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Brauchtum in MechernichDer Ätzebär wird in rund 20 Kilo Erbsenlaub gewickelt

3 min

Mechernich-Kommern – „Zieh!“ – „Jetzt warte!“ Kurze, knappe Anweisungen schallen durch die Scheune. Auf dem Boden liegt haufenweise Erbsenlaub, das von geschäftigen Männern mit Sisalseilen fest um den Körper von Carsten Cönen gespannt wird. Mitten im Getümmel steht der 25-Jährige ruhig und gelassen und freut sich auf seine Mission: Er macht den Ätzebär von Kommern. Vor dem traditionellen Marsch durch das Dorf muss sich Cönen jedoch der Prozedur des Einbindens unterziehen.

„Ich fühle mich langsam wie ein Michelin-Männchen“, stellt der Student der Elektrotechnik lachend fest. Rund 22 Kilogramm wird Cönen nachher durch die Gassen schleppen. Drei Kilometer Fußmarsch stehen auf dem Plan. Vorsichtig tastet er sich an sein neues Körpergefühl heran, einen Schritt vor, einen zurück. Beweglich ist anders. „Warte, das eine Bein ist dicker geraten, da müssen wir noch auffüllen“, haben die Verpacker ein prüfendes Auge auf das Outfit. Erfahrene Ätzebären wissen: Die kleine Runde durchs Dorf ist eine schweißtreibende Angelegenheit. „Bis wohin gehen wir denn?“, fragt Cönen vorsichtig nach. Doch seine Einpacker kennen kein Pardon: „Zuerst mal bis nach Firmenich“, bekommt er scherzhaft zur Antwort. Eine gewisse Fitness sollte der auserwählte Ätzebär vorweisen können, meint Worm. Als Fußballer des TSV Feytal bringt Cönen aber beste Voraussetzungen mit.

Aufgegeben wurde noch nie

Aufgegeben? Das habe noch keiner, versichert Manfred Worm. „Manchmal war es schon kritisch, aber bisher haben es alle geschafft.“ Allerdings, so der Ätzebär-Führer schmunzelnd: „So manchem haben wir vorher ein paar Bananen zufüttern müssen, damit genug Energie da war.“ Mancherorts werde das Einwickeln mit Stroh erledigt. Nicht so in Kommern: „Wir sind hier noch nie mit Stroh gegangen. Das ist doch auch ein Ätzebär, also ein Erbsenbär und kein Strohbär!“, meint Worm.

Mittlerweile schauen die Männer etwas sorgenvoll drein – jedoch nicht in Richtung Cönen, sondern vielmehr gen Himmel. „Wenn es regnet, müssen wir abkürzen“, sagt Franz Josef Hein. Dann sauge sich das Erbsenlaub voll und werde untragbar.

Einmal Ätzebär zu sein, das scheint für viele Kommerner ein Traum zu sein: „Wir finden immer jemanden, der den Bär macht“, so Worm. Eigentlich sollte jedes Jahr ein anderer in die Rolle schlüpfen, aber selbst Worm hat den Ätzebär schon mehrmals gegeben. Genau genommen ist 76-Jährige ein Urgestein der Ätzebär-Tradition in Kommern. Seit 1960 organisiert er gemeinsam mit Franz-Josef Hein das Event, mittlerweile hat er rund 55 Ätzebären begleitet.

Früher, etwa in den 1960er Jahren, sei es keine Schwierigkeit gewesen, an „Verpackungsmaterial“ zu kommen. Da habe es das Erbsenlaub überall in den Dörfern der Eifel gegeben. Heute wird das begehrte Material von Peter Hein organisiert. Der Landwirt hat einen Betrieb in Hostel ausgespäht, der heute noch Erbsen anbaut.

Am Ende der Verpackungsorgie ist von Carsten Cönen nicht mehr viel zu erkennen. Nur sein Gesicht lugt freundlich aus dem Erbsenlaub hervor. Dann kann es losgehen. Musiker begleiten den Tross. „ Zwischendurch kehren wir in die Wirtschaften des Dorfes ein“, so Franz-Josef Hein. Am Alten Rathaus hat der Ätzebär es dann geschafft. Er wird vom Erbsenlaub befreit, das zum krönenden Abschluss angezündet wird – auf dass der Winter bald verschwinde!