Eine lebendige ToteRusslands Wirtschaft steht kurz vor dem Zusammenbruch

Wie geht es nach dem erwarteten Zusammenbruch der russischen Wirtschaft weiter?
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- Ein Gastbeitrag zur russischen Wirtschaft.
Wladimir Putin hat seinen Krieg bereits verloren. Russlands Wirtschaft ist de facto bereits tot. Wenn es zu einem langwierigen Krieg kommt, wird Russland wahrscheinlich innerhalb weniger Monate von innen heraus kollabieren, ohne dass ein Schuss auf seinem Territorium gefallen ist.
Es gibt kein Szenario, in dem Putin den Krieg gewinnen kann
Es gibt kein Szenario, in dem Putin den Krieg gewinnen kann. Selbst wenn er die Ukraine dem Erdboden gleichmacht und die gesamte Bevölkerung unterwirft oder vertreibt, werden die wirtschaftlichen Chancen und die weltweite Ächtung Russland innerhalb weniger Monate in den Ruin treiben. Das Kappen der russischen Energielieferungen würde dieses Szenario noch beschleunigen. Aus diesem Grund ist es unerlässlich.
Zur Person
Tomás Sedlácek, geboren 1977, ist Chefvolkswirt bei der Tschechoslowakischen Handelsbank AG, der größten Bank Tschechiens. 2009 wurde er Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrats, der den tschechischen Regierungschef berät. Sedlácek lehrt an der Karls-Universität Prag Wirtschaftsgeschichte und -philosophie. Zudem ist er als Kolumnist tätig.
Besonders bekannt wurde Sedlácek, der bereits als Student den damaligen tschechischen Präsidenten Václav Havel beriet, durch sein 2009 publiziertes Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“.
Wie wir gesehen haben, haben Sanktionen allein Putin nicht dazu gezwungen, seinen Kurs zu ändern. Und sie werden es auch nicht tun, genauso wenig wie die Unterbrechung der Lebensmittelversorgung einen Terroristen zum Aufgeben zwingen wird. Aber in ein paar Monaten wird die Situation anders aussehen. Putin wird vielleicht nicht einmal militärisch besiegt sein, wohl aber wirtschaftlich. Es ist nur eine Frage von Monaten, bis der russischen Wirtschaft die Puste ausgeht.
Die Welt wurde reicher, während Russland verarmte
Zunächst einmal war die russische Wirtschaft schon vor dem Krieg in keiner guten Verfassung. Anders als etwa im totalitären China ist die russische Wirtschaft nicht sehr umfangreich, und ihre Struktur hat sich in den vergangenen dreißig Jahren nicht wesentlich verändert.
Das russische Volk ist - im Gegensatz zu den Indern oder Chinesen - nicht reicher geworden; im Gegenteil. Russland ist insofern eine Ausnahme, als die ganze Welt reicher wurde, während die Menschen in Russland verarmten - und zwar viele von ihnen, in erheblichem Maße. Die Hälfte der Bevölkerung Russlands ist heute 26 Prozent ärmer als 1980.
Putin hat sich mit diesem Krieg einen großen finanziellen Schaden eingehandelt, und es wäre schwierig, diesen Krieg zu finanzieren, selbst wenn die russische Wirtschaft florieren würde - was nicht der Fall ist. Somit droht aus mehreren Richtungen die Gefahr eines Zusammenbruchs. Russland ist einfach kein wohlhabender Staat, der sich einen teuren Krieg zur Ausweitung seines ohnehin schon riesigen Imperiums leisten könnte. Ganz zu schweigen von einem langwierigen Krieg, in dem die Wirtschaft implodiert.
