„Du musst nur positiv denken“: Nicht selten hören Krebserkrankte solche gut gemeinten Ratschläge aus ihrem Umfeld. Optimismus kann zwar Krebs nicht heilen, aber die Lebensqualität verbessern.
Kann positives Denken Krebs besiegen?Die Macht der Psyche im Kampf gegen die Krankheit

Stark sein trotz Krebsdiagnose: Die eigene Denkweise spielt durchaus eine Rolle beim Durchstehen der Erkrankung – auch wenn sie sich nicht allein durch positive Gedanken besiegen lässt. . Copyright: xLanaStockx via imago
Copyright: Haensel/RND (Montage), Foto: IMAGO/Depositphotos/L. Stock
Warum ich? Und warum jetzt schon wieder? Zwei Fragen, die Olaf Dupke wieder und wieder durch den Kopf gehen, als er vergangenes Jahr die Diagnose Krebs erhält. Magenkrebs. Eigentlich hat er sich nur mit einem starken Husten im Krankenhaus vorgestellt. Bei den Untersuchungen stellt sich dann heraus: Ein Tumor im Magen drückt auf sein Zwerchfell.
Der 54-Jährige weiß, was das bedeutet. Er hat diesen Moment in ähnlicher Form schon einmal durchlebt. 2021, als er mit Leukämie (Blutkrebs) diagnostiziert wurde. Es folgten vier Chemotherapien, die den Krebs wirksam bekämpfen konnten. Doch im vergangenen Jahr dann der Schock: Der Krebs ist zurück. „Da ist meine Welt zusammengebrochen“, sagt Dupke heute, acht weitere Chemotherapien und zwei Operationen später.
Für ihn ist klar: „Aufgeben ist keine Option.“ Schließlich warten zu Hause seine Frau und seine zwei Kinder. So schwer ihm der Kampf gegen den Krebs beim zweiten Mal fällt, er versucht, positiv zu bleiben. „Ich habe zu mir gesagt, ich gebe mein Bestes – und der Rest ist dann Schicksal“, sagt er. „Aber ich möchte mir niemals vorwerfen, dass ich nicht alles gegeben habe.“
Keine Heilung durch Optimismus
Dass positives Denken Einfluss auf die Gesundheit nehmen kann – etwa, indem es Stress reduziert und das Immunsystem stärkt –, ist schon lange bekannt. Forscherinnen und Forscher rätseln jedoch noch, welche genauen Wechselwirkungen dabei zwischen Hirn und Körper stattfinden.
Auch bei Krebs scheint es eine solche Verbindung zu geben. Darauf deuten Erkenntnisse der Technischen Universität Israel aus dem Jahr 2018 hin. Ein Forscherteam regte bei Mäusen das Belohnungszentrum im Gehirn an und brachte das Immunsystem so dazu, Lungentumore besser zu bekämpfen. Nach zwei Wochen waren die Tumore im Schnitt um die Hälfte geschrumpft.
Zu glauben, Krebs ließe sich allein durch positives Denken behandeln, wäre zu leichtfertig. „Krebs ist keine Denkaufgabe, sondern eine biologische Erkrankung“, sagt Till Johannes Bugaj, oberärztlicher Leiter der Psychoonkologischen Ambulanz im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg. „Es ist nicht so, dass man nur das Richtige denken muss und dann verschwindet der Krebs. Es gibt keine direkte Tumorheilung durch positive Gedanken oder durch Optimismus.“
Der Psychoonkologe räumt jedoch ein, dass die psychische Verfassung durchaus beeinflussen könne, wie Krebspatientinnen und Krebspatienten durch die Erkrankung gehen. So könne ein guter psychischer Zustand Ängstlichkeit und auch Depressivität reduzieren. Gut gemeinte Motivationssprüche wie „Bleib positiv“ könnten bei einigen Patientinnen und Patienten dagegen kontraproduktiv wirken: „Das wälzt viel Druck auf die Kranken ab, weil der Umkehrschluss, der daraus folgt, ist: Wenn der Tumor voranschreitet, habe ich wohl versagt, weil ich nicht positiv genug war.“
Auf den Punkt
Gefühle fühlen, einordnen und regulieren
Als Psychoonkologe begleitet Bugaj Menschen mit Krebserkrankungen und deren Angehörige psychologisch in dieser lebensverändernden Phase. Er hilft ihnen, Diagnosen zu verarbeiten, unterstützt sie während kräftezehrender Therapien und spricht mit ihnen über ihre Ängste und Sorgen. Es gehe nicht darum, den Patientinnen und Patienten eine bestimmte Haltung vorzuschreiben, sondern sie darin zu stärken, ihre Gefühle zu regulieren.
