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Nach Unfall Bein verloren Dachdecker fand in Reifferscheider Firma den Weg zurück zum Bau

An einem Arbeitsplatz ist ein Mitarbeiter im Rollstuhl mit Montagearbeiten beschäftigt.

Die Zahl der schwerbehinderten Arbeitnehmer ist im Kreis Euskirchen stetig gestiegen.

Nach einem Unfall und langer Leidenszeit hat der damals 27-jährige Dachdecker Stefan Züll ein Bein verloren. Doch trotz schwerer Behinderung hat er es auch dank des Engagements einer Firma zurück auf den Bau geschafft.   

Mit 24 Jahren ändert sich das Leben von Stefan Züll von einem auf den anderen Tag. Der gelernte Dachdecker hat einen Autounfall und wird mit einem offenen Schien- und Wadenbeinbruch im linken Bein ins Krankenhaus gebracht. Damit beginnt eine Leidenszeit, die mehrere Jahre andauert.

Das Bein verheilt nicht. Wieder und wieder wird Züll operiert. Er ist entweder zu Hause oder im Krankenhaus, arbeiten kann er nicht. Drei Jahre geht das so. Nach 30 Operationen ist Züll am Ende. „Ich habe da für mich beschlossen, dass ich nicht mehr um mein Bein kämpfen möchte“, sagt er heute. „Ich wollte mein altes Leben zurück.“ Amputation. Mit 27 Jahren.

Ich wollte mein altes Leben zurück.
Stefan Züll

Damit gehört Züll zu den 20.610 Menschen im Kreis Euskirchen, die schwerbehindert sind. Laut der Arbeitsagentur ist das etwa jeder Neunte im Kreis. Die Art der Behinderung ist dabei sehr unterschiedlich: Manche haben eine Querschnittslähmung, bei anderen sind innere Organe in ihrer Funktion beeinträchtigt. Und auch Menschen mit geistigen und seelischen Sinnesbeeinträchtigungen oder Suchtkranke fallen darunter.

Züll ist ein großer Mann, breite Schultern, kurze Haare, freundliches Gesicht. Er hadert nicht mit seiner Entscheidung. „Seit dem Tag ist mir eine Riesenlast von den Schultern gefallen.“ Würde er eine lange Hose tragen, seine Behinderung würde nicht auffallen.

Sobald er eine Prothese nutzen konnte, habe er wieder laufen können. Und bislang habe er keine Probleme mit der Prothese gehabt, berichtet er. In diesem Jahr erfüllte sich dann noch ein großer Wunsch. „Ich war eine Zeit lang weg vom Bau, wollte aber wieder zurück.“

Reifferscheider Unternehmer bauen Mehrfamilienhäuser in der Eifel

Über Bekannte entstand ein Kontakt zu Thomas Mahlberg und Christian Lorse, die mit ihrem Unternehmen Lorse & Mahlberg GbR Mehrfamilienhäuser in der Eifel planen und bauen. Seit Frühjahr ist Züll in der Baufirma des Unternehmen angestellt und sehr glücklich darüber. „Ich bin froh, dass ich hier bin.“

Das Foto zeigt Christian Lorse, Stefan Züll, Thomas Mahlberg von der Firma Lorse und Mahlberg GbR. Züll hat vor vier Jahren sein Bein verloren und arbeitet heute wieder auf dem Bau.

Zeigen, dass es geht: Stefan Züll (Mitte) arbeitet trotz Prothese in der Firma von Christian Lorse (l.) und Thomas Mahlberg.

Ralf Holtkötter, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Brühl, würde sich wünschen, dass mehr Arbeitgeber so handelten wie Mahlberg und Lorse. Nach wie vor gebe es auf Arbeitgeberseite viele Vorurteile, schwerbehinderte Menschen einzustellen. Zwar steige die Zahl der Schwerbehinderten, die einen Job haben, gleichzeitig steige aber auch die Zahl der arbeitslosen Schwerbehinderten im Kreis.

Und auch der Anteil der Schwerbehinderten an allen Arbeitslosen im Kreis sei zuletzt mehr geworden. Abschreckend wirke für Arbeitgeber oft der besondere Kündigungsschutz, den schwerbehinderte Menschen haben. Nach Sozialgesetzbuch braucht der Arbeitgeber für die Kündigung eines Schwerbehinderten die Zustimmung vom zuständigen Inklusionsamt.

