Eine Frau aus Sachsen wird seit Jahren von ihrem ehemaligen Lebensgefährten gestalkt. Sie berichtet über das Martyrium.
„Die Angst ist immer da“Stalking-Opfer wird seit sechs Jahren vom Ex verfolgt

Eine Frau aus Sachsen wird seit sechs Jahren von ihrem ehemaligen Lebensgefährten verfolgt.
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„Erst fing es mit beleidigenden E-Mails an, dann sind Steine durch die Fensterscheibe geflogen“. Das sagt Beate Semmler (Name von der Redaktion geändert), eine Frau aus Torgau, die ein Kind im Teenager-Alter hat, einem Beruf nachgeht und mitten im Leben steht. Doch für die 55-Jährige ist das Leben heute ein anderes als es noch vor sechs Jahren war. 2017 hatte sie sich von ihrem Lebensgefährten, mit dem sie seit 1989 zusammen war, getrennt. Und von da an wurde alles anders.
Unfreiwilligen Bestellungen für Tausende Euro
Die unscheinbare Frau mit der Kurzhaarfrisur ist erstaunlich gefasst, als sie von den Vorfällen erzählt, mit denen sie in den letzten Jahren immer wieder konfrontiert war. Ihr damaliger Lebensgefährte habe E-Mail-Accounts mit ihrem Namen angelegt und dann Leute angeschrieben, „das war für mich sehr unangenehm“, erzählt sie. Er hat einen Mobilfunktarif auf ihren Namen abgeschlossen, ebenso ein Abo der Neuen Zürcher Zeitung, das sie noch rechtzeitig stornieren konnte.
Bei einem Weingut bestellte er edle Tropfen für knapp 2000 Euro und bei einem Internetversand ein Massagegerät für über 100 Euro, dessen Hersteller Frauen „unglaubliche Orgasmen“ verspricht. Außerdem meldete er sie beim Sozialverband VdK in München an. Und schrieb ihrem Arbeitgeber eine E-Mail, unterstellte ihr darin Drogenabhängigkeit und Sexismus und forderte ein „Drogen-Gutachten“.
Steine fliegen durchs Fenster – Garten wird verwüstet
Allein dabei blieb es nicht. Denn auf die verbalen Attacken folgten auch handfeste Taten: In einer Sommernacht vor zwei Jahren flogen nachts neun Steine durch die Fensterscheibe des gemeinsamen Einfamilienhauses. Schon davor, so erzählt sie, seien durch Steinwürfe Fassade und Fensterläden beschädigt worden. Der Garten wurde verwüstet. Eines Tages prangte am Zauntor ein gelbes Band „mit beleidigenden Worten“, ebenso an der Autoscheibe eines Nachbarn die Aufschrift „Semmler ist Nutte“. An einer großen Info-Tafel in Torgau wurde die Frau ebenfalls verunglimpft. Zuletzt wurde ihr Briefkasten mit roter Farbe beschmiert.
„Es gab eine Zeit, da habe ich nur geheult“, erzählt Beate Semmler. „Die Angst ist immer da – auch heute noch“. Die Torgauerin ist ein Stalking-Opfer. Als Stalking bezeichnet man wiederholtes widerrechtliches Verfolgen, Nachstellen, penetrantes Belästigen, Bedrohen und Terrorisieren einer Person gegen deren Willen bis hin zu körperlicher und psychischer Gewalt. Oft sind Stalker ehemalige Partner oder verschmähte Liebhaber.
Im Jahr 2021 sind allein in Nordsachsen 70 Fälle wegen Stalking zur Anzeige gebracht worden, teilte die Polizeidirektion Leipzig auf Anfrage mit. Sachsenweit gab es 1085 Fälle, geht aus der Kriminalstatistik für 2021 hervor. Davon wurden 1006 Fälle aufgeklärt, 967 Tatverdächtige konnten ermittelt werden. Es dürften aber weitaus mehr Fälle sein, weil Stalking-Opfer oftmals aus Scham nicht zur Polizei gehen.
Betroffene stellt 20 Strafanzeigen seit 2017
Anders Beate Semmler: Sie hat 20 Anzeigen seit 2017 erstattet. Es gibt sogar einen Beschluss des Amtsgerichtes, wonach ihrem Ex-Partner verboten wurde, sich auf dem Grundstück aufzuhalten. Die Staatsanwaltschaft ermittelte auch in Fällen, doch letztlich wurden Verfahren wieder eingestellt. Denn der Mann gilt als nicht schuldfähig, weil er psychisch krank ist, so ein Fachgutachten. Selbst der Steinwurf vom Sommer 2021 reichte nicht aus, den Stalker in ein psychiatrisches Krankenhaus einzuweisen, „da keine erheblichen Personen- und Sachschäden entstanden sind“, teilte die Generalstaatsanwaltschaft in Dresden Beate Semmler mit, die zuvor Beschwerde gegen die Einstellung eines Ermittlungsverfahrens eingelegt hatte.
Für die 55-Jährige ist das ernüchternd. Mit ihrem Kind lebe sie „in Angst und Sorge“, erzählt sie. Die Polizei helfe ihr zwar immer, ebenso ihr neuer Lebenspartner und Nachbarn. „Dafür bin ich sehr dankbar.“ Aber eine dauerhafte Lösung zeichnet sich nicht ab.
Wie kann Frau dem Stalking-Teufelskreis entkommen?
Der Fall ist kompliziert und wirft die Frage auf: Wie kann die Frau diesem Teufelskreis entkommen?
Stefanie Thieroff ist Sozialarbeiterin beim Kinderschutzbund in Torgau, der zugleich für den gesamten Landkreis Nordsachsen Interventions- und Koordinierungsstelle für die Beratung von Frauen bei häuslicher Gewalt und Stalking ist. Sie sagt: „Wenn die Justiz erstmal nicht weiterhelfen kann, bleibt am Ende nur ein Umzug in eine andere Stadt, so hart das jetzt klingt.“ Nur so könne man eine räumliche Trennung erwirken – und dann zur Ruhe kommen. Der Torgauer Fall war der Sozialarbeiterin bislang nicht bekannt. Sie bietet der Frau aber ihre Hilfe an, wenn sie das möchte.
Darüber hinaus gibt es durchaus auch rechtliche Mittel. Denn Nicht-Schuldfähige hätten letztlich keinen Freibrief, sagt eine Staatsanwältin auf Nachfrage dieser Zeitung. Würde der Stalker eine Schwelle überschreiten, könnte er mit einem Unterbringungsbefehl erstmal aus dem Verkehr gezogen werden. Ein Unterbringungsbefehl ist eine richterliche Anordnung, wonach ein Beschuldigter, der nicht schuldfähig ist, in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen ist. Dafür müssten aber dringende Gründe vorliegen, sprich derjenige müsste eine rechtswidrige Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit oder verminderten Schuldfähigkeit begangen haben.
In dem Torgauer Fall liegen nach Lesart der Justiz offenbar keine „dringenden Gründe“ vor. Beate Semmler sagt: „Was muss noch passieren? Es wird immer schlimmer. Ich traue ihm auch, dass er mal mit einem Messer vor mir steht.“ So ohnmächtig sie sich oftmals fühlt – unterkriegen lassen will sie sich nicht. Sie erwägt nunmehr aus dem gemeinsamen Haus auszuziehen und plant den Verkauf. „Zuletzt war auch das Haus nur noch eine Last für mich.“ (rnd, Nico Fliegner)

