Synagoge angezündetStele erinnert an Pogromnacht in Gemünd
Schleiden-Gemünd – Zahlreich war die Schar der Teilnehmer, die am Sonntagabend zur Enthüllung einer neuen Informationstafel an die ehemalige Synagoge der kleinen jüdischen Gemeinde Gemünds an dem Parkplatz vor der ehemaligen Bäckerei Poth gekommen war. Die Synagoge befand sich einige Meter weiter an der ehemaligen Mühlengasse, heute Am Kreuzberg. Das jüdische Bethaus war in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 unter tatkräftiger Mitwirkung örtlicher Nazis in Brand gesetzt worden. Beim Synagogenbrandprozess am Landgericht in Aachen wurde nach 1945 deutlich, dass die Feuerwehr zwar anrückte, aber mit dem ausdrücklichen Befehl, lediglich ein Übergreifen der Flammen auf Nachbarhäuser zu verhindern.
Heute steht – offensichtlich teilweise auf den Grundmauern der ehemaligen Synagoge – eine Art Werkstattgebäude. In den 80er-Jahren wurde an einer benachbarten Mauer eine Erinnerungstafel aufgehängt, die allerdings so abseits liegt, dass weder Einheimische noch Touristen sie zur beachten.
Als nun der Arbeitskreis Stolpersteine Gemünd eine Tafel mit erneuertem Text und Bildern und Zeichnungen aufstellen wollte, einigte man sich schnell auf eine zentralere und publikumsstarke Stelle an der Kreuzung der Bundesstraße.
Brennende Kerzen
Der Gang zur Enthüllung der Stele mit der Erinnerung an die Synagoge startete in der Abenddämmerung am Kurparkhotel.
Auf dem Weg durch die Dreiborner Straße nahmen Akteure des Arbeitskreises auch Lampen mit brennenden Kerzen für jene ehemaligen jüdischen Familien mit, denen im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit der 800-Jahr-Feier der Stadt bereits Stolpersteine verlegt worden waren. An jedem ehemals jüdischen Wohnsitz mit Stolpersteinen wurden kurz die Lebensdaten der ehemaligen Bewohner vorgetragen.
Heike Schumacher und Felicitas Müller trugen ebenfalls einen Text vor: „Am Anfang waren nur Worte.“ Die nationalsozialistische Geschichte habe gelehrt, dass es bald auch zerbrechende Schaufenster jüdischer Geschäfte und am Ende der Holocaust gewesen seien. „Noch nie“, so hieß es in dem Text, „hat sich ein Volk so geirrt.“
Hanna Miley, geborene Katz, die aus dem Städtchen stammende Holocaust-Überlebende und Schirmherrin des Stadtjubiläums, erinnerte an ihre Eltern und einen Onkel sowie ihren Jugendfreund Kurt: allesamt Holocaust-Opfer.
Die große, mit rotem Tuch verhüllte Stele basiert auf einer Darstellung des Landschaftsverbandes Rheinland, die für die Archäologietour des vergangenen Jahres angefertigt worden war. Anlässlich der Enthüllung fand Bürgermeister Udo Meister klare Worte, in denen auch deutlich wurde, dass es eben nicht irgendwelche anonymen fremden Nazis waren, die 1938 in Gemünd marodierten, sondern Einheimische: Die Stele werde errichtet zur Erinnerung an die Synagoge und die Opfer, „über die wir in Schleiden so viel Leid gebracht haben“.
Im Schleidener Tal gebe es inzwischen eine breit getragene Erinnerungskultur, die Schüler und Jugendliche mitnehme. Gerade die Jugend habe beeindruckende Beiträge des Erinnern und Gedenkens beigesteuert. Das sei gelebte Erinnerungskultur.
Wie Alois Sommer am Rande der Enthüllung berichtete, waren bereits am Vortag auch im Ort Schleiden an allen dortigen Stolpersteinen Blumen von einem Projektkurs der Klasse 9 der Hauptschule Hellenthal zum Gedenken an die Opfer niedergelegt worden.