Dafür sei es im ersten Schritt wichtig, die Gefühle überhaupt wahrzunehmen. Die Bandbreite an Emotionen, die Krebspatientinnen und Krebspatienten durchleben, ist groß und sehr individuell. Im zweiten Schritt gehe es darum, diese Gefühle einzuordnen. „Wenn jemand durch eine Krebserkrankung aus seiner Wirklichkeit herausgerissen wird, ist es verständlich, mit Angst, Traurigkeit, depressiven Gefühlen oder Wut darauf zu reagieren“, sagt Bugaj. Das sei eine vollkommen normale Reaktion und genau so sollte sie auch behandelt werden.
Im dritten Schritt komme dann die Gefühlsregulation. „Diese Gefühle sollte man nicht wegschieben oder verdrängen, sondern versuchen, ihnen nicht hilflos ausgeliefert zu sein.“ Bestimmte Techniken wie Atem- und Entspannungsübungen oder Aufmerksamkeitslenkung könnten Patientinnen und Patienten helfen, mit ihren Emotionen besser umzugehen.
Die eigene Denkweise sei nie etwas Starres, merkt der Psychoonkologe an. Sie könne und dürfe sich verändern. „Eine tragfähige Haltung entwickelt sich selten unter Druck, sondern eher dort, wo innerer Raum entsteht“, so beschreibt er es. „Durch eine Erlaubnis, dass ich so fühlen darf, wie ich fühle, dass ich auch schwache Tage haben darf, dass Gefühle schwanken dürfen, dass die Kraft mal fehlen und es auch eine Ambivalenz geben darf.“
Die Familie gibt Kraft
Dupke kennt die Tage zu gut, an denen es schwerfällt, positiv zu bleiben. Vor allem während seiner zweiten Krebserkrankung häufen sie sich. In diesen Momenten liest er in seinem Buch „Tagebuch eines Vogels: von einem, der auszog, Krebs zu überleben“, in dem er seine Erfahrungen mit Leukämie festgehalten hat. „Ich wollte meine eigene Kraft weitergeben, sodass ich anderen, die vielleicht nicht diese Kraft und diese positive Einstellung haben, als Wegbegleiter zur Seite stehen kann“, sagt er. Am Ende gibt das Buch auch ihm erneut Kraft.
