Schuften bis zum Umfallen gerät in China mehr und mehr zum Auslaufmodell. Eine ZDF-Doku zeigt nun, wovon junge Menschen in China träumen - und wie sie mit ihren Vorstellungen gleichermaßen gegen Eltern wie Gesellschaft rebellieren.
ZDF-Doku zeigtAuch die chinesische GenZ verabschiedet sich in der Krise vom Leistungsdenken

Obwohl er studiert hat, verdient A Diao Geld als Influencer in den sozialen Medien. Seine Eltern sind davon wenig begeistert. (Bild: ZDF/Schmidt/ZDF Peking)
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Die 996-Arbeitskultur gehörte in vielen chinesischen Metropolen über lange Zeit zum Standard. Will heißen: Arbeit von 9 Uhr morgens bis 21 Uhr abends - und das sechs Tage die Woche. Doch vom Leistungsdruck und der maximalen Arbeitskapazität früherer Generationen distanzieren sich junge Chinesinnen und Chinesen immer mehr.
„Der harten Arbeit der vorherigen Generation verdanken wir es, dass sie so gute Bedingungen für uns geschaffen hat. Wir können mutiger unsere Träume verfolgen“, erklärt die 23-jährige Xiao Deng in der ZDF-Doku „The Chinese Dream - 24 h junges China“.
Nach ihrem Tourismusmanagement-Studium hat die sich die junge Frau gemeinsam mit ihrer besten Freundin Guo Guo ihren Traum erfüllt: eine Bäckerei in einem 20-Seelen-Dorf in den chinesischen Bergen. „Wir wollen nicht im Hamsterrad gefangen sein“, meint Xiao Deng. In der Stadt habe sie hingegen „keine Grenze zwischen Arbeit und Privatleben“ erkannt. Ähnlich geht es ihrer Mitstreiterin: „Das Leben in den Bergen scheint einen großen Teil der Leere in meinem Leben gefüllt zu haben.“
Bürojob „passt nicht“ zu Influencer: „Habe keine großen Ambitionen“

Die 23-jährige Xiao Deng hat sich mit einer Bäckerei in einem kleinen chinesischen Dorf mitten in den Bergen ihren Traum erfüllt. (Bild: ZDF/Steimer/ZDF Peking)
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Rückhalt aus der eigenen Familie für die unkonventionellen Pläne der jungen Erwachsenen müssen sich diese bisweilen hart erarbeiten. „Meine Familie will nicht, dass ich so lebe“, räumt A Diao ein. Der 25-Jährige kehrte nach einem Studium in der Großstadt samt Praktikum in einem Finanzunternehmen aufs Dorf zurück. In völlig abgelegener Lage verdient er als Influencer sein Geld - ein schnelles 5G-Netz macht es möglich.
„In Zukunft möchte ich auf den Plattformen auch Produkte aus meiner Heimat verkaufen“, hat sich der überzeugte Dorfbewohner schon ein Konzept für seinen künftigen Lebensunterhalt bereitgelegt. Mit seinen Inhalten scheint er bei gestressten Städtern jedenfalls einen Nerv getroffen zu haben: Insgesamt hat A Diao auf verschiedenen Plattformen bereits 100.000 Follower. „Ich habe keine großen Ambitionen. Ich will einfach genug Geld zum Leben haben“, formuliert der 25-Jährige seine Ziele. Für einen Bürojob ist in seinem Lebensmodell kein Platz: „Es passt einfach nicht zu mir.“
Wanquing (38) muss nach Kündigung Essen ausliefern - für 2,50 Euro Tageslohn
Anders als bei A Diao kann sich Wanquing der Unterstützung ihres Vaters sicher sein. „Ich durfte von klein auf nie die Wärme einer Familie spüren“, erklärt er in der ZDF-Doku. Er habe „die erbärmlichsten Arbeiten“ verrichten müssen und „Qualen erlitten“. Für seine Tochter wolle er Besseres. Deshalb unterstützt er die 38-Jährige finanziell, seit sie ihren Job verloren hat. Nun liefert sie Essen aus - für einen Hungerlohn. An einem der Tage, an dem ein Kamerateam mit ihr unterwegs ist, verdient sie gerade einmal 2.50 Euro.
„Ich kann nur so viel essen, wie ich verdiene“, skizziert Wanquing die Lage. „Die Situation ist insgesamt ziemlich schlecht.“ Vom einstigen Wirtschaftsboom scheint in China nicht mehr viel übrig zu sein. Beinahe jeder fünfte junge Mensch ist ohne Arbeit. „Ich muss in der Lage sein, mein Leben selbst auf die Reihe zu bekommen“, weiß die 38-Jährige. Deshalb will sie umsatteln, künftig Versicherungen statt Immobilien verkaufen.
„The Chinese Dream - 24 h junges China“ läuft am Mittwoch, 7. Januar, und Donnerstag, 8. Januar, jeweils um 22.15 Uhr im ZDF. Bereits ab Mittwoch, 14 Uhr, steht die zweiteilige Dokumentation zudem als Stream zur Verfügung. (tsch)
