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Polizistin: In Hanauer Tatnacht „Menschenmöglichste” getan

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Wiesbaden – Mehrere Polizeibeamte der Station Hanau haben nach eigenen Worten am Abend des Anschlags im Februar 2020 nicht gewusst, dass unbeantwortete Notrufe nicht weitergeleitet werden. Der fehlende Überlauf sei ihnen nicht bekannt gewesen, erklärten sowohl eine 30 Jahre alte Polizeibeamtin als auch ein 41-jähriger Polizeibeamter am Montag im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu den rassistisch motivierten Morden im Landtag in Wiesbaden.

„Wir haben das Menschenmöglichste, wozu wir in der Lage waren, getan, um die Situation zu meistern”, sagte die Polizistin. Sie wisse nicht, was sie und ihre Kollegen hätten besser machen können. Es hätte nichts am Einsatz geändert, wenn mehr Notrufe hätten entgegen genommen werden können. Die Polizistin hatte den ersten Notruf um kurz vor 22.00 Uhr angenommen. Der Anrufer habe von Schüssen gesprochen und große Angst um sein Leben gehabt. Sie habe mit ihm gesprochen, bis die Streife vor Ort angekommen sei.

Der Untersuchungsausschuss befasste sich am Montag unter anderem mit der lückenhaften Erreichbarkeit des Notrufs am Tatabend. Ein 43-jähriger Deutscher hatte am 19. Februar 2020 neun Menschen aus rassistischen Motiven erschossen. Danach tötete er seine Mutter und sich selbst. Der Untersuchungsausschuss soll klären, ob es vor, während und nach der Tat zu einem Behördenversagen kam.

Die Polizeistation Hanau war an dem Tatabend nach den Berichten der Beamten ausgedünnt, da drei Beamte bei einer Bombenentschärfung im Einsatz waren. Die 30-jährige Polizistin beantwortete die Notrufe überwiegend alleine.

Ein 22-Jähriger hatte den Täter nach den ersten Schüssen in der Hanauer Innenstadt mit seinem Auto verfolgt, um ihn zu stoppen und dabei mehrfach vergeblich den Notruf 110 gewählt. Kurz darauf war er von dem Attentäter in seinem Auto erschossen worden. Auf die Frage, was sie dem Mann am Telefon gesagt hätte, wenn er durchgekommen wäre, sagte die Beamtin, sie hätte ihm vermutlich geraten, niemandem hinterherzufahren, der zuvor geschossen habe.

Der 41-jährige Polizeibeamte sagte, er sei nach den ersten Notrufen direkt zum Tatort gefahren, denn es habe eine akute Bedrohungslage für Menschen gegeben. Wenige Minuten später sei er am Tatort gewesen.

Ein Leitender Polizeidirektor berichtete als Zeuge im Ausschuss, dass die Bearbeitung der Notrufe in der Hanauer Station nach mehreren Beschwerden im Jahr 2006 technisch nachgerüstet worden sei. Inzwischen werden sämtliche Notrufe zentral abgearbeitet, wie der 55-Jährige sagte. Er nannte es „eine richtige Entscheidung”, dass in der Anfangsphase alle verfügbaren Kollegen auf die Straße gebracht worden seien.

Die Obfrau der Linksfraktion, Saadet Sönmez, erklärte, beim Notruf habe es eine „veritable Kette des Versagens” gegeben. Dieser sei in Hanau fast 20 Jahre lang trotz Beschwerden technisch und personell völlig unzureichend ausgestattet gewesen. Der Obmann der FDP-Fraktion, Jörg-Uwe Hahn, betonte: „Zu kritisieren sind nicht die einzelnen Polizistinnen und Polizisten, die eine gute Arbeit geleistet haben.” Zu kritisieren sei die schlechte personelle und technische Ausstattung. „Denn klar ist: Ein Notruf muss immer funktionieren.”

© dpa-infocom, dpa:220717-99-56100/4 (dpa/lhe)