Zur Nachhaltigkeit gehört für die Firmenchefs soziales Engagement  

Mahlberg und Lorse hat das nicht abgehalten. „Es gibt einen erweiterten Kündigungsschutz, ja, aber es gibt ja auch noch die Probezeit“, sagt Mahlberg. Das reiche, um herauszufinden, ob der Arbeitnehmer ins Unternehmen passe. Für ihn und Lorse ist das ganze aber auch eine Haltungssache.

Der Slogan ihres Unternehmens lautet: „Wohnen zukunftsfähig gestalten. Nachhaltig und energieeffizient.“ Nachhaltig beziehe sich dabei auf das gesamte Unternehmen. Da  gehe es auch um ein gutes Betriebsklima, um soziales Engagement. „Wenn man Werbung damit macht, muss man es auch in allen Bereichen im Unternehmen leben“, so Mahlberg.

Zumal sie mit Züll eine Fachkraft gewonnen haben. Und die sind in den aktuellen Zeiten rar gesät. Züll selbst sagt, er habe in seinem Job keinerlei Einschränkungen. Er mache alles. „Von Trockenbau über Mauern bis hin zum Dach.“ Nur beim Besteigen einer Leiter sei er vorsichtiger als früher, einfach weil das Gefühl im linken Fuß fehle.

Mit Zuschuss der Arbeitsagentur eigens Bus mit Werkzeug angeschafft 

Für seinen Job haben Mahlberg und Lorse ihm einen Bus mit Werkzeug angeschafft. Das sei über den Eingliederungszuschuss der Arbeitsagentur möglich gewesen, berichtet Mahlberg. Den könne man als Unternehmen bei Einstellung eines Schwerbehinderten beantragen. Und auch beim LVR gebe es Fördermöglichkeiten.

Insgesamt sei die Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur und dem LVR sehr positiv verlaufen. „Die waren so hilfsbereit.“ Arbeitsagenturen hätten ja oft einen negativen Ruf. Doch die Unterstützung sei großartig gewesen. Lorse und Mahlberg wollen mit ihrem Beispiel anderen Arbeitgebern Mut machen, Menschen mit Behinderung eine Chance zu geben.

Die Entscheidung zur Amputation nach reiflicher Überlegung getroffen

Züll kommt mit seiner Behinderung gut zurecht. Er sieht sie kaum als Einschränkung und will nicht viel Aufhebens darum machen. Der 31-Jährige wirkt mit sich im Reinen. Fast schon, als sei es egal, ob Prothese oder gesunder Fuß. Ganz so sei das natürlich nicht. „Es gibt gute und schlechte Tage“, berichtet er. Aber er habe lange Zeit über die Entscheidung nachdenken können.

„Wenn ich nach dem Unfall wach geworden und das Bein weg gewesen wäre, dann wäre das vielleicht anders.“ So aber habe er die Entscheidung für die Amputation bewusst und nach reiflicher Überlegung getroffen. Das habe mental sicher geholfen, mit der Situation klarzukommen. Und dennoch. Am Tag vor seiner Amputation sei er aus dem Krankenhaus abgehauen, erzählt er. Zu groß war die Angst.


Im Kreis Euskirchen steigt die Zahl der Beschäftigten mit Behinderungen 

Rund jeder neunte Einwohner im Kreis Euskirchen ist nach Angaben der Agentur für Arbeit Brühl schwerbehindert – etwa 20 Prozent leiden unter einer Beeinträchtigung der Funktion innerer Organe. 18,8 Prozent haben eine Querschnittlähmung, zerebrale Störungen, geistig-seelische Sinnesbeeinträchtigungen oder sind suchtkrank.

Laut Arbeitsagentur ist die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen im Kreis stetig gestiegen. Bei der Befragung 2020 habe sich die Zahl gegenüber 2019 (da waren es 1897 schwerbehinderte Beschäftigte) um 27 oder 1,4 Prozent auf 1924 erhöht. Der Anteil der beschäftigten schwerbehinderten Menschen zwischen 55 bis 64 Jahren im Kreis Euskirchen an allen schwerbehinderten beschäftigten Menschen beträgt rund 53 Prozent.