolgreich durchzuziehen, an keiner Stelle zusammenbricht.
teleschau: Und die andere Seite - die Opfer: Interessieren sie uns auch?
Nilam Farooq: Ja und zwar in der Hinsicht, dass wir uns fragen: Hätte mir das auch passieren können? Wäre ich empfänglich für diese Verführung, für diesen Menschen und seine Masche?
teleschau: In Betrugsstoffen geht es auch immer um Ekstase. Da fliegen Dollarscheine durch die Luft, es gibt Champagner und Kaviar satt. Warum eigentlich?
Nilam Farooq: Es ist das Spiel des Erfolgs, das viele gerne spielen. Wir Menschen haben unsere Rituale, die wir durchziehen. Ich kenne sie vom Filmpremieren und Awards. Alle werfen sich in Schale. Natürlich gibt es auch da Champagner. Es ist ein Sehen und Gesehen-Werden. Natürlich spielen sich auch da alle etwas vor, was zum Filmgeschäft ja auch irgendwie passt. Ich kann das genießen, man darf es aber nicht zu ernst nehmen. Bei diesen Euphorie- oder Exzess-Szenen darf man außerdem nicht vergessen: Es geht auch um Drogen, die dort genommen werden. Sie gehören für viele zum Geldverdienen im großen Stil auch noch dazu. Ich kann damit nichts anfangen. Aber ich weiß, woher das alles kommt. (tsch)
