Interview mit Historiker„Für eine Verklärung Fidel Castros gibt es keinerlei Grund“

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Fidel Castro starb am Freitag im Alter von 90 Jahren.

Hubertus Knabe, 57, ist Historiker und leitet seit 2001 die Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Er beschäftigt sich vor allem mit den Oppositionsbewegungen im Ostblock, der Nachkriegsgeschichte und der SED. Er wuchs im Ruhrgebiet auf und war in den 80er-Jahren bei den Grünen und in der Friedensbewegung aktiv.

Herr Knabe, in den Reaktionen auf Fidel Castros Tod spiegeln sich noch einmal die alten Frontlinien des Kalten Krieges...

Castro wirkt offenbar wie ein Katalysator für alte ideologische Vorstellungen. Wenn man die Reaktionen liest, hat man das Gefühl, man ist 40 Jahre zurückversetzt – als sich die Welt scheinbar so einfach in Gut und Böse teilen ließ. Für die Regime im Ostblock stand Castro natürlich auf der Seite der Guten. Trotzdem irritiert es mich, dass die Linkspartei an dieser Lobhudelei bis heute festhält. Bei allem Respekt für einen Verstorbenen: Für eine Verklärung von Castro gibt es keinerlei Grund.

Über Castro war doch die Zeit längst hinweggegangen. Warum können auch Sie nicht etwas milder auf einen alten kranken Mann ohne Macht blicken – und der Linken ein letztes Mal ihre Nostalgie gönnen?

Castro war bis zuletzt der Mann, der das kubanische Regime zusammenhielt - und sei es nur als Identifikationsfigur. Wer sich nicht kritisch mit ihm auseinandersetzt, kann auch nichts aus der Geschichte lernen. Verklärung verbaut den Weg zu der Erkenntnis, wie es dazu kam, dass nicht nur in Cuba alte Männer ihr Land in eine Sackgasse führten. Die Unterdrückung aller Gegner und Kritiker führt zwangsläufig in die Diktatur. Aus Kuba floh ein Fünftel der Bevölkerung.

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Hubertus Knabe

Betrifft diese Kalte-Kriegs-Wahrnehmung wirklich nur die Linkspartei?

Auch bei den Grünen im Westen gab es einen traditionell linken Flügel, für den Kuba als Leuchtturm für die Staaten der Dritten Welt galt. Aber Leute wie Petra Kelly oder Lukas Beckmann, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzten, waren gegenüber solchen Verklärungen immun. Dass die Linkspartei diese Revolutionsromantik bis heute pflegt, hängt vor allem mit ihrer Herkunft aus der SED zusammen. Im grauen Alltag der DDR wirkte der "Sozialismus unter Palmen“ auf manchen außerordentlich anziehend.

Aber auch Sie auf der Gegenseite klingen so, als würden Sie vor allem Castro symbolisch für den real existierenden Sozialismus an sich rügen wollen.

Es geht um die Tatsache, dass ein Mann in Cuba eine Diktatur gestürzt hat - und sein Land danach in eine neue Diktatur geführt hat, die jetzt beinahe 60 Jahre existiert. Das nicht zu sehen, kommt mir vor wie eine quasi-religiöse Wirklichkeitsverleugnung. Man klammert sich an Cuba als Projektionsfläche der eigenen politischen Träume – und vergisst, mit welchem Terror Castro sein Regime durchgesetzt und bis heute gehalten hat. Ich empfehle der Linken, sich doch einmal mit den Vertriebenen und Unterdrückten zu unterhalten. Stattdessen redet man von „sozialen Errungenschaften“ wie die Beseitigung des Analphabetismus. Doch wenn wir anfangen, Diktaturen so zu bewerten, finden wir in vielen Regimen vermeintliche Erfolge, einschließlich der Terrorherrschaft Hitlers.

Ging mit Castro die letzte der Figuren, die als solche Projektionsfläche taugten, wie Che Guevara oder Daniel Ortega in Nicaragua? Schon Hugo Chavez löste ja bei den Linken im Westen kaum noch Begeisterungsstürme aus, als er 1999 Venezuela übernahm.

Von dieser quasi-religiösen Verehrung her gesehen war Castro sicher eine Ausnahme und der letzte seiner Art. Die dem zugrundeliegende Revolutionsromantik ist Gottseidank weitgehend ausgestorben: Dass man meint, man würde der Menschheit zu ihrem Glück verhelfen, wenn man zu den Waffen greift und seine Gegner rücksichtslos unterdrückt. Aber Projektionen auf charismatische Machthaber im Ausland funktionieren nach wie vor: Führungsfiguren mit starkem Durchsetzungswillen, die bei ihrem Machtstreben große Kollateralschäden in Kauf nehmen, gibt es ja auch heute - sei es Putin, sei es Trump, sei es Erdogan. Da sucht man sich gern den Passenden aus. Es klingt dann nur wenig glaubwürdig, wenn Frau Wagenknecht Erdogan, im Gegensatz zu Castro, erst vorige Woche wieder einen „Diktator“ nannte, mit dem die Bundesregierung nicht zusammenarbeiten dürfe.

Das Interview führte Steven Geyer.

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