Aber auch seine Familie stärkt ihn. Seine Kinder, die ihm eine Box mit mutmachenden Zitaten wie „Papa, du schaffst das“ gebastelt haben. Oder seine Frau, die ihm ein Reiseheft geschenkt und gesagt hat: „Jedes Mal, wenn du eine Chemotherapie überstanden hast oder wenn es dir nicht gut geht, liest du dir das Heft durch und stellst dir vor, dass wir zu diesem Reiseziel hinfahren.“
Wie andere das eigene Denken beeinflussen
„Was die Angehörigen tun und sagen beziehungsweise was sie nicht tun und sagen, prägt die Denkweise der Patientinnen und Patienten“, weiß Psychoonkologe Bugaj. Auch die Familie, Freunde und Bekannte nähmen so Einfluss auf den Genesungsprozess. Viele Krebspatientinnen und Krebspatienten würden sich nach außen hin stark zeigen, dahinter stecke aber oft „eine soziale Rücksichtnahme“: „Man darf nicht schwach sein, das Umfeld verlangt, dass man kämpft, dass man stark ist. Man hat vielleicht eine Gemeinschaft um sich herum, auf die man Rücksicht nimmt, und deswegen geht man über eigene Bedürfnisse hinweg“, sagt Bugaj. Gerade bei Männern zeige sich diese Tendenz, immer stark sein zu wollen. „Das eigene Mindset entsteht insofern nicht in einem luftleeren Raum, sondern immer in Wechselwirkung mit anderen.“
Die anderen, das können auch andere Krebspatientinnen und Krebspatienten, Ärztinnen und Ärzte oder Krebsüberlebende sein. Diesen Einfluss haben sich Forschende des Mind & Body Lab an der Stanford University in den USA zunutze gemacht. Sie haben einen interaktiven Online-Kurs zur Beeinflussung der mentalen Einstellung bei Krebspatientinnen und Krebspatienten im Frühstadium entwickelt. Rund 360 Erkrankte nahmen an der Studie teil, die 2023 im Fachjournal „Psycho-Oncology“ erschienen ist.
Zehn Wochen lang sah sich die eine Hälfte der Krebspatientinnen und Krebspatienten kurze Videos mit Fachleuten aus der Psychologie und Onkologie sowie mit Krebsüberlebenden an. Diese berichteten, wie sich ihre Denkweise während und nach der Behandlung verändert hat und welche Herausforderungen sie dabei bewältigen mussten. Anschließend beantworteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Fragen. Zuletzt wurden sie gebeten, einen kurzen Brief an einen kürzlich diagnostizierten Krebspatienten zu schreiben und darin ihre Erfahrungen, insbesondere die Rolle ihrer eigenen Denkweise, zu schildern. Die andere Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer beantwortete lediglich die Fragen.
Die Forschenden kamen zu dem Ergebnis, dass der Online-Kurs die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten um 10 Prozent steigern konnte. „Die Intervention verbesserte nicht nur die Prognose, sondern auch das Erleben der körperlichen Symptome“, wird Onkologin Lidia Schapira in einem Beitrag der Universität zitiert. Sie hofft, dass diese Methode künftig als präventive Maßnahme von Ärztinnen und Ärzten an Krebspatientinnen und Krebspatienten verschrieben werden kann, bevor diese ein emotionales Trauma davontragen. „Wenn wir die Behandlungsphase weniger traumatisch gestalten können, mit weniger Symptomen, die weniger Begleitmedikamente erfordern, wird meiner Meinung nach auch der Weg aus der Krebsbehandlung in das Überleben leichter“, sagt Schapira.
Krebs als temporärer Begleiter
Auf dem Weg zum Überleben, da befindet sich auch Dupke. Die Operationen und Chemotherapien sind überstanden, nun folgen für eineinhalb Jahre Immuntherapien. Seinen Optimismus und seine Freude am Leben hat er nicht verloren – auch dank seiner inneren Stärke, die für ihn unter anderem Akzeptanz bedeutet. „Ich kann die Ereignisse in meinem Leben nicht ändern“, sagt er. „Aber die Art und Weise, wie ich darauf reagiere, die kann ich jederzeit anpassen, und das ist mir unheimlich wichtig.“ Als Keynote-Speaker versucht er, diese Lehre auch an andere Patientinnen und Patienten und deren Angehörige weiterzugeben.
Er selbst hat sich vorgenommen: „Ich versuche nie zu sagen, ich habe Krebs, weil ‚haben‘ heißt ‚besitzen‘ und ich will ihn nicht besitzen. Sondern ich sage, er begleitet mich für einen Teil meines Lebens und irgendwann trennen sich unsere Wege wieder.“