Russlands niedrige Verschuldung bringt nichts
Sodann steht die Russische Föderation am Rande eines Kettenbankrotts. Die russische Regierung kann aufgrund ihrer eingefrorenen Reserven die Schulden nicht begleichen. Russlands niedrige Verschuldung, die 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beträgt (im Vergleich: Die USA liegen bei 100 Prozent, die EU-Staaten bei durchschnittlich 76 Prozent, Griechenland bei über 200 Prozent, Japan bei über 250 Prozent) bringt so gut wie nichts, weil niemand dem Land viel Geld leihen wird - und Russland wird viel Geld brauchen.
Selbst das zögernde China wird die Wahrscheinlichkeit, dass Russland den Krieg gewinnt (aber wie?) und die russische Wirtschaft nicht zusammenbricht, als äußerst gering einschätzen und daher sehr vorsichtig sein. China hat es nicht eilig, Russland zu helfen, und wird sich alsbald ausrechnen, dass sich ein Schulterschluss mit dem armen Russland gegen die gesamte fortgeschrittene und reiche Welt nicht auszahlen wird, selbst unter optimistischsten Szenarien.
Russland wird daher Kredite bei seinem heimischen Bankensektor aufnehmen müssen, der aufgrund des starken Ansturms auf russische Banken ebenfalls kurz vor dem Zusammenbruch steht. Die russische Zentralbank versucht alles, um dieses Szenario zu verhindern, aber auf längere Sicht kann der russische Bankensektor das nicht verkraften.
Russische Wirtschaft steht auf weltweiten Platz 20
Die "Lösung" besteht darin, die Banken zu schließen (wie die Börse), so dass die Menschen überhaupt nicht mehr an ihr Geld herankommen, oder die Banken zu verstaatlichen und/oder eine Währungsreform oder eine wahnsinnige Inflation herbeizuführen. Außerdem haben die Rating-Agenturen Russland auf ein Niveau herabgestuft, auf dem kein vernünftiges Unternehmen Kredite vergeben würde.
Drittens ist Russland bereits dreißig Jahre in die Vergangenheit zurückgefallen und hat jegliche postsowjetische Entwicklung aufgegeben. Praktisch alle westlichen Unternehmen haben Russland verlassen. Der Glanz, der 1990 von der Eröffnung der McDonalds-Filiale auf dem Puschkin-Platz ausging, wurde damit symbolisch zunichte gemacht.
Bis vor einem Monat war die russische Wirtschaft die elftgrößte der Welt. Seit Beginn des Krieges ist sie auf den 20. Platz zurückgefallen und - inmitten der Tiefen des Rubelverfalls - auf das Niveau der Niederlande geschrumpft. Dieser Absturz wird sich fortsetzen. Die Produktions- und Lieferketten brechen ebenfalls zusammen, so dass zu den geschlossenen Börsen, geschlossenen Banken und geschlossenen ausländischen Unternehmen bald auch geschlossene Geschäfte kommen könnten.
Einnahmen durch den Energiesektor sind entscheidend
Und der letzte und wichtigste Aspekt: Die russische Regierung bezieht fast 40 Prozent ihrer Einnahmen aus dem Energiesektor, der auch 60 Prozent der russischen Exporte ausmacht. Fallen diese Einnahmen weg, wird die Russische Föderation eine weitere Zahlungsunfähigkeit erleben: die Unfähigkeit, ihre Rentner, Beamten, Lehrer, Polizisten zu bezahlen, ihr Militär zu finanzieren und so weiter.
Kurz gesagt, die russische Gesellschaft steht in fast allen Bereichen kurz vor dem Zusammenbruch.
Unsere Überlegungen als Europäer, womit wir das russische Gas ersetzen könnten, mögen derzeit noch nicht weit gediehen sein. Die russische Wirtschaft indes wird in der derzeitigen Situation nicht einmal bis Herbst überleben. Je eher wir jetzt den Hahn zudrehen, desto weniger ukrainische Menschenleben wird es kosten. Je schneller wir das tun, desto schneller wird dieser sadistische und masochistische Krieg enden. Und desto eher könnte es danach wieder einer Öffnung kommen.
Übersetzung aus dem Englischen: Joachim Frank
